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Ältester Fußballverein Deutschlands Die Kicker von Tempelhof

Welcher ist der älteste Fußballverein Deutschlands? Nein, es ist nicht der Hamburger SV. Die ersten Fußbälle rollten hierzulande über das Gelände des Flughafens Berlin-Tempelhof. Im April feiert der BFC Germania sein 125-jähriges Bestehen.

© dpa Vergrößern Bevor der Flughafen entstand: In Berlin-Tempelhof wurde den Überlieferungen entsprechend zum ersten Mal auf deutschem Boden Fußball gespielt

„Max, schön, dasse da bist!“, ruft der Vereinsvorsitzende Heinz-Dietrich Kraschewski mit typischem Berliner Dialekt dem ersten Kicker zu, der bei Minusgraden zum Trainingsauftakt nach der Winterpause auf den zugeschneiten Kunstrasenplatz gekommen ist. Ein anderer fragt: „Sach mal Kraschi, haste rote Bälle? Vier reichen och.“ Kraschewski klettert in der winzigen Geschäftsstelle auf einen Stuhl und holt zwei Fußbälle vom Schrank. „Hier, muss reichen.“ Berlin-Tempelhof, Kreisliga B – Fußball pur: Die Sportler, die hier auf dem schneenassen Rasen umherschlittern, sind Deutschlands Kicker mit den aus fußballerischer Sicht ältesten Vorfahren. Der BFC Germania gilt als der älteste Fußballverein Deutschlands - nach eigenen Angaben gegründet am 15. April 1888. Als die Bundesliga vor einem halben Jahrhundert ihre Erfolgsgeschichte begann, feierte der BFC bereits sein 75-jähriges Jubiläum.

Im April wird es den Verein seit 125 Jahren geben, ein großes Vereinsjubiläum ist geplant, bei dem vielleicht sogar ein Altstar-Team der Berliner Hertha nach Tempelhof kommt. Zum Vergleich: Fußball wird in Deutschland seit rund 140 Jahren gespielt, der Deutsche Fußball-Bund ist jedoch erst 113 Jahre alt. Dort attestiert man dem Klub aus der Hauptstadt offiziell den Ältestenstatus. „Der älteste noch bestehende deutsche Fußballverein ist der Berliner FC Germania 1888“, sagt DFB-Sprecher Stephan Brause. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, meint Sporthistoriker Sieghard Below von der Humboldt-Universität in Berlin. Viele Klubs wurden dem Namen nach bereits deutlich vor Germania gegründet, unter ihnen ehemalige Erstligavereine wie der VfL Bochum 1848 oder TSV 1860 München. Offizielle Fußballmannschaften gab es bei diesen damals jedoch noch nicht. „Die Turner in diesen Vereinen haben Leichtathletik gemacht – Fußball spielte man damals aber noch nicht.“

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Deshalb fallen diese Turn- und Sportvereine beim DFB auch nicht in die Wertung. Die Geschichte des Fußballsports in Deutschland beginnt laut Below in den 1870er Jahren im heutigen Süden Niedersachsens. Der erste Fußball, der auf deutschem Boden rollte, wurde demnach in Braunschweig gespielt. Wobei „rollen“ eigentlich das falsche Wort ist. Er soll vielmehr gehoppelt haben. Mit einem ovalen „Ei“ ließ der Gymnasiallehrer Konrad Koch damals auf Tore spielen. Das Spiel war halb Fußball, halb Rugby. 1874 erschuf Koch ein Regelwerk, das sich eng an den Richtlinien der britischen Football Association orientierte. Seine Schüler trugen kurz darauf das erste Spiel aus - nach Kenntnissen, die Koch auf einer Reise im mutmaßlichen Fußball-Geburtsland England gesammelt hatte. „Die Schüler sollen in Braunschweig im gleichen Jahr einen Verein gegründet haben“, erzählt Below. „Dies wäre dann der erste Fußballverein in Deutschland.“

Alles begann in Tempelhof

Fußball, wie man ihn heute kennt, könne man das jedoch noch nicht nennen, sagt Below. Gleiches gilt für den Fußballrugby, der zum Beispiel beim Dresden English Football Club von 1874 oder dem BFC Frankfurt 1885 gespielt wurde. Ein Fußball müsse eben rund sein, sagt Below. Ein runder Fußball kam erst in den 1880er Jahren auf dem Tempelhofer Feld in Berlin „ins Spiel“ – dort, wo 35 Jahre später der Flughafen Tempelhof eröffnet wurde. Junge Kaufmänner entdeckten in dieser Zeit die neuen Trends aus England. „Alles, was aus England kam, war en vogue“, erzählt der Chronist von Germania 1888, Thomas Schneider. Unter anderem auch Fußball. Wer Schneider zuhört, fühlt sich schnell in eine andere Zeit versetzt – ins pulsierende Berlin der 1880er Jahre.

Wenige Jahre zuvor, bei der Reichsgründung 1871, stieg Berlin unter Otto von Bismarck zur Weltstadt auf. Die Einwohnerzahl stiegin einer Dekade von knapp einer auf über eineinhalb Millionen Menschen, Robert Koch entdeckte den Tuberkulose-Erreger, die Studenten strömten in die Humboldt-Universität und die Technische Hochschule. Berlin war damals auch der Mittelpunkt „Fußball-Deutschlands“. „Sie spielten vor allem auf dem Tempelhofer Feld. Da haben sie einfach angefangen zu bolzen“, schildert Schneider. In den Kneipen der Umgebung entstand nach den Spielen eine Fußballergemeinschaft nach der anderen. „Man spielte zusammen und trank danach ein Bierchen miteinander.“

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