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Anschi Machatschkala Ein teurer Kader und ungute Gerüchte

 ·  Seit er vom Multimilliardär Sulejman Kerimow übernommen wurde, fällt der russische Fußballklub Anschi Machatschkala regelmäßig auf - aktuell durch die Verpflichtung des Superstars Samuel Eto'o. Doch der sportliche Erfolg im Nordkaukasus wird von unguten Gerüchten begleitet.

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© ASSOCIATED PRESS Vergrößern Der Geldgeber im Nordkaukasus: Sulejman Kerimow

Der Fußballklub Anschi Machatschkala hat sich in dieser Woche mit zwei Themen in den Schlagzeilen der russischen Sportmedien gehalten: Mit der Verpflichtung des kamerunischen Nationalstürmers Samuel Eto’o – und mit den skandalösen Nachwehen des Spiels gegen den Tabellendritten Dynamo Moskau vom vergangenen Wochenende. Beide Geschichten sind typisch dafür, wie der Klub aus der Unruherepublik Dagestan im Nordkaukasus auftritt, seit er Anfang des Jahres – wenige Wochen vor Beginn der russischen Fußballsaison im März – von dem Multimilliardär Sulejman Kerimow übernommen worden ist.

Eto’os Wechsel von Inter Mailand zu Anschi Machatschkala ist der spektakulärste und teuerste Transfer in der Geschichte des russischen Fußballs – egal, welche der im Umlauf befindlichen Angaben über die Höhe der Ablösesumme zwischen 21 und 30 Millionen Euro richtig ist. Eto’os Gehalt soll bei etwa 20 Millionen Euro im Jahr liegen. Die Verpflichtung von Eto’o ist der dritte aufsehenerregende Coup des Vereins in diesem Jahr: Zuvor nahm Machatschkala schon den brasilianischen Weltmeister von 2002, Roberto Carlos, drei weitere Brasilianer und den russischen Nationalspieler Jurij Schirkow unter Vertrag, der für 15 Millionen Euro vom FC Chelsea kam.

Mit diesem im Laufe der Spielzeit zusammengestellten Kader steht der Klub neun Spieltage vor Saisonende auf dem vierten Platz der russischen Premier-Liga. Doch der Erfolg wird von unguten Gerüchten begleitet. So musste der russische Fußballverband nach dem 2:1-Sieg über den Tabellennachbarn Dynamo Moskau in Machatschkala am vergangenen Wochenende eine Untersuchungskommission einsetzen. Laut verschiedenen Zeugenaussagen hat Trainer Gadschi Gadschijew in der Halbzeitpause die Tür zur Schiedsrichterkabine eingetreten, um den Unparteiischen seinen Unmut über ihre Leistung mitzuteilen. In der zweiten Halbzeit folgten einige zweifelhafte Entscheidungen gegen die Gäste aus Moskau, die maßgeblich zu ihrer Niederlage beitrugen.

Die Begegnung war schon die zweite mit Beteiligung Machatschkalas in dieser Saison, nach der der Verband eine Untersuchung einleiten musste. Im Mai war beim Sieg des dagestanischen Klubs bei Wolga Nischnij Nowgorod nicht nur aufgefallen, dass die Heimmannschaft ohne ihre Leistungsträger angetreten war, sondern auch, dass die Nowgoroder Abwehr beim Siegtreffer Machatschkalas eine schwer erklärbare Passivität zeigte. Und im Juni war nach einer Heimniederlage gegen den Klub aus dem Nordkaukasus der Trainer von Lokomotive Moskau entlassen worden – wegen einer nach Ansicht der Vereinsführung „absichtlich schädlichen“ Mannschaftsaufstellung. Konsequenzen hatten diese Vorfälle bisher nicht. Die kritische dagestanische Wochenzeitung „Tschernowik“ sieht den Grund dafür im offiziellen Sponsor der russischen Fußballnationalmannschaften aller Altersgruppen, dem Konzern Uralkali. Dessen größter Aktionär ist Anschi Machatschkalas Besitzer Sulejman Kerimow, einer der reichsten Männer Russlands.

Der 45 Jahre alte Kerimow hat den größten Teil seines Vermögens mit Rohstoff- und Immobiliengeschäften in Moskau gemacht, stammt aber aus Dagestan, das er auch im Oberhaus des russischen Parlaments vertritt. Der zuvor in Staatsbesitz befindliche Klub Anschi wurde Kerimow im Januar von Republikpräsident Magomedsalam Magomedow kostenlos überlassen – unter der Bedingung, dass er in Spieler und Infrastruktur investiert. Kerimow hat als Ziel vorgegeben, dass sein Klub innerhalb von vier Jahren einen nationalen Titel errungen haben soll. Den zweiten Teil seiner Zusage will er mit dem Bau eines Stadions für 40.000 Zuschauer erfüllen, das den Standards des europäischen Verbands entsprechen soll. Mit dieser Investition und mit Kerimows Einfluss wird in Dagestan eine große Hoffnung verbunden: Machatschkala soll Austragungsort für Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 werden.

Die millionenteuren Transfers werfen Fragen auf

Noch allerdings ist Machatschkala nicht einmal unter den offiziellen Kandidatenstädten, und das aus gutem Grund. Das zwischen Tschetschenien und dem Kaspischen Meer gelegene Dagestan ist mit seinen etwa 2,7 Millionen Einwohnern nicht nur eine der ärmsten Regionen Russlands, sondern auch die derzeit wohl gefährlichste. Fast jeden Tag werden aus Dagestan Tote bei Anschlägen oder Schießereien zwischen islamistischen Untergrundkämpfern und Sicherheitskräften gemeldet. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen sind Entführungen, Misshandlungen und Tötungen Unbeteiligter durch beide Seiten an der Tagesordnung. Daher wohnen und trainieren die Spieler von Anschi Machatschkala auch nicht in der dagestanischen Hauptstadt, sondern in Moskau. Nach Machatschkala kommen sie nur zu ihren sogenannten Heimspielen.

Im übrigen Russland stößt die Offensive Machatschkalas auf wenig Sympathie. In zivilisierter Form wurden diese Vorbehalte von Sergej Stepaschin formuliert, dem Präsidenten des russischen Rechnungshofes, der sagte, der russische Fußball brauche „kein Gelage in Zeiten der Pest“. Die millionenteuren Transfers in eine Teilrepublik, die sonst vollständig von Überweisungen aus Moskau abhänge und das „unaufhaltsame Streben, um jeden Preis zu siegen“, würfen große Fragen auf. Die russischen Fußballfans, unter denen es starke rechtsextreme Strömungen gibt, reagieren auf ihre Weise. Nationalspieler Jurij Schirkow wurde wegen seines Wechsels zu Machatschkala vor zwei Wochen bei einem Länderspiel in Moskau von russischen Fans bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen. Dunkelhäutige Spieler sind in russischen Stadien ohnehin oft rassistischen Beleidigungen ausgesetzt – die farbigen Spieler Machatschkalas trifft es doppelt, weil sie auch noch für die verhassten Kaukasier spielen.

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