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Veröffentlicht: 12.03.2013, 11:14 Uhr

AC Mailand Stabile Trutzburg mit Turbo-Comeback

Der AC Mailand geht das Duell mit dem FC Barcelona in der Champions League gelassen an. Dabei müssen die Italiener im Rückspiel des Achtelfinales den 2:0-Vorsprung ohne die zwei besten Stürmer verteidigen.

von Julius Müller-Meiningen, Rom
© AP/dpa Vorsicht, Barcelona: Stephan El Shaarawy ist Milans gefährlichster Mann

Wie es heißt, bleiben die Töpfe diesmal in den Küchenschränken. Die meisten italienischen Beobachter sind jedenfalls sicher, dass es keine „cacerolada“ mehr geben wird. Als eine Mailänder Mannschaft in der Champions League zum letzten Mal mit zwei Toren Vorsprung zum Rückspiel nach Barcelona reiste, da mobilisierte das auch einige besonders einfallsreiche Anhänger der Katalanen.

Etwa fünfzig Barcelona-Fans versammelten sich in der Vornacht des Spiels mit allerlei Küchengeschirr vor dem Hotel der gegnerischen Mannschaft und wollten deren Mitglieder mit Höllenlärm um den Schlaf bringen. Nur die Polizei verhinderte damals einen Eklat.

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Es waren andere Zeiten und Umstände. Der Gegner hieß Inter Mailand, der Trainer war der in Barcelona unbeliebte José Mourinho, und nach dem 3:1 der Mailänder im Halbfinal-Hinspiel ging es im Jahr 2010 um den Einzug ins Finale der Champions League - den Inter schließlich schaffte. An diesem Dienstag (20.45 / Live im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) nun tritt der AC Mailand im Camp Nou an - bei einer vergleichbaren Konstellation: Milan, trainiert von Massimiliano Allegri, gewann das Hinspiel in diesem Achtelfinal-Duell 2:0.

Der Außenseiter geht die bevorstehende Aufgabe offenbar mit einiger Gelassenheit an, so sieht es zumindest von außen betrachtet aus. Man scheint sich beim AC Mailand geradezu auf das Spiel gegen die Katalanen zu freuen. Denn die haben seit einigen Wochen von ihrem früheren Glanz eingebüßt und stehen nun gehörig unter Druck, wie auch aus diversen Kommentaren herauszuhören ist.

„Sie fürchten uns und respektieren uns“

„Die Spieler glauben an die Aufholjagd“, ist etwa demonstrativ hoffnungsfroh auf der Internetseite des Klubs zu lesen. Der genialische Mittelfeldspieler Andres Iniesta will sogar seine „Hand dafür ins Feuer legen, dass wir weiterkommen“. Diese Parolen sind mit dramatischer Musik unterlegt, wie man sie aus Monumentalfilmen im Kino kennt. „Intensive taktische Arbeit“ lautet hingegen das vergleichsweise nüchterne Programm beim AC Mailand.

„Sie fürchten uns und respektieren uns, das war immer schon so“, sagt Sportdirektor Adriano Galliani. Mit dem Sieg im Hinspiel und der günstigen Ausgangsposition haben sich die Mailänder in die Favoritenrolle bugsiert. Erzielt Milan einen einzigen Treffer, dann benötigt Barcelona zum Weiterkommen schon vier Tore. Die Mailänder wollten sich nicht nur auf die Defensive konzentrieren, kündigte Galliani an.

„Wenn Pazzini nicht trifft, treffe ich“

Dennoch ist ein Spiel auf ein Tor mit Kontervorstößen aus der italienischen Trutzburg heraus das wahrscheinlichste Szenario. Jedenfalls hatte der AC Mailand zuletzt kein Problem mit dem Erzielen von Toren. „Bei uns funktioniert es so: Wenn Pazzini nicht trifft, treffe ich. Und wenn ich kein Tor erziele, dann macht El Shaarawy eins“, sagte Stürmer Mario Balotelli am Wochenende.

Balotelli und Pazzini, die die Treffer beim 2:0-Auswärtssieg gegen den CFC Genua am Freitag erzielten, werden in Barcelona allerdings nicht dabei sein. Balotelli, der bisher in fünf Serie-A-Spielen fünfmal traf, ist in der Champions League nicht mehr spielberechtigt, weil er in dieser Saison bereits für Manchester City im Einsatz war.

Milan ist seit Weihnachten auf Aufholjagd

Giampaolo Pazzini hat schon 13 Treffer in dieser Spielzeit erzielt, aber auch er fällt am Dienstag aus - wegen einer Wadenbeinverletzung, die er sich beim Sieg in Genua zugezogen hat. Nach Balotellis Theorie bleibt also viel am jungen Stephan El Shaarawy hängen, der mit seinen 16 Saisontoren nicht nur beim AC Mailand eine herausgehobene Rolle eingenommen hat, sondern auch einer der Hoffnungsträger in der italienischen Nationalelf ist.

Nicht zuletzt dank seiner Leistungen ist Milan seit Weihnachten auf Aufholjagd. Lange lag das Team abgeschlagen im Mittelfeld, seither sammelte die Mannschaft in zehn Partien 24 Punkte und belegt nun den dritten Tabellenplatz in der Serie A. Ein „Turbomilan“ sei da am Werk, folgerte die Zeitung „Gazzeta dello Sport“.

Boateng glänzt auf der großen Bühne

Wiedergefunden hat seine Stärke offenbar auch der Berliner Kevin-Prince Boateng. Kritiker bezeichnen ihn spöttisch als den letzten Neuzugang. Monatelang zeigte er nur durchwachsene Leistungen. Mit seinem Treffer im Hinspiel gegen Barcelona und einer guten Leistung katapultierte er sich aber unvermittelt wieder ins Rampenlicht. Die Schlussfolgerung vieler Beobachter in Mailand ist, dass Boateng offenbar nur auf der großen Bühne die richtige Motivation finde. Am Dienstagabend dürfte er in dieser Hinsicht keine Probleme haben.

Quelle: F.A.Z.

 

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