http://www.faz.net/-gtl-763u7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.01.2013, 13:22 Uhr

Afrika-Meisterschaft Das kapverdische Märchen geht weiter

Ein armer Inselstaat ist im siebten Fußball-Himmel: Die Nobody-Kicker der Kapverden haben gleich bei ihrer ersten Teilnahme an der Afrika-Meisterschaft den Einzug ins Viertelfinale geschafft. Die „Blauen Haie“ wollen nun sogar noch mehr.

© AP Jubel der Außenseiter: Die Mannschaft der Kapverden um Torschütze Nhuck überraschen bei der Afrika-Meisterschaft

Das Fußball-Märchen der Kapverden wird immer verrückter. Nach der sensationellen Qualifikation für die Endrunde des Afrika Cups 2013 zogen die Kicker aus dem kleinen und bitterarmen Inselstaat nun sogar sensationell ins Viertelfinale ein. Als im südafrikanischen Port Elizabeth der dramatische 2:1-Erfolg der „Blauen Haie“ über Angola feststand, strömten daheim Tausende zu Fuß, auf Fahrrädern, in Autos und auch auf Lkw-Ladeflächen jubelnd auf die Straßen. Die Menschen schwenkten Fahnen, sangen, tanzten und weinten auch vor Freude. Kein Wunder, ist doch der Coup vergleichbar mit einem undenkbaren Viertelfinal-Einzug von Luxemburg oder Albanien bei einer EM.

Die 500.000 Einwohner des Atlantikarchipels schienen plötzlich die Alltagssorgen mit Armut, Kriminalität sowie Strom- und Wassermangel vergessen zu haben. Die Hauptstadt Praia, wo viele das Spiel vor einer Großleinwand verfolgt hatten, verwandelte sich schnell in ein Meer blauer Fahnen und Trikots. Es gab Hupkonzerte, und die Massen schrien immer wieder: „Hoch lebe Kapverden“.

Mehr zum Thema

„Seit der Unabhängigkeit unseres Landes (1975) hatte ich so eine Freude, so eine Einheit nicht mehr gesehen“, sagte eine Frau dem Radiosender RCV. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden. Am Montag schrieb die Zeitung „A Semana“: „Die Tore haben die Inseln erleuchtet“. Und das Konkurrenzblatt „O Liberal“ stellte fest: „Die Spieler haben bewiesen, dass man auch ohne jegliche Mittel Großes erreichen kann.“

Weltweiter Jubel

Gejubelt wurde nicht nur daheim, sondern weltweit: Aufgrund vieler Hungerkatastrophen und enormer Arbeitslosigkeit leben nämlich inzwischen im Ausland ebenso viele Kapverdier wie auf den neun bewohnten Inseln der früheren Kolonie Portugals 460 Kilometer vor der Westküste Afrikas. In vielen Kneipen und Cafés der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ging es am Sonntag hoch her. Und der auf Praia geborene portugiesische Stürmerstar Nani von Manchester United twitterte: „Glückwunsch, besonders an meinen Cousin Carlinhos (der 90 Minuten durchspielte). Und alles Gute fürs Viertelfinale.“

159141987 © AFP Vergrößern Auf dem Weg ins Glück: Fernando Varela köpft ein Tor für sein Team

Fast alle „Haie“ spielen im Ausland. Zumeist bei kleineren Teams in Portugal, aber auch in Luxemburg, Zypern, Ungarn, Rumänien oder Frankreich. Star des Teams ist der 23-jährige Stürmer Ryan Mendes, der aber in seinem französischen Verein OSC Lille kaum zum Einsatz kommt. Ein Mann mit dem berühmten Künstlernamen Platini, bürgerlich eigentlich Luis Carlos Almada Soares, trug mit seinem Tor gegen Marokko entscheidend zur Qualifikation bei. In Portugal spielt der Lockenkopf bei Zweitligist Santa Clara.

Herausragende Kapverdier, wie ManU-Star Nani oder Abwehrmann Rolando, kicken lieber für die Auswahl von Portugal. Der ehemalige Profi vom Hamburger SV, Mickael Tavares, entschied sich für den Senegal statt für die Heimat seiner Vorfahren.

Kapverden hatten Kamerun ausgeschaltet

Die Fußball-Nobodys - in der Weltrangliste inzwischen auf Platz 70 - hatten auf dem Weg nach Südafrika die Kameruner von Superstar Samuel Eto’o ausgeschaltet. Beim Turnier schafften die Schützlinge von Coach Lucio Antunes dann zunächst jeweils Unentschieden gegen den Gastgeber (0:0) sowie gegen die Regionalmacht Marokko (1:1), bevor gegen Angola die wohl größte Sensation des afrikanischen Fußballs perfekt gemacht wurde. Nach dem Eigentor von Kapitän Nando (33.) drehten Fernando Varela (81.) und Nhuk (90.) den Spieß um.

159141987 © AFP Vergrößern Nationaltrainer Lucio ANtunes feiert den Sieg mit der Nationalflagge

Nach dem Sieg stürmten die Spieler zum Schrecken von Organisatoren und Journalisten ungeduscht den Pressekonferenz-Raum des Nelson-Mandela-Bay-Stadions und hüpften und sangen minutenlang. Am lautesten war Trainer Antunes, der daheim bereits mit Real Madrids Trainer José Mourinho verglichen und „Special One der Kapverden“ genannt wird. Der 46-Jährige war aus dem Häuschen: „Meine Spieler könnten bei Real, Barcelona, Manchester United, Chelsea oder Mailand spielen, sie können viel erreichen“, rief er. Auf den Kapverden ist man unterdessen davon überzeugt, dass das Märchen so schnell nicht zu Ende geht. Präsident Jorge Carlos Fonseca will jedenfalls zur K.O.-Runde nach Südafrika. Und „O Liberal“ tönte: „Jetzt ist alles drin“.

Quelle: DPA

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Von Embolo bis Sanches Das sind die neuen Jungstars der Bundesliga

Nicht nur Dortmund holt in seinem 220-Millionen-Sommer spannende Spieler in die Bundesliga. Auch andere Klubs geben teils erstaunlich viel Geld aus für Jungstars. Bei einem kommt selbst der FC Bayern zu spät. Mehr

25.08.2016, 10:21 Uhr | Sport
Debatte in Europa An Marokkos Stränden gehört der Burkini dazu

Während Frankreich noch über den Burkini diskutiert, gehört der Ganzkörper-Badeanzug an den Stränden von Marokko längst zum Alltag. Einige halten den Burkini sogar für eine gute Lösung für religiöse Frauen. Mehr

24.08.2016, 19:47 Uhr | Gesellschaft
Champions-League-Playoffs Guardiola erreicht mit ManCity die Gruppenphase

Pep Guardiola hat mit seinem neuen Verein Manchester City die Gruppenphase der Champions League erreicht. Die Wahl des Torwarts verwunderte zunächst. Salzburg verpasst hingegen die Gruppenphase in der Verlängerung. Mehr

24.08.2016, 22:58 Uhr | Sport
Willkommenskultur In Portugal kommen zu wenige Flüchtlinge an

Anders als viele osteuropäische Staaten zeigt Portugal Solidarität in der Flüchtlingsfrage. Das Land will 10.500 Kriegsflüchtlinge aufnehmen und auch viele Portugiesen sind dafür aufgeschlossen. Bisher sind aber kaum Menschen gekommen. Mehr

25.08.2016, 18:11 Uhr | Politik
Fußball-Transferticker Konkurrenz für ter Stegen bei Barcelona

Manchester City holt Torwart aus Barcelona +++ Schweinsteiger erklärt Zukunftspläne +++ U-21-Talent wechselt zu Mainz +++ Ronaldo und Bale sollen verlängern +++ Österreicher verstärkt Bayer +++ Alle Infos im Transferticker bei FAZ.NET. Mehr

24.08.2016, 14:32 Uhr | Sport

Ein neuer Stil für die Fußballfrauen

Von Daniel Meuren

Der Olympiasieg der Fußballfrauen ist erst vier Tage alt – und scheint so weit entfernt. Die neue Bundestrainerin Steffi Jones will vieles anders machen als Silvia Neid und zeigt das auch gleich. Mehr 15 21