Michael Ballack ist den letzten Makel seiner stolzen Karriere nicht losgeworden. Seit der längsten Moskauer Fußballnacht kann der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft immer noch nicht von sich behaupten, ein großes Finale gewonnen zu haben. Aber am Deutschen lag es nicht, dass es nicht zum Champions-League-Triumph des FC Chelsea über Manchester United gereicht hatte. Ballack war der überragende Spieler seiner Mannschaft gewesen, der zudem beim entscheidenden Elfmeterschießen die Verantwortung des ersten Schusses übernahm - und traf. Aber seine Kollegen Terry und Anelka scheiterten im weiteren Verlauf, so dass Manchester United nach der englischen Meisterschaft den Londoners auch den Sieg in der Königsklasse wegschnappte. Um 1.35 Uhr morgens Ortszeit stand der 6:5-Erfolg von Manchester im Elfmeterschießen fest.
Nach 90 Minuten und nach der Verlängerung hatte es nach Toren von Cristiano Ronaldo (26.) für Manchester und Frank Lampard (45.) für Chelsea 1:1 gestanden. In einem temporeichen und über weite Strecken hochklassigen Finale war Manchester in der ersten Halbzeit lange dominierende gewesen, dann kämpfte sich Chelsea dank Ballack ins Spiel zurück und hätte den Triumph verdient gehabt.
Creme de la Creme des europäischen Fußballs
Als das bombastisch-monumentale Vorprogramm beendet war, in dem über hundert Tänzer und Statisten in roten Kostümen zu pathetischen Klängen einer unerklärbaren Choreographie gefolgt waren, begann eine Fußball-Nacht im Luschniki-Park, die alle zu begeistern verstand.
Eine gute Viertelstunde neutralisierten sich die beiden Teams und produzierten dabei Langeweile auf hohem Niveau. Aber dann bewiesen Manchester und Chelsea, warum sie zur Creme de la Creme des europäischen Fußballs zählen. Zunächst riss Manchester United die Initiative an sich. Das Team von Sir Alex Ferguson wirkte quicker, dynamischer, mit mehr drive. Dabei zeichnete sich erst der frühere Bayern-Profi Owen Hargreaves auf der rechten Seite aus, dann auf noch mehr Aufsehen erregende Weise Cristiano Ronaldo über links. Sein Gegenspieler Essien wurde zur Lieblings-Slalomstange des Portugiesen. Mit immer neuen Tricks narrte ihn Ronaldo zur Erbauung des in rot gekleideten Teils des Publikums.
Cech hielt Chelsea im Spiel
In der 26. Minute krönte er seine Leistung mit dem 1:0 für Manchester. Nach einer blitzsauberen Kombination zwischen Scholes und Brown nutzte er eine weite Flanke zu seinem achten Treffer in der Champions League. Essien hatte ihm das Tor erleichtert, indem er abgetaucht war, anstatt zum Kopfball hoch zu steigen.
In den folgenden zehn Minuten schien Chelsea überrollt zu werden. Der Gipfel der United-Spielkunst wurde in der 35. Minute erreicht. Rooney erkämpfte an der eigenen Eckfahne den Ball gegen Carvalho und gewann auch den Zweikampf gegen den nachsetzenden Portugiesen. Nach ein paar Schritten schlug der englische Nationalspieler einen 50-Meter-Diagonalpass auf Cristiano Ronaldo. Der Linksaußen flankte sogleich in die Strafraummitte, wo Tevez zu einem wunderbaren Flugkopfball ansetzte. Doch Chelsea-Torwart Cech verhinderte, dass aus der Traumkombination ein Traumtor wurde. Auch den Abpraller von Carrick wehrte der Tscheche ab und hielt Chelsea so im Spiel.
An Ballack richtete sich Chelsea auf
Die Londoner hatten bis dahin nicht viel entgegen zu setzen gehabt, abgesehen von Innenverteidiger Terry, der den Luftraum beherrschte. Im Mittelfeld versuchte Ballack die Fäden zu ziehen, was ihm wegen der mangelnden Unterstützung der Kollegen aber nur selten gelang. Wenn einmal Ruhe und Ordnung im Chelsea-Spiel einkehrte, dann hatte der Deutsche seine Füße am Ball. Und das sollte im weiteren Spielverlauf zur Normalität werden. An Ballack richtete sich Chelsea auf. Er schlug die Pässe, er gab die Kommandos, er riskierte die Torschüsse.
Nur am Ausgleichstreffer war der Deutsche nicht beteiligt. Er fiel seinem Kollegen Frank Lampard in der 45. Minute vor die Füße, weil der Ball vom Rücken des ManU-Verteidigers Rio Ferdinand geprallt war. Lampard beging sein Tor auf besinnliche Art. Er blickte lange zum Himmel und schien ein paar Worte zu murmeln. Erst kürzlich ist seine Mutter gestorben.
Drogbas Schuss landete am Pfosten
War das 1:1 zur Pause aus Sicht von Chelsea glücklich zu nennen, so verdienten sie sich den Zwischenstand in Halbzeit zwei. Die ersten zehn Minuten hatten noch einmal Manchester United gehört, dann gewannen die Londoner im Mittelfeld die Oberhand. Sie kombinierten nicht so kompromisslos nach vorne wie der Gegner, eher in die Breite, wenn das Risiko zu groß schien, eben auf Ballack-Art. Aber wirkungsvoll.
Manchester kam kaum noch zu Kontern, Chelsea beherrschte den Ball und Ballack gab die Richtung vor. In der 57. Minute verfehlte sein Gewaltschuss aus 25 Metern nur knapp das Ziel. In der 78. Minute kam Drogba der Chelsea-Führung noch näher, sein Schuss landete am Pfosten.
Drogba sah sieben Minuten vor dem Abpfiff die Rote Karte
ManU schien seinem hohen Anfangstempo zum Opfer zu fallen. Aber erst in der 87. Minute brachte Trainer Ferguson die erste frische Kraft ins Spiel: Ryan Giggs ersetzte Paul Scholes und wurde damit zum Rekordspieler von Manchester United. Der Stürmer absolvierte seinen 759. Pflichtspiel-Einsatz für die „Reds“, löste somit die Legende Bobby Charlton ab. Und Giggs hätte sich in der Verlängerung beinahe noch einen höheren Platz unter den All-Time-Stars des Traditionsklubs gesichert: In der 100. Minute stand nur Terry seinem Führungstreffer für United im Weg. Mit dem Kopf rettete der Chelsea-Verteidiger bei dessen Torschuss.
Sechs Minuten zuvor hatte Lampard das Pech auf seiner Seite gehabt. Von Ballack freigespielt, traf er nur die Latte des Tores von Manchester. Das waren sie, die sportlichen Höhepunkte der Verlängerung, es gab noch einen unrühmlichen. Drogba sah sieben Minuten vor dem Abpfiff die Rote Karte, weil er dem ManU-Verteidiger Vidic ein leichte Ohrfeige verpasst hatte. Ausgangspunkt der Szene war ein Händel zwischen Tevez und Terry gewesen, die dafür verwarnt wurden. Bei der anschließenden Rudelbildung verlor der Stürmer von der Elfenbeinküste am stärksten die Contenance. Die letzten Minuten bis zum Elfmeterschießen überstand Chelsea aber auch in Unterzahl schadlos.
Sind wir hier denn beim Ballack-Fanclub?
Volker Merkle (volker.merkle)
- 22.05.2008, 04:33 Uhr
Ich hätte es ihm gegönnt
Dr. Johannes Müller-Wachtendonk (perello)
- 22.05.2008, 11:40 Uhr
Manchester-Chelsea
Frank Dombrowski (froda1)
- 22.05.2008, 11:52 Uhr
Ballack ist nicht der Superheld
(wolf99)
- 22.05.2008, 12:30 Uhr
Ballack und die dt. Sprache
Karl Waldschrat (hahgeh)
- 22.05.2008, 12:31 Uhr