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Europa-League-Halbfinale : Die furiose Rückkehr von Ajax Amsterdam

Nicht nur Kasper Dolberg zeigte mit seinem Treffer für Ajax gegen Lyon die neue Klasse von Amsterdam. Bild: AFP

22 Jahre nach dem letzten großen Titel greift Amsterdam wieder nach einem Europapokal. Im Halbfinale gegen Lyon zeigt Ajax eine Gala. Großen Anteil daran hat auch ein Deutscher.

          Das waren noch Zeiten. 1995 gewann Ajax Amsterdam die Champions League. Nach dem 1:0-Sieg über den AC Mailand im Ernst-Happel-Stadion stemmten die Niederländer den großen Silberpokal in den Nachthimmel von Wien. Die Aufstellung von Ajax liest sich heute wie das „Who is who“ des Weltfußballs der damaligen Zeit. Edwin van der Sar im Tor, davor die Verteidiger Michael Reiziger, Danny Blind als Kapitän, Frank Rijkaard und Frank de Boer. Im Mittelfeld des Teams von Louis van Gaal liefen Clarence Seedorf, Edgar Davids und Jari Litmanen auf. Und davor wirbelten Ronald de Boer, Finidi George und Marc Overmars. Dazu wurden Nwankwo Kanu und Patrick Kluivert eingewechselt. Letzterer entschied das Endspiel in der 85. Minute mit seinem goldenen Tor.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Am 24. Mai vor 22 Jahren ahnte wohl niemand, dass dies der vorerst letzte Erfolg im Europapokal für lange, lange Zeit werden sollte. Schließlich befand man sich in den goldenen Jahren. Im Halbfinale der Champions League vor dem Triumph von Wien hatten die Niederländer den FC Bayern blamiert. Nach einem 0:0 in München führte Ajax den deutschen Rekordmeister beim 5.2-Heimsieg vor. Danach holte der Klub noch den Weltpokal und den europäischen Supercup. Und im Jahr darauf stand der Amsterdamsche Football Club Ajax nochmal im Endspiel der Königsklasse, unterlag aber Juventus Turin. Es sollte der Anfang vom Ende der erfolgreichsten Epoche der bisherigen Vereinsgeschichte sein.

          Im Sommer 1996 verließ Ajax das kleine, marode, aber ganz spezielle Stadion De Meer und zog in die moderne Amsterdam Arena um, in der man nun sogar das Dach schließen konnte. Was heute nicht mehr ungewöhnlich ist, war seinerzeit eine kleine architektonische Sensation. Doch die Investition in Steine vernachlässigte diejenige in Beine. Viele Stars verließen die Ajax nach den großen Erfolgen. Auch Trainer van Gaal ging ein Jahr später. National kamen seitdem zwar sieben Meistertitel und sechs Pokalsiege dazu, international aber wurde der Rekordmeister und -pokalsieger der Niederlande von etlichen Klubs überholt.

          Der Erfolgstrainer: Peter Bosz spielte einst auch in der Bundesliga bei Hansa Rostock.

          Das könnte sich fast ein Vierteljahrhundert nach dem letzten großen Triumph in Europa nun wieder ändern. Nach dem furiosen 4:1-Sieg über Olympique Lyon im Hinspiel des Halbfinals in der Europa League steht Ajax vor dem Einzug ins Endspiel um den zweitklassigen Europapokal hinter der Champions League. Beim Rückspiel am kommenden Donnerstag in Frankreich (21.05 Uhr / Live bei Sport1 und im Europa-League-Ticker bei FAZ.NET) muss schon ziemlich viel schieflaufen, dass die Teilnahme am großen Finale von Solna noch in Gefahr gerät. „Wir sollten in der kommenden Woche eine ähnliche Leistung abrufen, um tatsächlich das Finale zu erreichen“, sagt Bosz. Als Endspielgegner würden Manchester United oder Celta de Vigo warten.

          Das Comeback Amsterdams kommt nicht überraschend. In der K.o.-Runde wurden erst die Champions-League-Absteiger Legia Warschau und FC Kopenhagen besiegt, danach ließ Ajax den Bundesligaverein Schalke 04 beim furiosen 2:0 im Hinspiel noch viel zu gnädig davonkommen. Das hätte sich fast gerächt. In der zweiten Partie in Gelsenkirchen standen die Niederländer beim 0:3 in der Verlängerung kurz vor dem Aus, sicherten sich durch zwei späte Tore in Unterzahl aber doch noch das Weiterkommen.

          Bosz hat es geschafft, eine spielstarke Truppe zu formen, in der es lauter hochtalentierte junge Spieler gibt. Alleine neun von ihnen im aktuellen Kader kommen aus der eigenen Jugend. Das erinnert wieder an glorreiche Zeiten, als die Stars von morgen selbst geformt wurden. Da hat es ein deutscher Routinier wie Heiko Westermann, der einst für Fürth, Bielefeld, Schalke und Hamburg spielte, schwer. Er absolvierte in dieser Saison in Amsterdam erst zehn Partien. Zusammengehalten wird die Mannschaft von Kapitän Davy Klaassen, der mit 24 Jahren schon einer der älteren Semester ist.

          Gegen Lyon setzte Amsterdam voll auf die Offensive. „Es hätte auch 12:6 ausgehen können. Oder 8:4 oder 7:3“, sagte Bosz dem Sender RTL7. So trafen „nur“ Betrand Traore doppelt sowie Kasper Dolberg und Amin Younes. Der deutsche Dribbler konnte sich einst in Mönchengladbach nicht durchsetzen. Jenseits der Grenze aber reüssiert er als fester Bestandteil der Amsterdamer Angriffsmaschine, die gegen Lyon 16 Schüsse auf das Tor brachte – Rekord in der K.o.-Phase der Europa League. Einen bekannten Namen aber hat auch der Jahrgang von 2017 schon in seinen Reihen: Justin Kluivert. Es ist der 17 Jahre alte Sohn des Torschützen aus dem Finale von 1995, der gegen Lyon eingewechselt wurde. Ob sich der Jungspund nun auch einen Namen macht?

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