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Argentinien Ein unglaubliches Team, ein unglaublicher Trainer

03.03.2010 ·  Hat der vielleicht größte Fußballspieler von Fußball keine Ahnung? Es scheint, Argentinien tut Maradona besser, als Maradona Argentinien. In dem einst ausgebrannten Nationalhelden lodert es, aber sein Team wirkt leichenblass.

Von Christian Eichler, München
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Der Trainer-Trend der Woche: Zigarre. Joachim Löw reagierte prompt und ließ sich zum Auftakt seiner Pressekonferenz am Dienstag Feuer geben. Natürlich nur symbolisch, Löws Zigarre war unsichtbar. Anders als die, mit der Diego Maradona tags zuvor auf dem Trainingsgelände des TSV 1860 München aufgetaucht war. Während Don Diego die Übungen seiner Torhüter überwachte, sog er genüsslich an einem dicken Stumpen. Ein Mann unter Zugzwang? Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Es lodert wieder in Maradona.

Vor sechzehn Monaten, bei seiner Premiere als Nationaltrainer mit einem 1:0-Sieg in Schottland, sah er ausgebrannt aus, aschgrau, zerfurcht. Seine ganze einmalige Fußball- und Drogenkarriere, die Exzesse und Entziehungskuren, die Magenverkleinerung, die Aufenthalte auf Intensivstationen, alles schien in diesem Gesicht abgebildet. Und nun? Um 20.57 Uhr, nach ausgiebigem Duschen und mit einer Verspätung, die der Länge einer guten Havanna entsprach, setzte er sich am Montag vor die Mikrofone, scherzte über das Kissen auf seinem Stuhl („damit sehe ich größer aus“) und strahlte eine unverwüstliche Lebendigkeit aus.

Sein Team dagegen hat sich in der turbulenten Zeit seit seiner Ernennung von einem leichenblassen Auftritt zum nächsten gehangelt. Es scheint, Argentinien tut Maradona besser, als Maradona Argentinien tut. „Ich will neue argentinische Helden“, erklärte Maradona vor dem einzigen ernsthaften WM-Test gegen Deutschland am Mittwoch in München. „Wie heiß meine Jungs auf die WM sind, das motiviert mich“. Dazu funkelte sein kämpferischer Blick mit den Brillantringen in beiden Ohren und den Brillantuhren an beiden Armen um die Wette. In München kann er das gefahrlos tragen. Anders als im September bei einer Abmagerungskur in Meran, wo ihm der italienische Fiskus wegen alter Steuerschulden aus seiner Zeit in Neapel die Ohrringe pfändete.

Maradona schöpft aus einem Reservoir an Weltklassespielern, um das ihn fast alle Kollegen beneiden müssen. Die fünf gegen Deutschland nominierten Angreifer Messi, Milito, Aguero, Tevez und Higuain kommen in ihren Ligen in Spanien, Italien und England auf 72 Saisontore - Klose und Podolski kommen in der Bundesliga auf drei. Laut Löw ist Argentinien ein Team „mit unglaublichen Möglichkeiten“.

Maradona hat 102 verschiedene Spieler nominiert

Aber ist es überhaupt ein Team? Und Maradona überhaupt ein Trainer? Fast wöchentlich hat er das System gewechselt, mal mit zwei Sechsern gespielt; mal mit einem, mal mit zwei Stürmern, mal mit drei. Mal hat er gar nicht umgestellt, obwohl es durch einen Platzverweis im WM-Qualifikationsspiel in Paraguay nötig geworden war. Weil Fernando Gago dort heftig eine Entscheidung des Trainers forderte, traf Maradona eben die Entscheidung, Gago vorerst nicht mehr aufzustellen.

In 16 Monaten hat Maradona 102 verschiedene Spieler nominiert. Es ist eine Zahl, wie sie nur der brasilianische Nationaltrainer Vanderlei Luxemburgo Anfang des vergangenen Jahrzehnts schaffte - ehe herauskam, dass er an den Wertsteigerungen der durch ihn veredelten Profis auf dem Transfermarkt mitverdient hatte. Einer der wenigen, die einen Stammplatz haben, ist Verteidiger Gabriel Heinze. Er wurde wegen Formschwäche bei Real Madrid abserviert. Sein Bruder ist Maradonas Vermarkter.

Hat der vielleicht größte aller Fußballspieler von Fußball keine Ahnung?

Es ist eine Frage, die ans Allerheiligste der argentinischen Religion namens Fußball rührt: Kann es sein, dass der vielleicht größte aller Fußballspieler von Fußball keine Ahnung hat? Mit Ach und Krach hat er die WM-Teilnahme geschafft, im Play-off-Spiel in Uruguay. Sechs von 16 Partien unter Maradona gingen verloren. Kaum ein Spieler spielt, als wisse er, was er soll. Selbst Lionel Messi, in Barcelona der Weltbeste, ist in der „Albiceleste“ oft nur ein Mitläufer. Die öffentliche Meinung in der Heimat hat sich gegen Maradona gedreht: „Er macht nichts richtig“, schrieb „La Nación“. Der greise Verbands-Chef Grondona installierte den Weltmeistertrainer von 1986, Carlos Bilardo, als Sportlichen Direktor und damit als eine Art Aufpasser für Maradona.

Doch der macht nicht den Eindruck, auf irgendetwas anderes zu hören als auf seine halbgöttlichen Eingebungen. Im Auftreten wirkt er mal wie ein hemmungsloser Prolet, der obszöne Beschimpfungen ausstößt; mal wie ein verrückter Fan, der sich seiner Leidenschaft spontan hingibt; mal wie ein großherziger Gönner, der seinen Hofstaat genießt. Aber seine aktuelle Lieblingspose ist die Kopie eines lateinamerikanischen Klein-Diktators, der sagt: „Das Volk gibt mir die Kraft.“ Und der die graue Gegenwart mit pathetischen Erinnerungen an große revolutionäre Jahre zu bannen versucht: „Das Team erinnert mich an 1986, und 2010 wird wie 1986.“ Wenn es so kommt, dann war es die Zigarre Gottes.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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