11.02.2010 · Ein Geschäftsmann will den sechstklassigen KFC Uerdingen wieder zum Profiklub machen. Am letzten Spieltag will der fußballverrückte Millionär selbst für seinen Verein auflaufen. Platz auf dem Feld könnte ein alter Bekannter machen: Ailton.
Von Richard Leipold, KrefeldAuch in der sechsten Liga hat man noch Träume, vor allem, wenn man Millionär ist und fußballverrückt. Der Weg in die nächsthöhere Klasse ist weit, aber der Vereinspräsident des KFC Uerdingen hat das Aufstiegsszenario im Frühjahr schon vor Augen. Wenn alles klar ist, will der Immobilienunternehmer und Hobbykicker Agissilaos Kourkoudialos selbst für den Verein seines Herzens auflaufen, am letzten Spieltag in der Verbandsliga Niederrhein. Ein Spielerpass für den Zweiundvierzigjährigen, der zuweilen mit der Mannschaft trainiert, ist bereits ausgefertigt. Und es hat sich auch schon jemand gefunden, der bereit ist, ihm Platz zu machen für die letzte Viertelstunde.
„Presidente, dann wirst zu für mich eingewechselt“, sagt Ailton, einst Torschützenkönig der Bundesliga. Mit 36 Jahren gehört Ailton zu den reifen Semestern im Fußball. „Ganz Deutschland lacht, weil ich in die sechste Liga gehe, aber mein Vater sagt, es ist die Hauptsache, zufrieden zu sein“, sagt der Brasilianer. „Ich lebe gern in Deutschland.“ Torhüter Ronny Kockel hat seinen neuen Kollegen schon mit Erdnussflips und Schokolade versorgt, „damit Toni sich wohl fühlt“.
„Der KFC ist sein Baby, und er lässt es nicht im Stich“
Normalerweise müsste an dieser Stelle der Hinweis kommen: Achtung, Satire! Aber er kommt nicht, es ist keine Satire, kein Witz, sondern die Vision eines wohlhabenden Mannes, der sein „Baby“, als das er den Klub betrachtet, buchstäblich großziehen will. Das Insolvenzrecht spielte in Uerdingen zeitweise eine größere Rolle als die Abseitsregel. Bis vor zwei Jahren, als Kourkoudialos seine Liebe für den siechen Verein entdeckte und den Konkurs abwendete.
Aber die Rolle des Retters reicht dem Mann nicht, den alle der Einfachheit halber „Lakis“ nennen, weil seine Firmengruppe so heißt. Der Sanierer maroder Immobilien will den KFC auf ein stabiles Fundament stellen - und bis 2014 bis in die dritte Liga bringen, mindestens.
Dass Lakis die Lust verlieren könnte, wenn nicht alles nach Plan laufen sollte, stehe nicht zu befürchten, sagt Geschäftsstellenleiter Lutz Spendig, der ein Fernstudium Fußballmanagement absolviert hat und dem Klub wieder ein seriöses, solides Erscheinungsbild geben will. „Herr Lakis hat keine Kinder. Der KFC ist sein Baby, und er lässt sein Kind nicht im Stich.“ Lakis hat nicht irgendein „Kind adoptiert, sondern einen Verein, der Geschichte geschrieben hat und noch immer auf Platz 23 der „ewigen“ Bundesligatabelle steht.
Zwanzig Treffer sollen es werden
Noch unter dem Namen Bayer Uerdingen gelang 1985 gegen Bayern München der Gewinn des deutschen Pokals; in der darauffolgenden Saison wurde auf der europäischen Bühne das sogenannte „Fußballwunder von Uerdingen“ aufgeführt. Nach einem 0:2 in Dresden lag der Bundesligaklub daheim zur Pause 1:3 zurück, gewann am Ende 7:3 und erreichte die nächste Runde. Wer heute auf der Geschäftsstelle des KFC die Treppe zum ersten Stock hinaufsteigt, sieht an der Wand die Bilder von Protagonisten, die Großes geleistet haben: Bierhoff, Chapuisat, Herget, Kuntz, Laudrup und auch Magath (als Manager) grüßen im Postkartenformat. In diese Reihe passt Ailton. Der Brasilianer war mit Werder Bremen deutscher Meister und Pokalsieger und „Fußballer des Jahres“.
An einem kalten, weißen Wintertag entsteigt er einem Fahrzeug im Design des KFC, das ein Chauffeur steuert, betritt die Geschäftsstelle und schüttelt zwei Journalisten ab. In zehn Minuten? Ach nein doch nicht, keine Zeit. Den Mann am Counter begrüßt er mit den Worten: „Hallo, Praktikant.“ Der Mann am Counter entgegnet: „Na, Toni, wie geht es dir?“ Ailton antwortet: „Normal besser.“ Der Stürmer hat die Hand verbunden, wartet auf eine Spezialschiene, er kann nur Lauftraining machen - wenn er Lust hat, seine Devise war immer: „Fitness ist nicht ganz so wichtig, um Tore zu schießen.“Zwanzig Treffer sollen es in der Rückrunde werden, sagt Ailton.
Glücksfall auf dem Fußballplatz
Allein das Zustandekommen der Verletzung passt zu diesem gefallenen Fußballengel, der nach allerlei Europa-Aufenthalten zuletzt in China engagiert war, dort aber auch nicht bleiben sollte oder wollte. Die Version, er sei in der Badewanne ausgerutscht, ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Ailton hatte im Streit mit seinem Cousin voller Wut auf eine Glasvitrine eingeschlagen und dabei komplizierte Schnittwunden erlitten.
Er hat kaum mit der Mannschaft trainiert, ist beim KFC noch nicht integriert, jedenfalls nicht als Stürmer, eher als Werbefigur. Dennoch hält Trainer Wolfgang Maes den prominenten Zugang für einen Gewinn. „Man muss ihn nur richtig anpacken. Die jungen Spieler werden zu ihm aufschauen. Er ist ein Glücksfall.“
Schon deshalb, weil der Klub für Sponsoren wieder interessant wird. Eine Firma soll dem KFC fünfzigtausend Euro für zwei Jahre zugesagt haben, eine außergewöhnliche Summe in dieser sportlichen Tiefebene. Wann der Glücksfall auf dem Fußballplatz eintritt, bleibt offen, vielleicht gegen Wülfrath, vielleicht später. Böse Zungen sagen: vielleicht überhaupt nicht. Nicht alles lässt sich so beeinflussen wie die Reederei, die Ailton als eine Art „Special Guest“ ins Trainingslager auf Norderney bringen sollte. Der Präsident persönlich chauffierte den Stürmerstar, befürchtete aber, wegen der Verkehrslage, eine Verspätung und wies die Geschäftsstelle an, bei der Reederei zu intervenieren, auf dass die Fähre erst ablege, wenn Ailton an Bord sei.
„Uerdingen gehört in die Bundesliga“
Und was halten die Konkurrenten am Niederrhein von dem inzwischen wieder prominent anmutenden Mitbewerber? „Der KFC ist das Bayern München unserer Liga, nur noch mal potenziert, und damit natürlich klarer Favorit“, sagt Karl Weiß, der Trainer des aktuellen Tabellenzweiten Ratingen. Neben Ailton besitzt Uerdingen ein Bundesligastadion und eine Reihe weiterer Spieler mit Erfahrung in verschiedenen Profiligen wie etwa den talentierten Mittelfeldstrategen Ersan Tekkan, der sich weder beim VfL Bochum noch in der Türkei durchzusetzen vermochte, aber als versiert genug gilt, einen Torjäger wie Ailton in Szene zu setzen. „Wenn diese Truppe funktioniert, ist sie ganz schwer zu stoppen. Alles andere als ein Aufstieg der Uerdinger wäre eine Sensation“, sagt Günter Abel, Trainer des drittplazierten VfB Homberg.
Noch beträgt der Rückstand auf die führenden Klubs aus Düsseldorf und Ratingen sieben Punkte, aber Uerdingen hat drei Spiele weniger ausgetragen. Also glauben Lakis, Ailton und andere fest an das Konzept „KFC 2.0“, inklusive Auswechslung eine Viertelstunde vor Schluss am letzten Spieltag. „Der Plan des Präsidenten ist gut, Uerdingen gehört in die Bundesliga“, sagt Ailton. Für dieses Ziel dürfte seine Kondition jedoch beim besten Willen nicht reichen.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |