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Afghanistan : Fußball-Casting für die erste Liga

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Ein Problem neben der Sicherheit: Die Zustände der Fußballplätze in Afghanistan Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Ein Sport sucht seinen Platz: In Afghanistan werden Nationalspieler im Fernsehen gesucht, eine „Premier League“ soll gegründet werden - trotz aller Probleme im Land.

          Es ist ein Anfang mit Unsicherheiten: in der Afghan Premier League, der ersten afghanischen Fußballliga, spielen immerhin definitiv acht Mannschaften - deren Spieler durch eine Casting-Sendung zu ihrem Stammplatz gekommen sind. Am vergangenen Dienstag wurde die letzte Folge von „Der grüne Rasen“ abgedreht. So lautet der Titel der Sendung, die der afghanische Fußballverband gemeinsam mit einem afghanischen Fernsehsender konzipiert hat.

          Die Idee erinnert an typische Formate dieses Genres: Es gab insgesamt 10.000 Bewerber, die Zuschauer konnten per SMS-Abstimmung drei Spieler pro Mannschaft festlegen. Es ist ein Auswahlprinzip, das nicht jedem gefällt. Nicht die besten Talente des Landes würden am Ende spielen, heißt es, sondern vor allem die Söhne einflussreicher Familienclans. Terror und Korruption beherrschten nämlich nicht nur das Land, sondern auch den Fußball.

          Nationalteam spielt nur auswärts

          Haschmatullah Barekzai ist so etwas wie ein Star in Afghanistan. Zwar kann er seinen Arm nicht mehr richtig strecken, seit eine Mine neben ihm explodiert ist, aber bis in die afghanische Fußballnationalmannschaft hat er es trotzdem geschafft. Wenn auch nicht bei einem Heimspiel. Das wäre zu gefährlich. Seit über acht Jahren hat das Team, die Nummer 165 der Weltrangliste, nicht mehr auf heimischem Boden gespielt. Für den 45 Jahre alten Naim Sahebdel eine traurige Realität.

          Als der Afghane vor über 20 Jahren als junger Mann nach Deutschland kam, hatte er schon viel gesehen: Soldaten, Kriege, Tote, viele Grenzen, viele Länder, viele Formulare. Sein Vater starb im Krieg, und als die Sowjets 1988 Afghanistan verließen und die Taliban zurückkamen, begann Sahebdel Deutsch zu lernen. Später machte er in Kassel eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Nach fünf Jahren in Deutschland wurde er Schiedsrichter und zog nach Niederbayern.

          Seine Freizeit widmet Naim Sahebdel dem 1. FC Passau - und dem afghanischen Fußball. Als Physiotherapeut des Nationalteams, Jugendtrainer, Betreuer: Sahebdel half, wo es ging, organisierte Hilfslieferungen mit Stutzen, Hosen, Trikots, Bällen und Medikamenten. „Mit vielen Spielern habe ich im Bus zum ersten Mal Mentaltraining gemacht, sie nach dem Spiel massiert, das kannten sie überhaupt nicht“, sagt er.

          Begeisterungsfähige Anhänger

          Auch der deutsche Fußballtrainer Klaus Stärk kennt die Umstände, unter denen in dem von Kriegen gebeutelten Land Fußball gespielt wird. „Meines Wissens soll in den nächsten fünf Jahren eine Profi-Liga in Afghanistan aufgebaut werden“, sagt er. Stärk, der in der Jugend des VfB Stuttgart gespielt hat und später Amateurmannschaften in Deutschland trainierte, ging 2004 als Nationaltrainer nach Afghanistan, mittlerweile arbeitet er beim Langzeitprojekt Fußball des Deutschen Olympischen Sportbundes in Namibia. „In Afghanistan blieb Klaus Stärk bis nach dem Aus in der Südasien-Meisterschaft 2008“, sagt Sahebdel wehmütig.

          Die zwei Männer haben gut zusammengearbeitet. „Klaus hat geschätzt, dass ich beide Sprachen spreche.“ Geholfen hat es auf den hinteren Rängen der Weltrangliste kaum, das letzte Länderspiel gegen Indien ging 0:4 verloren. Doch trotz ausbleibender Erfolge ist Fußball für viele der fast 29 Millionen Afghanen die beliebteste Sportart. „Die Menschen sind verrückt nach Fußball. Sie vergessen sogar zu beten, wenn ein Spiel übertragen wird, und sie reisen über Tausende Kilometer, um ihre Mannschaft live zu sehen“, erzählt Sahebdel. Meistens spielt die afghanische Nationalmannschaft in Indien, zuletzt in Neu Delhi. Die Mehrheit der Afghanen sitzt dann vor dem Radio und hört gebannt zu, ob diesmal ein Tor für ihre Elf fällt.

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