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Anschlag in Angola Ein Konflikt, der immer war

10.01.2010 ·  Der Anschlag auf die togoische Nationalelf in Cabinda kommt nicht von ungefähr: In der angolanischen Exklave flackert immer wieder der Bürgerkrieg auf, die Korruption ist selbst für Afrika von ungeheuerem Ausmaß - und außerdem geht es um Öl.

Von Robert von Lucius
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Nach dem gewalttätigen Überfall auf den Mannschaftsbus der togoischen Fußball-Nationalmannschaft mehren sich die Vorwürfe gegen den Afrikanischen Fußballverband: Er war es, der auf Wunsch Angolas die Spiele einer der Vorrundengruppen des Afrika-Cups nach Cabinda legte, obwohl die angolanische Exklave nicht befriedet ist und der Bürgerkrieg dort immer wieder aufflackert; obwohl Rebellen im Vorfeld der Spiele Gewalt angekündigt hatten; und obwohl Menschenrechtsgruppen und Kirchen immer wieder auf schwere Menschenrechtsverletzungen durch das Militär in Cabinda hingewiesen hatten. Damit nicht genug: Bei den ersten „freien“ Wahlen in Angola im September 2008 gab es aus Cabinda Hinweise auf massive Fälschungen.

Schließlich häuften sich in den vergangenen Monaten Berichte über die Abschiebung mehrerer tausend Kongolesen aus Cabinda, verbunden mit brutalem Vorgehen und Ausschreitungen. Nun wollte die angolanische Regierung offenbar beweisen, dass sie das Land im Griff hat - das Ansinnen schlug fehl. Wie widersprüchlich und unbedacht die Politik dabei vorgeht, zeigte sich in Äußerungen des angolanischen Ministerpräsidenten Paulo Kassoma am Sonntag. Er versicherte, sein Land „garantiere“ die Sicherheit der Spiele und der Spieler, warf aber zugleich Togo vor, es habe seine Ankunftszeiten nicht vorab mitgeteilt und hätte fliegen, nicht mit dem Bus kommen sollen.

Das Kuweit Afrikas

Seit einem Vierteljahrhundert bündelt sich in Cabinda die Geschichte des westlichen Zentralafrika und darüber hinaus - in der Exklave vermengen sich stärker als andernorts Kolonialgeschichte und willkürliche Grenzziehungen, Wirtschaftsinteressen, Kampf um Rohstoffe sowie Stellvertreterkriege. In den Bürgerkriegen in Angola, in Kongo und in Kongo-Brazzaville spielte Cabinda jeweils eine Schlüsselrolle. Die angolanische Armee, eine der größten des Kontinents, griff von dort aus in Kämpfe in Kongo, das südlich und östlich Cabindas liegt, ein und in Kongo-Brazzaville, das an Cabinda nördlich angrenzt. Offiziell leben in Cabinda 300.000 Menschen - gesichert ist das nicht, weil zeitweise drei Viertel der Bewohner in das benachbarte Ausland oder in den Urwald flohen und etwa 30.000 Cabinder im Bürgerkrieg getötet wurden. Die Bewohner der Exklave werfen den Politikern in der Hauptstadt Luanda vor, dass sie vom Ölreichtum des Landes kaum profitieren, was freilich auch für die meisten der zwölf Millionen Angolaner gilt. Ein Großvorhaben soll die Cabinder besänftigen: eine dreizehn Kilometer lange Brücke über die Mündung des Kongoflusses, die eine direkte Anbindung Cabindas an Angola ermöglichen soll, ohne kongolesisches Gebiet zu kreuzen.

Wenn von Cabinda die Rede ist, geht es meist um Öl: Die Exklave gilt als das Kuweit Afrikas. Vor der Küste wird Öl gefördert, zudem gibt es Uran- und Phosphatvorkommen. Dank Cabinda ist Angola vor Nigeria der größte Ölförderer Afrikas und damit ein Lieblingsland des Westens und neuerdings Chinas. Vier Fünftel der Staatseinnahmen sollen aus der Ölförderung stammen. Trotz Bemühungen internationaler Organisationen werden die Erträge aber kaum offengelegt. José Eduardo dos Santos, seit 1979 Präsident Angolas, gilt als einer der reichsten Männer des Kontinents. Korruption in einem auch für Afrika ungeheuren Ausmaß oder menschenverachtendes Vorgehen Luandas bekümmerten Regierungen von Washington bis Paris wenig - wichtiger war, die Ölversorgung unabhängiger vom Nahen Osten zu machen. Auch die deutsche Industrie versucht dort stärker als bisher Fuß zu fassen.

Der Frieden ist nur ein Waffenstillstand

Die Sicherung der Ölversorgung war der wesentliche Grund, warum die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Kuba und Südafrika in Angola in einem Stellvertreterkrieg jeweils „Befreiungsbewegungen“ unterstützten - Washington und Pretoria die Unita, Moskau und Kuba die MPLA. Als Washington erkannte, dass sein Verbündeter unterliegen werde, wechselte es die Fronten. Während des Bürgerkriegs in Angola, der 2002 nach 27 Jahren mit einem Waffenstillstand endete, spielte Cabinda stets eine Sonderrolle. Dort kämpfte seit 1963 eine weitere Bewegung, die „Front für die Befreiung der Enklave Cabinda“ (Flec), gegen die jeweiligen Machthaber. Sie entstand aus der Vereinigung von drei nationalistischen Bewegungen, die sich in ihrem Anspruch auf Unabhängigkeit auf die Geschichte und die Bevölkerungsstruktur berufen - die Bakongo leben in Cabinda wie auch in den beiden kongolesischen Nachbarstaaten, kaum aber im übrigen Angola.

Zeitweise schien es, als habe Cabinda Aussichten auf die angestrebte Trennung vom restlichen Angola, von dem es in den Wirren der Unabhängigkeitsbewegung 1975 militärisch besetzt wurde. Die Organisation für Afrikanische Einheit hatte Cabinda 1974 als unabhängigen Staat anerkannt. Auch Portugal, welches das vielfach größere Angola, eine Überseeprovinz, und das Protektorat Cabinda 1956 unter einem gemeinsamen Generalgouverneur zusammenschloss, um Verwaltungskosten zu sparen, wollte Cabinda getrennt in die Unabhängigkeit entlassen. Eine Übergangsregierung erklärte am 1. August 1975 die Unabhängigkeit Cabindas von Lissabon. Das aber machten die Kämpfer der MPLA-Bewegung, unterstützt von kubanischen Soldaten, vier Monate später mit einem Einmarsch zunichte. Die Flec rief die „Republik Cabinda“ aus und setzte eine Exilregierung mit Sitz in Paris ein. Dabei hatte die Flec nie eine echte Chance auf den Sieg: Angola stationierte einen Großteil seiner Armee in Cabinda. 1996 unterzeichnete ein Flügel der Flec einen Waffenstillstandsvertrag mit der angolanischen Regierung, andere Gruppen der Front traten dem später bei, und im August 2006 wurde ein weiterer Friedensvertrag zu Cabinda geschlossen.

Aber es gab und gibt weiter Splittergruppen, welche die Waffen nicht niederlegten und mit dem Angriff auf den togoischen Mannschaftsbus nun die Aufmerksamkeit auf einen schwelenden Konflikt lenkten. Der Generalsekretär der Flec, Rodrigues Mingas, sagte am Sonntag, Cabinda sei „im Krieg“. Er drohte weitere Anschläge während des Afrika-Cups an.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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