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Ägypten nach dem Trauma Soldaten statt Fans

 ·  Nach der Katastrophe von Port Said beginnt wieder das Fußball-Leben in Ägypten: Der Kölner Trainer Kaczmarek hilft dabei dem amerikanischen Nationaltrainer Bob Bradley.

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© dapd Amerikanischer Aufbauhelfer: Bob Bradley (l., mit Ahmed Makki) soll Ägypten zur WM bringen

Wenn Ägyptens Fußball-Nationalmannschaft am 1. Juni mit dem WM-Qualifikationsspiel gegen Moçambique auf die internationale Fußballbühne zurückkehrt, wird es auf den Rängen des Stadions der „Arabischen Brücke“ in Alexandria ganz sicher keine Ausschreitungen geben.

Aus Sicherheitsgründen hat das ägyptische Innenministerium angeordnet, keine Fans zuzulassen. Die Arena wird stattdessen mit Soldaten besetzt sein. Auf dem Weg zurück in eine Art Fußball-Alltag wollen die Nordafrikaner keine Risiken eingehen.

Der Fußball soll wiederbelebt werden

Ägyptens Fußball, eigentlich ein absolutes Schwergewicht auf dem afrikanischen Kontinent, ist innerhalb eines einzigen Jahres völlig abgestürzt. Erst kam die politische Revolution im Land Anfang 2011, in deren Folge das Nationalteam die Qualifikation für den Afrika-Cup 2012 verpasste, weil es kaum trainieren und spielen konnte.

Dann der furchtbare Gewaltexzess im Stadion von Port Said gut zwölf Monate später, als am Rande eines Ligaspiels 74 Menschen zu Tode kamen. Das bedeutete von Februar dieses Jahres an: Aussetzung des Ligabetriebs, Beendigung der Saison, kein Fußball mehr in Ägypten.

Jetzt soll der Fußball im Land des siebenmaligen Afrikameisters wiederbelebt werden, mit einer ganzen Reihe von Qualifikationsspielen im Juni. Erst zwei Partien auf dem Weg zur WM 2014, anschließend noch die erste Qualifikationsrunde mit Hin- und Rückspiel gegen die Zentralafrikanische Republik im Hinblick auf den nächsten Afrika-Cup, der schon 2013 in Südafrika stattfinden wird.

„Ein hammerhartes Programm, vor dem wir noch überhaupt nicht wissen, wo wir leistungsmäßig stehen. Dabei sind diese Spiele so unglaublich wichtig für den ägyptischen Fußball“, sagt Tomasz Kaczmarek. Der 27 Jahre alte Kölner arbeitet seit Anfang dieses Jahres als Assistenztrainer bei der ägyptischen Nationalmannschaft, sein Chef ist der Amerikaner Bob Bradley.

Es war das Sportstudium, das den in Breslau geborenen und in Köln aufgewachsenen Kaczmarek Ende 2007 in die Vereinigten Staaten geführt hatte. Bei dem amerikanischen Fitness-Guru Mark Verstegen, der auch mit der deutschen Nationalmannschaft zusammenarbeitet, absolvierte Kaczmarek ein Praktikum. In dessen Verlauf lernte er den damaligen amerikanischen Nationaltrainer Bob Bradley kennen. „Wir funkten gleich auf einer Wellenlänge“, sagt Kaczmarek, der mit Bradley fortan immer wieder lange und intensive Diskussionen über fußballspezifisches Krafttraining führte.

Kaczmarek kehrte nach Deutschland zurück, trainierte Jugend- und Amateurteams in Köln und Umgebung. Doch der Kontakt zum amerikanischen Fußball blieb. Bradley verschaffte ihm 2008 einen Job als Assistenztrainer im amerikanischen Olympiateam, der Ägypten-Deal kam dennoch völlig überraschend: „Ich musste schlucken, als Bradley im Dezember letzten Jahres anrief, aber habe natürlich sofort zugesagt. So eine Chance bekommt man im Leben nicht zweimal“, sagt Kaczmarek.

Die Chance entwickelte sich aber ganz anders als gedacht. Als die Tragödie von Port Said passierte, hatte Kaczmarek gerade sein Hotelzimmer in Kairo bezogen. „Es war furchtbar. Ein riesiger Schlag für Ägyptens Fußball“, sagt Kaczmarek, dessen Trainerjob plötzlich ein ganz anderes Tempo bekam: „Die Liga wurde ausgesetzt, plötzlich waren natürlich auch alle Nationalspieler ohne Wettspiele. Wir mussten unser geplantes Programm völlig umstellen.“

Anstatt sich erst einmal in Ruhe eine Wohnung suchen zu können und einen Arabisch-Kurs zu belegen, ging’s für Kaczmarek mit den Nationalspielern im März und April in Trainingslager nach Qatar, Sudan, Dubai, in den Libanon, nach Marokko und noch einmal nach Sudan. Zuletzt bestritt Ägypten im befreundeten Sudan zwei Testspiele gegen Kamerun (2:1) und Togo (4:0).

Bei jeweils über 40 Grad Lufttemperatur zeigte das Team recht starke Leistungen, dennoch ist die Nervosität vor dem Ernstfall am 1. Juni groß. Jeder weiß um die Bedeutung des Fußballs für das Land. So fordert Rekord-Nationalspieler Ahmed Hassan nichts weniger als ein grundsätzliches Umdenken in der ägyptischen Kultur, um Katastrophen wie in Port Said künftig zu vermeiden: „Das gesamte Land leidet meiner Meinung nach unter einem Mangel an Ethik und Sicherheit. Der Fußball wird zweifellos zurückkommen, aber das gesamte Land muss aus diesem dunklen Tunnel herausfinden. Stabilität wird es erst geben, wenn alle Bevölkerungsgruppen die Rolle der anderen respektieren.“

Während Deutschland-Legionär Mohamed Zidan keine Rolle mehr in Bradleys Planungen spielt, tragen neben Hassan vor allem Altstars wie Torhüter Essam El-Hadari, Stürmer Amr Zaki und Mittelfeld-Chef Mohamed Aboutreika die größten Hoffnungen der Fans auf ihren Schultern.

Dabei war gerade Aboutreikas Rückkehr in die Nationalmannschaft keineswegs selbstverständlich. Der Regisseur von Topklub Al Ahly war dabei, als im Chaos von Port Said vor allem jugendliche Anhänger seines Klubs zu Tode kamen. Einige Nationalspieler erlitten dabei selbst schwere Traumata, wie Tomasz Kaczmarek berichtet: „Die Spieler wollten helfen, konnten aber nicht. In Aboutreikas Armen ist ein junger Bursche gestorben. Dessen letzte Worte waren: ,Ich habe immer davon geträumt, einmal den echten Aboutreika zu treffen. Dieser Traum wird nun wahr’.“

Ein halbes Dutzend der betroffenen Spieler um Aboutreika erklärten nach diesen Erlebnissen spontan ihren Rücktritt vom aktiven Fußball, mittlerweile haben zumindest alle Nationalspieler diesen Schritt rückgängig gemacht. Das große Ziel, die erstmalige Qualifikation Ägyptens für ein WM-Endturnier, hat die Spieler vorerst wieder vereint. Auch wenn sie ihre Heimspiele vor den Augen von Soldaten statt vor denen ihrer Fans absolvieren müssen.

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