16.12.2011 · Das Amsterdamer Idol versucht bei Ajax in seinem ganz persönlichen Endspiel noch einmal, mit aller Macht seine Fußball-Philosophie durchzusetzen. Van Gaal ist kein Teil davon.
Von Michael HoreniJaap de Groot ist Sportchef des „De Telegraaf“, und seit 25 Jahren verleiht er Johan Cruyff in den Niederlanden eine unüberhörbare Stimme. Seit Cruyff in den achtziger Jahren als Trainer bei Ajax anfing, schreibt de Groot die Cruyff-Kolumnen für das auflagenstärkste Blatt des Landes. Zunächst erschienen die Kommentare unregelmäßig, aber seit 2002 jede Woche. Seitdem ist es sonntags zu einem Ritual geworden zwischen dem Star und seinem Ghostwriter, dass sie immer zwischen halb elf und elf telefonieren, da kann passieren, was will.
„Er ist immer sehr gut vorbereitet“, sagt de Groot. In einer Viertelstunde gibt Cruyff dann seine Sicht des Fußballs und der Welt zum Besten. Sein Schreiber kennt die Ansichten von Cruyff, „aber in neun von zehn Fällen überrascht mich Johan immer wieder mit einem neuen Gedanken“. Wenn Cruyff das Gespräch beendet, sieht de Groot es als seine Aufgabe an, „die Balance zu finden zwischen der Grammatik und dem Sound von Johan“. Ohne den Sound von Johan kann man sich den Fußball in Holland nicht vorstellen.
Normalerweise ruft de Groot nicht mehr zurück, wenn er alles aufgeschrieben hat, dafür kennen sie sich mittlerweile zu gut. Nur bei den „harten Kolumnen“, wo es auf jedes Wort ankommt, meldet sich de Groot noch mal. Zweimal sind nach Cruyffs Beiträgen schon Gesetze geändert worden. Einmal ging es um Steuern, die nach Spenden für Wohltätigkeitsorganisationen fällig werden, bei denen anderen um staatliche Unterstützung für Athleten, die sich der Doppelbelastung von Studium und Sport aussetzen. Zuletzt war es wieder nötig, dass de Groot bei Cruyff zurückruft, wegen Ajax: „Denn Johan befindet sich in einem Krieg.“
Selten war der Sound, der von und mit Cruyff produziert wird, für Ajax Amsterdam so bedeutsam wie in diesen Tagen. Dabei geht es nur auf den ersten Blick allein darum, ob Cruyff doch noch Louis van Gaal als künftigen Sportdirektor verhindern kann. Der ehemalige Bayern-Trainer war über Cruyffs Kopf hinweg von dessen vier Aufsichtsratskollegen, darunter dem ehemaligen Nationalspieler Edgar Davids, für die kommende Saison engagiert worden. Es war eine plumpe Intrige. Seine Kollegen hatten gewartet, bis Cruyff wieder in Barcelona war, dann schickten sie ihm eine Mail an die Adresse seiner Tochter mit der Einladung für ein Treffen am selben Abend in Amsterdam. Es ist allerdings nicht ganz leicht, mit dem Allgegenwärtigen in Kontakt zu treten. Cruyff besitzt kein Handy, eine eigene Mailadresse hat er auch nicht. „Sie haben Ajax in Brand gesteckt“, sagte Cruyff.
Seine Gegner im Gremium hatten damit gerechnet, dass „König Johan“ nach diesem Affront keine Lust mehr haben würde - er hatte vor einigen Jahren bei Ajax schnell aufgegeben, als damals die Zusammenarbeit mit Trainer Frank Rijkaard nicht klappte. Aber Cruyff verstand die Entscheidung diesmal als Kriegserklärung und mobilisiert seitdem alle Kräfte. „Wer etwas hinter dem Rücken von Johan macht, der hat einen Feind fürs Leben“, sagt de Groot. So stehen sich bei diesem Duell nicht nur zwei enorme Egos des Fußballs in einem Tulpenkrieg gegenüber, die unvergessliche Erfolge bei Ajax und dem FC Barcelona gemeinsam haben, die aber vor allem eine innige Abneigung verbindet. Cruyff geht es längst um mehr.
Es ist vermutlich sein letzter Versuch, den europäischen Spitzenfußball noch einmal nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen, wenn nicht gar zu prägen, so, wie er das seit den siebziger Jahren immer wieder getan hat. Erst in Amsterdam und dann in Barcelona, und somit auch in der niederländischen und spanischen Nationalmannschaft. Es steht die Erneuerung des „voetball total“ nach seinem Willen auf dem Spiel, der Cruyff-Fußball 2.0 unter den Bedingungen des Fußballkapitalismus. „In fünf Jahren soll Ajax wieder unter den Top Ten in Europa sein“, sagt Cruyff.
Es ist nicht allein dieses ehrgeizige Ziel, dass ihn in einer Weise kämpfen lässt, wie es sein Begleiter noch nie erlebt hat in der Karriere des Fußballgenius - und seine Gegner nie erwarteten. „Seine Soldaten werden immer mehr“, sagt de Groot. Das Boulevardblatt gibt entsprechend Schützenhilfe. Denn es ist auch ein Kampf der Fußballkulturen, den Ajax erlebt, und Cruyff strebt danach, den grauen Männern wieder den Fußball zu entreißen, die sich seiner, nicht nur in Amsterdam, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten bemächtigt haben und seiner Ansicht nach dafür keine Legitimation besitzen: Investoren, Wirtschaftsgrößen, Marketingexperten, Anwälte, Politiker.
Mit seinen 64 Jahren möchte Cruyff den Fußball in seinem ganz persönlichen Endspiel zurück in die Händen der Fußballer bringen. Der Sport soll den Sportlern gehören, sagt er. So wie das beim FC Bayern seit Jahrzehnten der Fall ist mit Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß oder bei der Europäischen Fußball-Union mit Michel Platini . „Wir Fußballer, die in allen großen Ligen gespielt haben, wissen, dass sich viel verbessern muss, um Ajax wieder an die Spitze Europas zu bringen. Andere sind schon zufrieden, wenn Spieler aus der eigenen Jugend in der Ehrendivision mithalten können. Daher ist es so mühsam, mit Leuten zu diskutieren, die den Unterschied nicht kennen“, heißt es in einer der letzten Kolumnen von Cruyff. Auch Nationaltrainer Bert van Marwijk unterstützt Cruyff im Machtkampf.
Exakt vierzig Jahre nach dem ersten von drei aufeinanderfolgenden Triumphen im Europapokal der Landesmeister mit Ajax schließt sich im Duell von Cruyff gegen das Amsterdamer Establishment mit dem Geschäftsmann und Bankenaufsichtsrat Steven ten Have an der Spitze des Ajax-Aufsichtsrats ein Kreis. Begonnen hat der Disput mit Seifenoper- und Schlammschlachtfaktor vor mehr als einem Jahr, als Cruyff in seiner Kolumne mehrfach die Auftritte seines früheren Klubs kritisierte. Aus einem stilbildenden europäischen Topteam, das zuletzt im Jahr 1995 mit neun Spielern aus der eigenen Jugend die Champions League gewonnen hatte, war ein Klub geworden, der selbst der nationalen Meisterschaft seit sechs Jahren vergeblich hinterhergelaufen war. Cruyff wusste da schon, wer am besten helfen kann: er selbst.
Seine Ideen sind heute noch mächtig und deswegen auch er selbst. Unmittelbar nach dem spielerisch überwältigenden 3:1-Sieg des FC Barcelona bei Real Madrid am Samstag sagte Trainer Guardiola, der unter dem Niederländer erst als Spieler und dann als Trainer Karriere machte: „Cruyff hat mich als Trainer am stärksten beeinflusst.“ Als bei der WM 2010 Spanien im Finale gegen Holland stand, behauptete Spaniens Sportdirektor Fernando Hierro: „Unser Stil ist spanisch.“ Cruyff entgegnete: „Perdón, Spaniens Stil ist Barcelonas Stil.“ Also: mein Stil.
Der in Amsterdam geborene und in unmittelbarer Nähe zum Ajax-Stadion aufgewachsene Cruyff, dessen Mutter dort als Putzfrau arbeitete, gab zu ihrem Entsetzen die Schule mit dreizehn Jahren auf, um Fußballprofi zu werden. Da war sein Vater schon drei Jahre tot. Mit neunzehn gewann er mit Ajax den ersten von acht Meistertiteln, aber eigentlich erschuf er mit seiner Genialität erst den Spitzenfußball in den Niederlanden. Mitte der achtziger Jahre übernahm er das Amt des Technischen Direktors bei Ajax, er wollte den Klub wieder an die europäische Spitze zurückführen. Er war dort bald für alles zuständig. Als Cheftrainer und Manager kümmerte er sich um die Profis, die Sponsoren, aber auch um die komplette Nachwuchsarbeit. Er lehnte es ab, einen Trainerlehrgang zu besuchen und bekam die Lizenz vom Verband geschenkt. Widerspruch war in Cruyffs Reich nicht vorgesehen, und nach zwei Jahren war Ajax wieder Europapokalsieger.
Wie als Spieler wechselte er auch als Trainer von Ajax zu Barcelona und schuf dort 1988 mit allen Vollmachten ein neues Team, das er wiederum an die Spitze Europas führte. Er war länger in Barcelona Trainer als jeder andere, als ihn 1996 der stellvertretende Vorsitzende im Auftrag des Präsidenten noch in der Kabine entließ. Cruyff ging mit den Worten: „Du bist doch nur ein Hampelmann, ein Knecht des Zwergs Nuñez.“ Der nachfolgende Präsident Laporta fragte Cruyff später immer wieder um Rat, auch bei der Neuorganisation. Cruyff sagte, er solle Rijkaard zum Trainer machen, Begiristain zum Sportdirektor und Guardiola zum Leiter der Jugendakademie, und so geschah es.
Als Cruyff im April zunächst als Berater zu Ajax zurückkehrte, schlug er dasselbe Modell nun für seinen alten Klub vor: Trainer Frank de Boer und Dennis Bergkamp sowie Wim Jonk sollten die komplette sportliche und technische Leitung bei Ajax übernehmen. Der Vorstand aber sprach von „totaler Regie“, die Cruyff forderte, und lehnte ab. Dann müssten eben auch der Mitgliederrat und der Aufsichtsrat ersetzt werden, erwiderte Cruyff. Der Kampf um Ajax begann. Zuletzt wurde Cruyff dabei vorgeworfen, Edgar Davids rassistisch beleidigt zu haben. „Du sitzt hier nur, weil du schwarz bist“, soll Cruyff bei einer Aufsichtsratssitzung zu dem aus Surinam stammenden Davids gesagt haben. Hat er wohl auch, allerdings schon drei Monate zuvor. Damals störte sich niemand am Sound von Cruyff.
Das ist die Vorgeschichte zu dem denkwürdigen Duell, das Ajax vergangene Woche vor Gericht erlebte, wenige Stunden bevor das Team in der Champions League gegen Real Madrid 0:3 verlor: Cruyff vs Ajax. Ein fensterloses Gerichtszimmer in Haarlem war der Ort des Showdowns, und die Ajax-Ikone zog dort ein, wie einst ins Stadion, umringt von Fotografen und Kameras. Neben ihm saßen Wim Jonk, Jaap Stam und Ronald de Boer, große Amsterdamer Spieler, die nun als Jugendtrainer nur nach Cruyffs Idee arbeiten wollen, nicht nach dem Plan van Gaals. Cruyff will die Ajax-Talente individuell perfekt ausbilden, er stellt deswegen auch nicht das Kollektiv in den Mittelpunkt wie van Gaal, sondern die exzellenten Talente, und er sagt, dass die Ajax-Jugendteams deswegen künftig auf Titel pfeifen sollen, weil nur die Erfolge des Profiteams zählen. Ajax habe vergessen, was es groß gemacht habe.
Es war, als trüge Cruyff, der Anführer der Fußballer, statt eines offen weißen Hemds unter dem Sakko noch immer das Ajax-Shirt mit der Nummer 14 und der Kapitänsbinde am Arm. „Der Wettstreit gegen Madrid heute ist wichtig für Ajax“, sagte Cruyff vor Gericht, „aber dieser Rechtsstreit ist wichtig für die Zukunft des Klubs.“ Am Montag erging das Urteil. Der Amtsrichter gab der einstweiligen Verfügung Cruyffs statt, die Einstellung von van Gaal und zwei Interimsdirektoren, darunter der ehemalige Nationalspieler Danny Blind, wurde ausgesetzt. Eine außerordentliche Aktionärsversammlung muss in den kommenden fünf Monaten dem gesamten, aber tief gespaltenen Aufsichtsrat komplett das Vertrauen aussprechen. Wenn nicht, ist van Gaals Einstieg dahin. „Das ist ein phantastisches Urteil“, jubelte Cruyff, „endlich können wir uns wieder auf den Fußball konzentrieren.“ Am Donnerstag sind seine Gegner in die Berufung gegangen. Cruyff, so heißt es, ist darauf vorbereitet.
Ganz großes Kino
Wolfgang Würz (mabriwo)
- 17.12.2011, 17:22 Uhr
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |