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Abschied eines Amateurs Nummer fünf geht

12.06.2009 ·  Mit jeder Saison enden Fußballkarrieren – und meistens sind es leise Abschiede. Ein letztes Fußballspiel mit Henning Zimmermann in der Hessenliga. Ohne Kameras und Blumen.

Von Jan Grossarth
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Henning Zimmermann sitzt zwischen zwei Mitspielern in der Kabine, schnürt seine Schuhe fest, zieht das Trikot mit der Nummer 5 über und schnauft kräftig durch. Jungs, wir müssen noch einmal siegen, faucht der Trainer, es geht um Platz sechs. Dass es um Platz sechs in der Hessenliga geht, bedeutet, dass es um gar nichts mehr geht, doch es ist dem Trainer wichtig, dass sich der FC Eschborn ordentlich in die Sommerpause verabschiedet. Der Trainer öffnet die Kabinentür, die Mannschaft läuft durch den Backstein-Flur hinaus aufs Feld, Henning Zimmermann als Drittletzter, ein letztes Mal nach 15 Jahren.

Für Eschborn ist es ein Allerweltsspiel, für Henning Zimmermann ein besonderes. Der Innenverteidiger wird bald 33 Jahre alt, hatte zuletzt öfter Knieschmerzen und konnte auch berufsbedingt nicht mehr so oft trainieren. Fußballprofis werden von zehntausend Fans beklatscht und gehen unter Tränen. Henning Zimmermann steht nun auf dem Platz des Stadions am Brentanobad, auf der Tribüne sitzen 70 Zuschauer, am Bratwurststand warten noch mal 10.

Schönes Taschengeld

1998, Zimmermann war 21 Jahre alt, köpfte er für seinen damaligen Verein Klein-Karben gegen Darmstadt 98 in der 90. Spielminute das 1:0-Siegtor. Hunderte gegnerische Fans waren aufgebracht, Zimmermann musste das Stadion unter Polizeischutz verlassen. Wenig später gewann Klein-Karben ein Freundschaftsspiel gegen Eintracht Frankfurt 2:1, Felix Magath ließ seine Eintrachtprofis am Sonntagmorgen um 6 Uhr zur Strafe trainieren. „Da hat es angefangen, Spaß zu machen“, sagt Zimmermann. „Ich hatte einen Riesenehrgeiz.“

Das Stadion am Brentanobad, in dem Zimmermann jetzt seine Position in der Viererkette einnimmt, hat eine Sitzplatztribüne, die anderen Ränge bestehen aus wenigen Treppenstufen und sind mit Gras und Bäumen bewachsen. Als existiere ein Drehbuch für den Nachmittag, findet das Spiel genau dort statt, wo Zimmermann vor 15 Jahren sein erstes Spiel im Herrenfußball machte, für Rot-Weiß Frankfurt, den heutigen Gegner. Henning Zimmermann spielte in immer höheren Ligen: für Eschborn in der Oberliga, für Kickers Offenbach in der Regionalliga, den FSV Frankfurt. Zwischenzeitlich lebte er für den Fußball und vom Fußball, auch in diesem Monat überwies ihm sein Verein noch ein schönes Taschengeld.

Auf der Massageliege

Die Mannschaft bildet einen Kreis, Zimmermann bekreuzigt sich, der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Von allen Sportlern auf dem Platz hat er die kräftigste Statur. Er läuft keinen Meter zu viel, wirkt nicht mehr sehr wendig, aber er weiß, wo er stehen muss. Er ist schon mehr Dirigent, als Spieler. 1999, als er 22 Jahre alt war, trainierte er einmal bei Jürgen Klopp in Mainz zur Probe, er bekam ein Angebot für die zweite Mannschaft mit der Perspektive, in die erste aufzusteigen. „Da war mir bewusst, dass es auch schnell mal nach oben gehen kann.“ Zimmermann blieb in der Oberliga, er hatte noch einen Vertrag und studierte bereits Architektur.

Zur Halbzeit führt Eschborn 1:0, an der Kabinentür hängt eine Tafel mit der Mannschaftsaufstellung. Viele Spieler sind darauf mit Spitznamen benannt, Henning Zimmermann nennen sie Zimbo, was einerseits brasilianisch klingt und andererseits wie eine Wurstfabrik aus dem Ruhrgebiet. Auf der Massageliege lässt sich der Mitspieler Rouven Leopold massieren, der früher mit Henning Zimmermann in der C-Jugend des SC Rödelheim gespielt hat. „In Rödelheim hat es mit uns angefangen, und hier hört es auf, Zimbo“, sagt er.

Ein Stapel Zeitungsartikel

Die zweite Halbzeit beginnt, in einer Kurve haben fünf Eschborner Fans ein Transparent auf dem Rasen ausgebreitet, „Maintaunuswahn“ steht darauf. Zwei der fünf stehen mit dem Rücken zum Spielfeld, drei betrachten das Spielgeschehen, sie trinken Bier aus Plastikbechern und zeigen sich überrascht, als sie erfahren, dass es Zimmermanns Abschiedsspiel ist. „Glaub ich nicht“, meint einer und beißt in sein Frikadellenbrötchen. „Schade, Henning ist einer der Altbekannten“, sagt ein anderer. „Mit dem ist nicht mehr viel los, der schiebt ja nur noch den Kinderwagen“, sagt der Nächste. Der Erste sagt: „Zimbo ist der Einzige, der auf dem Platz redet, ich weiß gar nicht, wer nächste Saison reden soll.“

Henning Zimmermann hat einen Stapel Zeitungsartikel aus den vergangenen 15 Jahren gesammelt, in denen er vorkommt. Über ihn gibt es keine Statistik, er weiß nicht, wie viele Spiele er insgesamt gemacht hat, ob 150 oder 300, und nicht, wie viele Tore er geschossen hat. So wie Tausende Amateurspieler, die ihre Karriere beendet haben. Nur eine Statistik hat er im Kopf: „Neun Spiele, zwei Tore“ – das war seine Bilanz bei Kickers Offenbach.

Zimmermann köpft einige Bälle

2004, als Zimmermann 27 war, hatte er seine beste Saison für Eschborn gespielt, Darmstadt und Kickers Offenbach umwarben ihn, Zimbo ging nach Offenbach. Im Herbst 2004 gewann er in der Regionalliga mit den Kickers bei den Amateuren des VfB Stuttgart. Zimmermann hatte es mit dem unbekannten Angreifer Mario Gomez zu tun, gestattete diesem keinen und erzielte selbst einen Treffer. Beim Spiel gegen die Bayern-Amateure verteidigte er gegen den jungen Paolo Guerrero, das kann er in zehn Jahren noch erzählen. Später in der Saison erlitt er dann einen Knorpelschaden, und als die Mannschaft auf Aufstiegskurs in die zweite Liga war und Zimmermann wieder genesen, hatte er den Anschluss verloren. Kurz bevor er Profi werden sollte, ging es wieder eine Liga abwärts und später noch eine. Er war schon 28 und hatte seine Grenze gesehen.

In der zweiten Halbzeit gerät Eschborn unter Druck. Zimmermann köpft einige Bälle hinten heraus. Das 1:0 steht. Auf der Eschborner Bank sitzt mit verschränkten Armen der Vizepräsident Klaus Wagner, denkt, nach Zimbo befragt, kurz nach und findet schließlich einen Satz, der ihm etwas zu pathetisch gerät: „Er gehört sicher zu denen, die im Rhein-Main-Gebiet Fußballgeschichte geschrieben haben.“

Profifußballer gehen unter Tränen

Gleich nach dem Abpfiff läuft über die Stadionlautsprecher dröhnend ein Schlagersong: „Noch in hunderttausend Jahren werd ich immer bei dir sein.“ Die Mannschaft geht zu ihren fünf Fans, Zimbo macht eine Rolle in Richtung Fankurve, sie klatschen sich ab, einige umarmen sich. Die Spieler gehen in die Kabine. Zimbo wirft Stutzen,Trikot und Hose in den Zeugkoffer, Eschborn duscht, und danach geht ein Spieler nach dem anderen. Sie schütteln Zimbo die Hand.

Zimmermann geht zu seinem Dienstwagen und fährt nach Hause. Seit drei Jahren arbeitet er als Projektentwickler in der Immobilienbranche. Er fährt los und sagt, er sei nicht traurig. „Das war so ein schleichender Tod.“ Die Arbeit wurde ihm in den vergangenen Jahren immer wichtiger, dann wurde er Vater. Endlich wird er jetzt mehr Zeit für das Kind haben. Alle Erwartungen, die er an den Fußball hatte, hat ihm der Fußball erfüllt. Profifußballer gehen unter Tränen, Zimbo sagt: „Am 24. Juni fängt die Saison wieder an, und ich freue mich, dass ich dann nicht antanzen muss.“

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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