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Ägypten „Al-Ahly ist das Volk“

06.02.2012 ·  Und das Volk ist al-Ahly. Auf mehr als 50 Millionen Fans wird die Anhängerschar des ägyptischen Klubs geschätzt - für das Regime sind sie ein Problem. Das zeigt der Gewaltausbruch vergangene Woche.

Von Dominik Peters, Kairo
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© dapd Die Ultras von al-Ahly schlugen vor einem Jahr Schlägerbanden in die Flucht

Achmed Fuad hat Nächte voller Blut, Schweiß und Tränen hinter sich. Wut, Hass und Trauer sind an diesem Freitag seine einzigen Gefühle. „Wir wollen Rache für unsere toten Brüder“, sagt er. Um dies zu betonen, hat er denselben Satz in schwarzer Schrift auf ein weißes Plakat geschrieben.

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo hebt der Sechsunddreißigjährige es über die Köpfe der Menschenmenge. Tausende sind es; viele von ihnen Anhänger des Fußballvereins al-Ahly, erkennbar an Fahnen, die sie schwenken, und den roten Trikots, die sie tragen.

Auch Achmed Fuad demonstriert in der Signalfarbe. Er ist Ultra, ein besonders fanatischer Fan. „Ich habe schon viele Schlachten für meinen Verein geschlagen“, sagt der bullige Zwei-Zentner-Mann mit dem schwarzen Schnauzbart - und klingt dabei glaubwürdig. „Aber das, was jetzt auf uns zukommt, wird alles in den Schatten stellen.“ Dabei ist das schwer vorstellbar.

Vor zwölf Monaten hatten sich die Ahly-Utras mit Verve und Muskelkraft während der sogenannten „Kamelschlacht“ vor die friedlich demonstrierenden Massen im Herzen der ägyptischen Hauptstadt gestellt und auf Kamelen angreifende Schlägerbanden in die Flucht geschlagen. Dieser Tag hat sich ins kollektive Gedächtnis der Ägypter eingebrannt wie kaum ein anderer seit dem Sturz Hosni Mubaraks. Schließlich war der Sieg über die „Baltagija“, wie der gesteuerte Mob im Volksmund genannt wird, der Anfang vom Ende des verhassten Raïs.

Dass Ultras wie Ahmed Fuad ihre Kampferfahrung damals in den Dienst der Revolution gestellt hatten, bezahlten in dieser Woche viele von ihnen beim „Massaker von Port Said“ mit ihrem Leben, Hunderte kamen mit Brüchen, Blessuren, nur wenige mit dem Schrecken davon.

Der Demokratie-Aktivist Wael Abbas sprach im Interview mit dem Fernsehsender Al Dschazira von einer geplanten „Vendetta“ des Ancien Régime gegen den Männerbund, schließlich war es der Jahrestag der „Kamelschlacht“. Die Fans des Kairoer Fußballvereins al-Ahly waren den Mächtigen seit Jahren ein Dorn im Auge, galt ihr Stadion doch als Brutstätte des Hasses gegen die Regierung, sie selbst als Anarchisten - und der Verein als Mythos.

35 Meisterschaften, 33 Pokalsiege und das vom afrikanischen Fußballverband verliehene Prädikat „Klub des Jahrhunderts“ hatten dazu beigetragen. Ebenso Spieler wie der legendäre Stürmer Mahmoud Mokhtar, der die Größe Thomas Häßlers hatte, dabei aber die Sprungkraft eines Karl-Heinz Riedle besaß. Oder die Saison 2005, als man mit 24 Siegen, zwei Remis und 74 von 78 möglichen Punkten alle Liga-Gegner deklassierte - auch den Antipoden Zamalek SC, der nach einer Nilinsel benannt ist, die die Megametropole teilt.

Rote Trikots - die Farben der präkolonialen Flagge

Es ist eine Feindschaft, die bis in die britische Kolonialzeit zurückreicht. Schließlich hieß Zamalek SC einst Farouk und trug damit den Namen des letzten Königs von Ägypten. Der war wegen seiner Verschwendungssucht verhasst und galt als Lakai der Briten, die den Verein gegründet hatten und sich gemeinsam mit den Schönen und Reichen der Hauptstadt zu Tee und Keksen am Spielfeldrand trafen.

Und so gründeten nationalistisch gesinnte Studenten 1907 al-Ahly, zu Deutsch: „Der Nationale“. Zwar war der erste Vorsitzende des Vereins selbst ein Brite, Mitchel Ince, auf dem Platz trug man aber rote Hemden - die Farben der präkolonialen Flagge. Es war eine Kampfansage an den elitären Rivalen, dessen Fans Literaten, Philosophen und Großgrundbesitzer waren.

Der Hass auf das Establishment ist den Al-Ahly-Anhängern bis heute im Blut. Sie nennen sich „rote Teufel“, ihre Gegner von Zamalek sind die „weißen Ritter“. Immer wieder kommt es bei Derbys zu Ausschreitungen, deshalb spielt man auf neutralem Boden und mit ausländischem Schiedsrichter - wenn denn einer kommt.

2001 musste der ägyptische Verband sechs Anläufe unternehmen, um einen Referee für das Spiel zu gewinnen, den Schotten Kenny Clark. Auch das Image des Vereins hat sich nicht verändert: Al-Ahly ist „der Verein mit den Werten“, wie es die Klublegende Saleh Salim einst formulierte, den die Fans bis heute ehrfurchtsvoll „Meister“ nennen.

„Diese Sponsoren sind überlebenswichtig für al-Ahly“

Und Fans gibt es viele in diesem Stehplatz-Verein der Arbeiter, die für fünfzehn ägyptische Pfund Eintrittsgeld, umgerechnet knapp zwei Euro, über die blaue Tartanbahn des Cairo International Stadium hinweg ihre Mannschaft anfeuern wie im Rausch. Auf 50 Millionen beziffert der Verein selbst seine Anhängerschar - rund 80 Millionen Menschen leben nilauf, nilab überhaupt. Das macht al-Ahly zu einem begehrten Werbeträger.

Neben der staatlichen Fluglinie Egypt Air zählt der Mobilfunkgigant Etisalat zu den Hauptsponsoren von al-Ahly, ebenso wie Adidas und Juhayna, der größte Joghurt- und Getränkefabrikant des Landes. „Diese Sponsoren sind überlebenswichtig für al-Ahly“, sagt James Dorsey, Experte für Fußball im Nahen Osten von der Rajaratnam School of International Studies in Singapur. „Bis heute sind Gesetze aus der Mubarak-Ära in Kraft, denen zufolge Sportvereine nach dem Non-Profit-Prinzip organisiert sein müssen und denen deshalb weder Einnahmen aus TV-Rechten noch aus dem Merchandising-Bereich zustehen.“

Zum Überleben von al-Ahly tragen auch seine Besitzer bei - alle registrierten Vereinsmitglieder. Einer davon ist Mohammed Kamal. „Al-Ahly ist eine große Familie, man hat den Verein im Blut und vererbt ihn weiter“, sagt der Mittfünfziger, der die goldene Packung seiner Zigaretten der Marke Cleopatra in der rechten und seinen Enkel, der auch Mohammed heißt, an der linken Hand hält.

Der Siebenjährige trägt die Vereinsfarben im Gesicht und den Traum, in die Fußstapfen seines Idols Mohammed Aboutrika zu treten, im Herzen. Der Mittelfeldmotor hat am Donnerstag seine Profikarriere unwiderruflich beendet - und al-Ahly den Spielbetrieb bis auf weiteres eingestellt.

„Denn al-Ahly ist das Volk, und das Volk ist al-Ahly“

Schließlich verharrt nicht nur der Verein, sondern das ganze Land in einer Schockstarre und blickt gebannt auf den Tahrir-Platz, auf dem sich die Kamals mit Achmed Fuad und all den Ultras solidarisieren. „Denn al-Ahly ist das Volk, und das Volk ist al-Ahly.“ Sagt Mohammed Kamal.

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