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Argentinien Der Tag, an dem Diego Maradona entlarvt wurde

05.07.2010 ·  Emotionen statt Konzepte: Beim 0:4 gegen Deutschland erweist sich Argentiniens Trainer Diego Maradona als überfordert. War es schon der letzte Auftritt seiner kurzen zweiten Karriere? Maradonas Fehlerkette ist ziemlich lang.

Von Christian Eichler, Kapstadt
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„Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagte Diego Maradona mit müder Stimme. „Ich habe keine Energie mehr.“ Energie und Genie waren das, was Maradona als Spieler zu geben hatte. Energie und sonst nichts war das, was Maradona als Trainer gab. Immer wieder bei dieser WM hat er seine Spieler gedrückt, geküsst, gehalten, geherzt, berührt, als könne seine Nähe Berge versetzen, Fußballspiele gewinnen, Titel holen. Er war ihnen wie eine Mutter. Doch eine Mutter hatten sie ja schon. Sie hätten einen Trainer benötigt.

Am Samstag, im Viertelfinale gegen Deutschland, wurde offenbar, dass Maradona überfordert war, dass es auch in einem Team, das den besten Spieler der Welt hat, nicht ausreicht, nur Emotionen zu übertragen. An diesem Tag wurde anderes verlangt. Es wurden Fakten geprüft, Fachkenntnisse erwartet, Fähigkeiten gefragt, die nicht aus dem Bauch, sondern aus dem Hirn eines Trainers stammen. Am Ende dieser Prüfung wurde Diego Maradona durch das 0:4 gegen Deutschland als ein Trainer entlarvt, der keiner war.

War es der letzte Auftritt seiner kurzen zweiten Karriere? „Vielleicht höre ich morgen auf“, sagte er. „Aber ich möchte, dass diese Jungs weitermachen.“ Es sind großartige Fußballer, allen voran Lionel Messi. Aber sie fanden unter Maradona keine Struktur, die ihre individuellen Fähigkeiten zu kollektiver Stärke summiert hätte. „Wir wussten, dass Argentinien eine zweigeteilte Mannschaft ist“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem Spiel, „dass vier Spieler nicht gern nach hinten arbeiten und dass dadurch Lücken in der Defensive entstehen.“ Deutschland unter Löw hatte ein Konzept, wie es das stets hat, gegen jeden Gegner neu. Argentinien unter Maradona hatte keines.

Der Trainer macht mehr als einen Fehler

Der Kontrast hätte nicht größer sein können. Das deutsche Team erfüllte die Grundvoraussetzung modernen Fußballs mit höchster Lebendigkeit: dass es nämlich keine Spieler mehr gibt, die nur Angreifer oder nur Verteidiger sind, sondern stets elf Verteidiger (bei Ballbesitz des Gegners) und elf Angreifer (bei eigenem Ballbesitz), und all das mit blitzschnellem Umschalten zwischen beiden Funktionen. Das argentinische Team war eines wie in den alten Tagen, als man ein paar harte Knochen in die Abwehr stellte, zwei, drei schnelle Knipser nach vorn schickte und ansonsten Maradona den Ball gab. Er löste alle Probleme. Damals.

Als Spieler hat Maradona fast alles richtig gemacht, aus argentinischer Sicht jedenfalls. Nun aber wird daheim abgerechnet, was Maradona als Trainer falsch gemacht hat. Und auch das ist fast alles. Er überging Weltklassespieler wie Linksverteidiger Zanetti und den defensiven Mittelfeldmann Cambiasso, beide Champions-League-Sieger mit Inter Mailand. Er mischte stattdessen ständig seine Abwehr und spielte zuletzt mit Außenverteidigern, die eigentlich Innenverteidiger sind und entsprechend zu hölzern und zu langsam für die Außenseite.

Maradona bei der Analyse überfordert

Und er überforderte Kapitän Mascherano als einzige Nahtstelle zwischen Abwehr und Angriff mit dem Spielaufbau und vor allem damit, die diagonal und vertikal vernetzten Angriffsbewegungen von Özil, Müller, Khedira und anderen ganz allein aufzuhalten. Er versäumte es, den Veteranen Veron zu bringen, um einen Ballverteiler im Mittelfeld zu haben. Er ließ es so zu, dass Messi sich bis in die eigene Hälfte zurückfallen lassen musste, um anspielbar zu werden – und damit beherrschbar für die gut organisierte und stets Überzahl in Ballnähe schaffende deutsche Defensive. Und er glaubte, es sei genug, im Training einfach nur ein bisschen Spaß mit den Spielern zu haben.

Nicht nur von der Planung des Spiels, auch von der Erklärung des Resultats schien Maradona überfordert. Er beklagte das frühe Gegentor nach einem Freistoß, obwohl man gewusst habe, „dass sie bei Standardsituationen sehr gefährlich sind“. Es war eine Erkenntnis Maradonas, die noch auf sein gewonnenes WM-Finale 1986 zurückgehen muss, als beide deutschen Tore nach Ecken fielen. In den letzten sechs Jahren vor Müllers Treffer hatte Deutschland hingegen nur zwei Tore nach Standards erzielt. Und dann verwechselte Maradona Müller auch noch mit Friedrich. Der aber schoss erst das dritte Tor.

Die Traurigkeit, sie ist sehr stark“

Die fachliche Analyse fiel aus. Mit müder Stimme sprach Maradona vom Stolz, von den Tränen, der Trauer, den Träumen, der Ehre, dem Dank. Dieses emotionale, ja spirituelle Vokabular wirkte aber sinnentleert an dem Tag, da Maradona entlarvt worden war: als einer, der einem Fußballteam und einer Fußballnation keine Lösungen mehr liefern kann und, schlimmer, keine Wunder. „Wir leben Fußball“, sagte er über Argentinien. „Wir atmen Fußball.“ Aber sie spielten ihn nicht.

Diego war traurig, jeder konnte es sehen. Das war ja immer das Großartige an diesem Mann: nicht nur die Art, wie er Fußball spielte, auch die, wie er den Fußball mit jeder Faser lebte, liebte, übertrieb, genoss, erlitt; wie er seine Gefühle am Ball jedem mitteilte, der Augen hatte. Und zumindest das ist bei ihm auch als Trainer so geblieben. „Die Traurigkeit“, setzte er am Ende an, „sie ist sehr stark. Vielleicht so stark wie nur an dem Tag, an dem ich aufhörte, Fußballer zu sein.“ Aber genau das ist er geblieben. Diego Maradona – er blieb als Trainer ein Fußballer, dem man den Ball weggenommen hat.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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