Home
http://www.faz.net/-gtm-6v2yn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Argentinien Messi wird zum Sündenbock

 ·  Der beste Spieler der Welt findet in seiner Heimat keinen Anschluss. Nach schwachen Start in die WM-Qualifikation rufen die argentinischen Fans nach Riquelme.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (1)
© dapd Ein Schatten seiner selbst: Lionel Messi im Nationalmannschaftstrikot

In der Verzweiflung riefen die argentinischen Fans nach dem letzten noch aktiven Hoffnungsträger vergangener Jahre: Juan Roman Riquelme, Spielmacher von Hauptstadt- und Kultklub Boca Juniors, soll es richten. Den mittlerweile 33 Jahre alte Mittelfeldspieler feierten die erschreckend wenigen Zuschauer im Estadio Monumental wie einen Heilsbringer, obwohl der als „Diva“ verschriene Riquelme bereits seit mehr als zwei Jahren kein Spiel für die argentinische Nationalmannschaft bestritten hat.

Das Vertrauen in die Künste des neuen Trainers Alejandro Javier Sabella ist geschwunden, der südamerikanischen Fußball-Giganten leidet immer noch an seinem Schwäche-Virus. Und das 1:1 am Freitag in Buenos Aires in der WM-Qualifikation gegen Bolivien markierte einen neuen Tiefpunkt für Argentinien und seinen Superstar Lionel Messi.

Nur noch knapp 20.000 Fans konnten Barcelonas Held und Gonzalo Higuaín von Real Madrid ins einst gefürchtete Stadion von River Plate Buenos Aires locken. Doch nicht nur River Plate ist mittlerweile zweitklassig, auch die argentinische Nationalmannschaft hechelt seit Jahren dem eigenen Selbstverständnis hinterher. Die argentinische Trainerlegende Cesar Luis Menotti fragte jüngst spöttisch: „Was für eine Philosophie verfolgt Argentinien eigentlich?“

Der letzte aufrechte Rest der Fans feierte neben Riquelme ausgerechnet Abwehrspieler Clemente Rodríguez von den Boca Juniors, einen der wenigen argentinischen Nationalspieler, die nicht im Ausland ihr Geld verdienen. Fußball-Argentinien und ganz besonders Buenos Aires hat sich derweil von seinen hochbezahlten Auslandsstars innerlich verabschiedet.

Vor allem Lionel Messi bekommt die Wut und Enttäuschung seiner Landsleute zu spüren. Seit Jahren warten sie auf eine ähnliche starke Vorstellung des „Flohs“ im weiß-himmelblauen Trikot wie sie sie aus dem Fernsehen kennen. Dann allerdings trägt Messi nicht das argentinische, sondern das Dress des FC Barcelona.

Das Nationaltrikot scheint zumindest in Pflichtspielen bleischwer auf den Schultern des zierlichen Weltfußballers zu liegen. Und mit jeder Enttäuschung wie die jüngsten 0:1-Niederlage in Venezuela und jetzt dem 1:1 auf eigenem Platz gegen Bolivien scheint dieses verfluchte Kleidungsstück noch ein paar Gramm mehr auf die Waage zu bringen.

Der Albtraum nimmt kein Ende

Auch gegen Bolivien blieb Messi weit hinter der Form zurück, die er Woche für Woche beim FC Barcelona zeigt. Ihm versprangen Bälle, Pässe landeten im Nichts, Torschüsse irgendwo, nur nicht in der Nähe des Tores. Es war ein Bild des Jammers: Messi stemmte die Hände in die Hüften und zeigte den entgeisterten Gesichtsausdruck, den die Fans in Argentinien so sehr fürchten.

Messis argentinischer Albtraum nimmt einfach kein Ende. Zu Argentiniens Glück konnte Lavezzi nach einer Stunde zumindest den Rückstand zum 1:1-Endstand ausgleichen.

Kurioserweise erlebt Messi auf dem Rest des südamerikanischen Kontinents die Verehrung, die ihm in der Heimat zuletzt versagt wurde. Beim jüngsten Auswärtsspiel in Venezuela im Oktober musste der Ausnahmefußballer aus der Kabine des Flugzeugs in das Cockpit flüchten, weil ihm begeistert mitreisende Passagiere zu sehr auf den Leib rückten.

In einigen südamerikanischen Ländern lässt ein deutscher Sportartikelhersteller gar riesige Wandgemälde statt Plakaten anfertigen. In Argentinien nicht. In Südamerika ist Lionel Messi ein Volksheld, im eigenen Land der Sündenbock.

40 Grad in Barranquilla

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch stehen Argentinien und Lionel Messi wieder einmal vor einem Schicksalspiel. Nach nur vier Punkten in drei Spielen wartet im tropischen Barranquilla ein wiedererstarktes Kolumbien. Die Gastgeber lassen die Partie um 16 Uhr anpfeifen. Um diese Uhrzeit erreicht die Temperatur im Stadion Metropolitano oft über 40 Grad. Ein fanatisches Publikum wird den in Kolumbien als arrogant verschrienen Argentiniern zusätzlich einheizen.

Trainer Sabella kündigte taktische Umstellungen an. Das 4-3-3 gegen Bolivien soll einer neuen taktischen Formation weichen, die vor allem den beiden Topstars Messi und Higuaín besser gerecht werden soll. Wieder einmal ändert Sabella die Strategie wie zuvor bereits seine Vorgänger Basile, Maradona und Batista.

Geht die Partie in Barranquilla verloren, dürfte auch Sabella ernsthaft in Frage gestellt werden. Die Fußball-Weltmacht Argentinien kann im Jahr 2011 nur zwei Konstante bieten: Die Enttäuschung und der ständige Wechsel.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Jahre des Versagens

Von Paul Ingendaay

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit. Mehr 2 10