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Argentinien Das Land der etwas anderen Fußballrekorde

03.07.2010 ·  Deutschlands Gegner Argentinien ist mehr als Maradona und Messi. Christian Eichler erinnert an einschläfernde Trinkflaschen, tretende Knochenspezialisten, schmutzige Spiele, verweigerte Platzverweise - und die neuste Verschwörung.

Von Christian Eichler
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Argentinien ist mehr als Maradona und Messi - auch wenn sich die deutschen Spieler im WM-Viertelfinale an diesem Samstag (16.00 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) vor allem auf den kleinen Wirbelwind und seine zehn Mitstreiter kümmern müssen. Doch die WM-Geschichte der Südamerikaner ist reich an kuriosen Anekdoten, in denen es nicht immer herzlich zur Sache ging. Christian Eichler erinnern an zwölf etwas andere argentinische Rekorde.

Der letzte Finalist

Franchisco „Pancho“ Varallo besucht immer noch gern die „Bombonera“, das legendäre Stadion der Boca Juniors in Buenos Aires. Für sie hat der Mann, den sie „Canoncito“ nannten, die kleine Kanone, 181 Tore in 210 Spielen erzielt - mehr schaffte auch ein gewisser Maradona nicht. Varallo ist in diesem Februar 100 Jahre alt geworden.

Vor dem Viertelfinale: Argentinier üben Elfmeter

Er ist der letzte Überlebende des ersten WM-Finals von 1930. Damals fuhren die Argentinier über den Rio de la Plata nach Montevideo. Dort wurden sie von den Uruguayern beschimpft, mit Lärm um den Schlaf gebracht und 4:2 geschlagen. Noch fast achtzig Jahre später sagte Canoncito: „Ich bin heute noch stocksauer, dass wir verloren haben.“

Der größte Knochenspezialist

Eine der Stützen Argentiniens war der hünenhafte Luis Monti, der darauf spezialisiert war, Gegner einzuschüchtern - und aus dem Spiel zu treten. Solche Fähigkeiten waren gefragt. Deshalb lockte Italien 1934 vor der WM im eigenen Land Monti aus dem von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Argentinien. Monti war seine Lire wert, er trat im Halbfinale Matthias Sindelar, den Star des österreichischen „Wunderteams“, zusammen. Italien gewann den Titel, und Luis Monti wurde der erste argentinische Weltmeister - 44 Jahre bevor es sein Land wurde.

Der Größte, der nie mitmachte

Als erste Mannschaft, in der Positionen während des Spieles verschoben wurden, ein Kreislauf von Verteidigern und Stürmern, galt River Plate in den vierziger Jahren. Die Sturmreihe, eine der besten der Geschichte, verständigte sich mit einstudierten Pfiffen. 1944 kam der 17 Jahre alte Alfredo di Stefano in die „máquina“, wie man die perfekt geölte Tormaschine in Buenos Aires nannte.

Eine WM aber konnte er nicht spielen: Es war Krieg. Dann ging er nach Kolumbien, zu den „Millionarios“, in die von der Fifa nicht anerkannte Profiliga. Endlich landete er bei Real Madrid, wurde der größte Spieler der Welt. Aber erst als Spanier wurde Alfredo di Stefano 1962 für eine WM nominiert - und von Helenio Herrera, einem Argentinier als spanischer Nationaltrainer, nicht aufgeboten.

Der schwächste Favorit

Deutschland hatte sein erstes Argentinien-Erlebnis bei der WM 1958. Der Südamerikameister war Turnierfavorit und nicht etwa Brasilien, das dann brillant gewann (eine doppelte Parallele zu 2002). Weil das blau-weiß gestreifte Trikot der „Albiceleste“ dem weißen der Deutschen zu ähnlich war, mussten die Argentinier in gelben Leih-Trikots von Malmö FF antreten.

Das brachte sie wohl ein wenig aus der Fassung. Rahn (zwei Tore) und Seeler trafen das Tor, Rossi (ein geistiger Enkel von Monti) traf nur Eckel, Schäfer und Fritz Walter. Für den verletzten Eckel musste Schmidt in die Verteidigung, am Ende konnte auch der 38 Jahre alte Walter nur noch humpeln. Argentinien verlor 1:3, dann 1:6 gegen die Tschechoslowakei und bekam daheim Prügel.

Das schmutzigste Spiel

Acht Jahre später die nächste Begegnung, WM 1966, wieder böses Blut. Rattin senst Beckenbauer und Seeler um, Overath dreht den Spieß gegen Gonzalez um, das Spiel gerät aus den Fugen. Am Ende sind vier Deutsche verletzt, Brülls, Höttges, Seeler, Weber. Der als Torwart von Manchester City in den 50er Jahren legendär gewordene Bert Trautmann, bei der WM in England Mannschaftsattaché der Deutschen, nennt es „das schmutzigste Spiel, das ich je erlebt habe“.

Der deutschstämmige Ausputzer Albrecht hätte schon nach 17 Minuten vom Platz gehört, doch er durfte noch fast 50 Minuten weitertreten. Erst für eine üble Attacke auf Weber erhielt er nach 66 Minuten den fälligen Platzverweis. Albrecht weigerte sich fünf Minuten lang, das Spielfeld zu verlassen.

Der längste Platzverweis

Albrechts 1,96 Meter großer Kapitän Antonio Rattin treibt es im Viertelfinale gegen England noch weiter. Als ihn der kleine Stuttgarter Schneidermeister Rudolf Kreitlein vom Platz schickt, weigert er sich sieben Minuten lang zu gehen (weswegen man bis zur nächsten WM die Gelbe und Rote Karte erfindet).

Als Rattin schließlich geht, von Polizei abgeführt, bewerfen ihn die Zuschauer mit Schokoriegeln. Er isst sie auf (nicht die Zuschauer, sondern die Schokoriegel). Die Argentinier, ebenso wie die Brasilianer und Uruguayer, fühlen sich bei der WM betrogen und glauben an ein europäisches Komplott. Rattin, der 2001 als erster ehemaliger Fußballer ins argentinische Parlament gewählt wurde, glaubt es noch heute.

Die größten Spielverderber

Im Februar 1973 wird die deutsche „Mannschaft des Jahrhunderts“, die wie auf einer Wolke mit dem Sieg in Wembley und dem EM-Titel durch das Jahr 1972 gerauscht war, wieder auf den Boden geholt. Im ersten Freundschaftsspiel einer deutschen Elf gegen Argentinien gibt es in München eine 2:3-Niederlage. Auch das erste Heimspiel des Teamchefs Beckenbauer 1984 geht gegen Argentinien, wieder ist es der falsche Aufbaugegner: Man verliert in Düsseldorf 1:3.

Der größte Heimvorteil

Bei der WM 1978 im eigenen, von der Junta beherrschten Land nutzen die Argentinier ihren Heimvorteil gründlich. Im Vorrundenspiel gegen Frankreich wird ihnen das Tor geschenkt, das sie brauchen, als Verteidiger Trésor auf den Ball fällt und der Schiedsrichter Handelfmeter gibt.

In der Finalrunde serviert ihnen der gnädige Zeitplan die Ausgangslage, dass sie, um das Endspiel zu erreichen, nur die vier Tore überbieten müssen, die Brasilien gegen Peru schoss. Zeit genug also, sich selbst - und, wie man munkelte, auch die Peruaner - auf das Wunschergebnis einzustellen. Peru lässt sich ohne Gegenwehr 0:6 schlagen. Argentinien steht im Finale und wird, nach Verlängerung gegen Holland, erstmals Weltmeister.

Der Größte ganz groß

1978 war er Trainer Menotti noch zu jung, 1982 trat ihn der Italiener Gentile zusammen, 1990 waren die Kollegen zu schwach und 1994 die Drogen zu stark - aber 1986, das war die WM von Diego Maradona. Die „Hand Gottes“ gegen England, zwei Minuten später sein Jahrhundertsolo (sieben Gegenspieler, elf Ballkontakte, alle mit links); auch gegen Belgien im Halbfinale zwei Tore, und dann das Finale: Deutschland, das sich zäh durchs Turnier geschoben hatte, gegen den FC Maradona.

Beckenbauers Idee, den Zauber-Zwerg kleinzumachen: Manndeckung durch Matthäus und Förster. So schießen die Tore die anderen, Brown und Valdano. Deutschland gleicht durch zwei Ecken aus, dann schlägt Maradona doch noch zu: An der Mittellinie narrt er die aufgerückte deutsche Abwehr und spielt Burruchaga frei - 3:2 für Argentinien. Was hilft Manndeckung gegen einen „Außerirdischen“, wie sie ihn daheim nennen? Trainer Carlos Bilardo wusste, wem er danken musste: „Ich danke Gott, dass Maradona ein Argentinier ist.“

Die größten Giftmischer

Vier Jahre später wieder das Finale: Deutschland gegen Maradona. Diesmal sind die Vorzeichen umgekehrt, die Argentinier haben sich ohne Inspiration durchs Turnier gequält, zwei Elfmeterschießen benötigt und im Halbfinale den Sommernachtstraum der Gastgeber beendet, das Traumfinale Italien gegen Deutschland verhindert. Und angeblich besiegte Trainer Bilardo die Brasilianer im Achtelfinale nur, indem er Branco eine Trinkflasche mit Schlafmittel unterjubelte.

Der uruguayische Dichter Eduardo Galeano, der die Geschichte mit der Flasche 1995 schilderte, schrieb auch: „Man sagt, als Bilardo noch spielte, habe er seine Rivalen mit einer Nadel gestochen und dann die reinste Unschuldsmiene aufgesetzt.“ Weil solch linke Tricks (wie auch die „Hand Gottes“) in Argentinien eher bewundert als verurteilt werden, prahlte Maradona 2005 damit, dass am Flaschengerücht was dran sei und dass man Brasilien mit einem „Manöver“ außer Gefecht gesetzt habe.

Als demnach Argentiniens Masseur Di Lorenzo dem Brasilianer die Flasche reichte, so Maradona, „sagte ich: Trink. Und er hat fast alles ausgetrunken. Danach war er wie benebelt und konnte kaum noch einen Ball richtig schießen“. Ein Mitspieler, José Basualdo, ehemals beim VfB Stuttgart, bestätigte Maradonas Version. Darauf drohte Bilardo, der später als Chirurg arbeitete, seinem früheren Spieler damit, ein Video über einen Ehebruch Basualdos zu veröffentlichen.

Der Größte ganz klein

Das zweite deutsch-argentinische Finale wurde eine öde Partie. Der einzige Anspielpunkt für Maradona, Caniggia, war gesperrt und der Star nach Drogenproblemen und Diätkuren nicht auf der Höhe. Die Deutschen dagegen hatten ein großes Turnier gespielt. Resultat der ungleichen Ressourcen war einseitiges Spiel. Und ein Festival der Fouls. Als Monzón Klinsmann umsenste, gab es den ersten Platzverweis in einem WM-Endspiel, nach 60 Jahren.

Der zweite ließ nicht mehr so lange auf sich warten, nur weitere 22 Minuten: Sensini ging erst Kohler an die Gurgel und dann vom Platz. Da war das hässliche Spiel schon gelaufen, denn in der 85. Minute fiel Rudi Völler hin, der Schiedsrichter gab Elfmeter. Die Argentinier, schlechte Gegner, schlechte Verlierer, entwarfen Komplott-Phantasien. „Es gab eine Verschwörung gegen uns“, fand Maradona. „Eine schwarze Hand hat unsere Niederlage gewollt.“

Die neueste Verschwörung

Deutschland nahm aus Rom einen Taumel der Leichtigkeit mit, der blühende Fußball-Landschaften versprach, dann aber der Realität der 90er Jahre nicht lange standhielt. Argentinien nahm wieder etwas viel Dauerhafteres mit: das Gefühl, betrogen worden zu sein. An so etwas erinnert man sich viel länger. Es wurde noch vertieft durch die Niederlage im Elfmeterschießen 2006 dank des legendären Spickzettels von Jens Lehmann.

Danach drehten einige Argentinier durch und griffen deutsche Spieler mit Schlägen und Tritten an - ein erbärmlicher Abgang des damaligen WM-Favoriten und damit eine gespannte Ausgangslage für das Duell an diesem Samstag (16.00 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker). Als wäre das nicht genug, hat Bastian Schweinsteiger die Lage das Reizklima noch verschärft: „Die Argentinier haben keinen Respekt.“

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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