Mario Götze spielte noch im Sandkasten - er war gerade mal vier Jahre alt -, da trat Andrej Schewtschenko schon für die Ukraine gegen Deutschland an. Vierzehneinhalb Jahre nach dem deutschen 2:0-Sieg in Bremen am 30. April 1997 könnten sich die Stars zweier Fußballgenerationen beim Testspiel an diesem Freitag im erneuerten Olympiastadion von Kiew begegnen. Vorausgesetzt, die Kinnschmerzen "Shevas", wie die Fußball-Ikone der Ukraine genannt wird, lassen bis zum späten Anstoß um 21:45 Uhr Ortszeit nach.
Im August hatte sich der einstige Weltklassestürmer im Derby gegen Arsenal Kiew den Kiefer gebrochen. Beim Spitzenspiel Dynamo Kiews am vergangenen Sonntag in Charkow gegen Metalist - Kiew siegte 2:1 - erhielt Schewtschenko nun abermals einen Schlag auf die sensible Stelle im Gesicht. Nichts gebrochen. Aber seitdem habe er Schmerzen, teilte "Sheva" am Dienstag in einem Pressegespräch den ukrainischen Journalisten mit. Über seinen Einsatz würden die Ärzte und er erst am Freitag entscheiden. Es wäre sein 104. Länderspiel seit 1995.
Schewtschenko ist der einzige verbliebene Spieler, sowohl ukrainische als auch deutsche, der bei allen vier WM-Qualifikationsspielen zwischen den beiden Teams dabei war: 1997 in Bremen und beim 0:0 im Rückspiel in Kiew sowie bei den beiden Play-off-Duellen 2001, beim 1:1 in Kiew und beim denkwürdigen 4:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Dortmund. Der beste Fußballspieler, den die Ukraine jemals hervorgebracht hat, Europas Fußballspieler des Jahres 2004 spielte acht Jahre für den AC Mailand und drei Jahre bei Chelsea, bevor er zu seinem Heimatverein Dynamo Kiew zurückkehrte, ist mit 35 Jahren jedoch weit über dem Zenit seiner Karriere.
Fußball-Auszeit: „Beim Golf entspanne ich mich“
Ukrainische Journalisten erzählen über den Vater zweier Söhne, verheiratet mit einem amerikanischen Fotomodell, dass er das angenehme Leben eines Oligarchen führe. Dazu gehörten verrauchte Pokernächte und eine Leidenschaft für Golf. Eine Geschichte ist verbürgt: Als vor Wochen ein Liga-Spieltag mit den Golfmeisterschaften der Ukraine kollidierte, sagte der Fußballstar für das Spiel Dynamos in der zentralukrainischen Stadt Poltawa gegen Worskla ab, um sich dem Spiel mit dem kleinen Ball zu widmen. Dynamo siegte auch ohne ihn. Schewtschenko wurde Zweiter der Golf-Landesmeisterschaft. "Beim Golf entspanne ich mich", rechtfertigte Schewtschenko seine Fußball-Auszeit. "Und diese Entspannung brauche ich mal zwischen Meisterschaftsspielen."
"Schewtschenko ist eine lebende Legende", sagt Oleg Lulka, der 28 Jahre alte Fußballexperte der Zeitung "Segodnja" (Heute). "Die Leute lieben ihn und sehen ihm alles nach. Auch die Kritiker. Er ist so populär wie in den zehn Jahren seiner Glanzzeit. Bei jeder gelungenen Aktion applaudieren die Zuschauer, auch wenn er mit 35 Jahren nicht mehr so schnell ist wie einst."
Schewtschenk: Gutes Ergebnis gegen großen Gegner
Beim Pressegespräch am vergangenen Dienstag zeigte sich Schewtschenko von der deutschen Mannchaft beeindruckt: "Deutschland ist der Favorit für die Europameisterschaft. Ihr großes Plus ist die Verjüngung." Davon kann bei der Ukraine kaum die Rede sein. "Sheva" mit 35 Jahren, Rekordnationalspieler (111 Einsätze) Anatoli Timoschtschuk von Bayern München mit 33 Jahren und ein anderer alter Bundesliga-Bekannter, Andrej Woronin (Dynamo Moskau), ebenfalls 33, sind die tragenden Kräfte.
Was vor zehn Jahr war, sei Geschichte und interessiere ihn nicht, sagte Schewtschenko zu seinen Erinnerungen am Deutschland. "Wir stehen gegen Deutschland in diesem Freundschaftsspiel nicht unter Druck, werden aber versuchen, gegen einen großen Gegner ein gutes Ergebnis zu erzielen." Natürlich wäre er auch im fünften Spiel gegen Deutschland gerne wieder dabei. Er scheint keinen Golftermin zu haben.