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Arne Friedrich im Gespräch „Für mich ist Spanien der Favorit“

07.07.2010 ·  Die Formkurve der Nationalelf steigt parallel zum Aufstieg des Arne Friedrich. Gegen Argentinien traf er sogar, im Halbfinale an diesem Mittwoch (20.30 Uhr) will Friedrich Spanien stoppen. Im F.A.Z.-Interview spricht der Verteidiger über das Konzept gegen den Europameister, die deutschen Chancen und seine Entwicklung seit der WM 2006.

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Von ganz unten nach ganz oben: Arne Friedrich hat in den letzten Wochen einen unglaublichen Höhenflug hinter sich. Mit der Hertha musste der 31 Jahre alte Abwehrspieler den Abstieg verkraften, in der Fußball-Nationalmannschaft erlebt der Westfale einen ungeahnten Aufstieg. Die Randfigur der Weltmeisterschaft 2006 ist in Südafrika eine der bestimmenden Persönlichkeiten im Team.

An der Seite von Per Mertesacker hält Friedrich als Routinier einer jungen deutschen Mannschaft die Defensive zusammen - und setzt sogar vorne unvergessliche Akzente. Beim 4:0 im Viertelfinale gegen Argentinien traf er zum vorentscheidenden 3:0. An diesem Mittwoch (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) will er im Halbfinale gegen Europameister Spanien den Einzug ins WM-Endspiel perfekt machen.

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Friedrich zuvor über seinen Wechsel zum VfL Wolfsburg, sein Tor gegen Argentinien und den Vergleich mit Guido Buchwald.

War es ein Fehler, jetzt schon beim VfL Wolfsburg zugesagt zu haben?

Nein. Ich freue mich auf die Aufgabe. Nach den Bayern haben die Wolfsburger in der Bundesliga die größten Möglichkeiten. Sie haben gute Strukturen, sind vor zwei Jahren Meister geworden, und ich rechne mir aus, in der kommenden Saison mit dem Klub in die Champions League zu kommen.

Als Torjäger steht einem die Welt doch offen?

Das Tor gegen Argentinien war kein Traumtor, aber schon ein Tor in Stürmermanier (lacht). Ich bin sehr froh, endlich eines in der Nationalmannschaft erzielt zu haben. Die Zeit ohne Tor war unendlich lang (im 77. Länderspiel, die Red.)

Es scheint, als seien Sie und die ganze Mannschaft in diesem Turnier nicht mehr zu bremsen.

Wir haben schon einen Lauf. Gegen Serbien gab es zwar einen kleinen Rückschlag, aber ich habe da bereits gesagt, dass eine Mannschaft nicht durch ein Turnier durchmarschiert. Irgendwann ist da halt ein Stolperstein. Doch nun kommt das entscheidende Spiel. Ich glaube, der Sieger unserer Partie hat große Chancen, den Titel zu gewinnen. Spanien ist für mich der Favorit. Die Mannschaft hat über die Jahre konstant gespielt, verfügt über ein überragendes Mittelfeld. Viele Spieler spielen bei Barcelona und sind dementsprechend ausgebildet und eingestellt. Taktisch sind sie stärker als Argentinien, wo sich vieles nur auf Messi konzentriert hat.

Der spanische Trainer bezeichnet die deutsche Mannschaft als beste der Welt.

Die beste Mannschaft der Welt - da gibt es natürlich viele Faktoren, da ist viel Spekulation dabei. Vielleicht will sich Spanien einfach etwas Druck nehmen und uns die Favoritenrolle zuschieben. Aber die nehmen wir nicht an. Für mich ist Spanien als Europameister im Vorteil. Wir sind der Außenseiter. Mit dieser Rolle sind wir bisher gut zurechtgekommen, obwohl wir in diesem Turnier schon zu den Mannschaften gehören, die am überzeugendsten gespielt haben.

Worauf kommt es gegen Spanien an?

Wir müssen als Mannschaft gut verteidigen. Die Spanier sind offensivstark, sie haben mit David Villa einen extrem guten und erfolgreichen Stürmer, der die Torschützenliste anführt. Und wir müssen uns vorne durchsetzen. Das wird nicht so einfach wie gegen Argentinien. Die haben mit zwei Reihen gespielt - vorne fünf und hinten fünf. Gegen Spanien wird es taktisch nicht so einfach werden, weil die Mannschaft viel arbeitet, sich permanent verschiebt und die Räume sehr eng macht. Es könnte ein sehr kniffliges, ausgeglichenes Spiel werden - vielleicht mit Verlängerung. Beide Mannschaften sind auf Augenhöhe, da wird keiner groß abfallen.

Als Sie nach Ihrem 3:0 gegen Argentinien sekundenlang am Boden gelegen haben, was haben Sie da gedacht?

Es war vor allem eine unglaubliche Erleichterung. Das Spiel war damit entschieden, Argentinien ausgeschaltet.

Im Vergleich zu 2006 ist Ihre Rolle heute eine ganz andere. Sie können endlich auf Ihrer Lieblingsposition spielen, haben im Gegensatz zur Heim-WM eine gute Presse und das Publikum hinter sich. Was hat sich getan?

Nach dem ersten Spiel 2006 war ich für viele der Sündenbock. Aber wir hatten damals zu Turnierbeginn noch unterschiedliche Sichtweisen beim Abwehrverhalten, was wir dann intern in den Griff bekamen. Ich habe meine Stärken einfach auf der Innenverteidigerposition. Ich hatte dazu noch gute Trainer wie in Berlin Lucien Favre, von dem ich viel im taktischen und technischen Bereich gelernt habe. Auch die Zeit mit Jogi Löw in der Nationalmannschaft hat mich geprägt.

Fühlten Sie sich als Nationalspieler lange Zeit unterbewertet oder haben Sie in den vergangenen Jahren viel dazugelernt?

Für mich gibt es zwei Gesichtspunkte: Ich habe lange nicht auf meiner Lieblingsposition in der Innenverteidigung spielen können, auf der bin ich einfach am stärksten. Ich war nie der Spieler auf der Außenposition, der wie Philipp Lahm viel Druck nach vorne macht. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Und das Spiel hat sich verändert. Früher in der Nationalmannschaft unter Rudi Völler musste man nur hinten die Seite dichtmachen - und damit war es gut. Aber ich habe mich natürlich im Laufe der Zeit auch entwickelt. Gerade im mentalen Bereich lernt man durch negative Presse dazu.

Können Sie das näher erläutern?

Man versucht, Dinge, die auf einen einströmen, zu differenzieren. Gerade bei der WM 2006 und in der vergangenen Saison mit Hertha BSC habe ich viel einstecken müssen. Irgendwann sieht man die viele Kritik in einem anderen Licht und viel gelassener. Das ist wie im richtigen Leben: Aus schwierigen Zeiten lernt man am meisten und zieht daraus neue Stärke.

Hat Sie schon mal jemand in Anlehnung an einen anderen deutschen Verteidiger aus der Weltmeistermannschaft von 1990 als Diego Buchwald bezeichnet?

Noch nicht.

Da hat aber auch jemand, der jahrelang in der Defensive stand und unterschätzt wurde, plötzlich ein überragendes Turnier gespielt, in dem alles funktionierte.

Wenn wir Weltmeister werden, nehme ich den Namen gerne an. So weit sind wir aber noch nicht, bis dahin sind zwei schwere Spiele zu absolvieren. Ich selbst fühle mich gut, bin fit. Und ich freue mich, dass die Mannschaft auch die Fans in Deutschland so sehr begeistert. Wir spielen erfrischenden Fußball, was in den vergangenen Jahren nicht immer so war. Das macht echt Spaß.

Erhalten Sie jetzt in wenigen Wochen so viel persönliche Aufmerksamkeit wie in all den vergangenen Jahren nicht?

Bei Turnieren ist die Aufmerksamkeit immer größer als sonst. Aber ich würde schon sagen, dass es für meine Verhältnisse bei diesem Turnier sehr extrem ist. Ich bin mehr in den Mittelpunkt gerückt, weil ich natürlich auch im Gegensatz zu 2006 mehr Verantwortung fürs Ganze trage und zum Mannschaftsrat gehöre.

Trotzdem spürt man zwischen Ihnen und den Fans immer eine gewisse Distanz. Andere Spieler werden sofort ins Herz geschlossen und gefeiert. Woran liegt das?

Ich trete auf den ersten Blick anderen Menschen vielleicht etwas zurückhaltender gegenüber. Anders als zum Beispiel ein Poldi. Aber das liegt in meinem Naturell. Das kann ich nicht abstellen, das will ich auch gar nicht. Ich bin eben ein Westfale. Die sind am Anfang immer etwas zugeknöpfter und müssen die Leute erst kennenlernen. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich mich dann öffnen kann.

Was bedeutet dieses Turnier für Sie persönlich?

Ich hoffe, wir werden Weltmeister. Das wird etwas Riesiges bewirken. Diesen Titel will jeder haben, aber nur ganz wenige können ihn auch erreichen. Das wäre der Wahnsinn. Wenn wir am Ende nur Dritter oder Vierter würden, wäre das zwar ein schönes Turnier gewesen, in dem wir wieder die Massen bewegt, viel für den deutschen Fußball und die Außendarstellung unseres Landes getan hätten. Aber es würde mir diesmal nicht reichen. Das hatten wir alles schon bei der WM 2006. Ich möchte mehr, ich möchte ins Finale und den Pokal gewinnen.

Als Mitglied des Mannschaftsrates müssen Sie mitentscheiden, wohin die Mannschaft im Erfolgsfall nach Deutschland zurückkehren wird. Liegt nicht die Hauptstadt Berlin auf der Hand?

Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Das entscheidende Spiel wird das gegen Spanien sein.

Die Fans sind jetzt schon begeistert. Wollen Sie sich nicht wie 2006 als Dritter oder sogar Vierter am Brandenburger Tor feiern lassen?

Eher nicht. Wir sollten schon ins Finale kommen, um uns entsprechend zu verabschieden.

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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