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Mittwoch, 19. Juni 2013
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50 Jahre Fußball-Bundesliga Ohne Verfallsdatum

 ·  Identifikation durch Fußball: Die Bundesliga hat das Freizeitverhalten der Deutschen verändert. Sie bietet beste Unterhaltung, hat sich aber auch zu einem Gefahrgut entwickelt.

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© picture alliance / dpa Der erste Meister der Fußball-Bundesliga: die Spieler des 1. FC Köln um Hans Schäfer (im Foto rechts)

Im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle fiel am 28. Juli 1962 ein Beschluss, der die Wochenendaktivitäten von Millionen Deutschen ein wenig verändern sollte: die Gründung der Fußball-Bundesliga. Nur einen Steinwurf vom Goldsaal entfernt wird nun am kommenden Freitag in der Dortmunder Arena die Bundesliga mit der Begegnung zwischen dem Meister Borussia Dortmund und Werder Bremen in ihre 50. Saison starten.

Schon die ein wenig unbestimmte Formulierung, wo genau die Jubiläumsspielzeit angepfiffen wird, verrät etwas davon, wie sich der Jubilar und seine Gäste mit den Zeiten verändert haben. In den ersten Tagen der Bundesliga hieß die einst von Arbeitslosen in Notstandsarbeiten errichtete Heimat der Borussia noch „Kampfbahn Rote Erde“. In den siebziger Jahren wuchs daneben das mit für heutige Verhältnisse lächerlichen 31 Millionen Mark errichtete „Westfalenstadion“ - das in den folgenden Jahrzehnten mehrfach umgebaut, erweitert und umbenannt wurde, bis daraus der „Signal Iduna Park“ mit 80.720 Zuschauerplätzen emporwuchs, das größte Fußballstadion Deutschlands.

Das Duell Dortmund gegen Bremen war schon ein Duell beim Start der Bundesliga 1963. Nationalspieler Timo Konietzka erzielte in der ersten Minute das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. Der Treffer ist unvergessen, unsichtbar ist er gleichwohl geblieben. Die Fotografen schafften es damals nicht rechtzeitig auf ihre Posten, das Fernsehen war gar nicht erst gekommen. Das Jubiläumsspiel in der kommenden Woche wird von der ARD, dem Pay-TV-Sender Sky sowie dem Telekom-IPTV-Kanal Liga total gleichzeitig live übertragen. Die Bilder gehen in rund zweihundert Länder.

Es präsentiert sich ein halbes Jahrhundert beste Unterhaltung, die jedem Verfallsdatum trotzt: Da kann in Deutschland niemand mithalten, kein Thomas Gottschalk, kein Dieter Bohlen, kein Udo Jürgens und auch keine Lindenstraße. Und trotz aller Veränderungen und dem Sturm der Globalisierung - die mittelständischen Fußball-Unternehmen haben sich auch wirtschaftlich als weitaus robuster erwiesen als ihre Kollegen aus dem Dax. Alle sechzehn Klubs der ersten Bundesligasaison spielen noch heute in den drei Profiligen, trotz aller Skandale um gekaufte Spiele, Spieler und Schiedsrichter. Von den damals sechzehn größten deutschen Unternehmen sind jedenfalls einige wie Gutehoffnungshütte, Farbwerke Hoechst, Gelsenkirchener Bergwerk oder Badische Anilin längst vom Markt oder den Kurszetteln verschwunden.

Diese Beständigkeit in einer im täglichen Geschäft oft alles andere als grundsoliden Branche ist die vielleicht größte Überraschung, die die Bundesliga mit ihrer 50. Saison zu bieten hat. So besehen ist die erste Fußballklasse nicht nur ein Stoff, aus dem Träume gemacht werden, sondern auch Identität. Der Solidaritätsgedanke, der sich in der Sozialen Marktwirtschaft immer weiter abschleift, hat sich ausgerechnet im Fußball ordentlich gehalten. Der Unterschied zwischen Arm und Reich, etwa zwischen dem FC Bayern und Greuther Fürth, ist zwar unüberbrückbar groß, aber die Schere ist nie soweit auseinandergegangen, dass der Tabellenletzte an einem glücklichen Tag nicht auch den Tabellenführer schlagen könnte.

Vom Segen der Solidarität

Die Weltmarkteffekte der Champions League haben zwar auch in der Bundesliga eine Mehrklassengesellschaft strukturiert, doch eine solche Zementierungen wie in Spanien oder England der Elite-Clubs, einhergehend mit enormer Verschuldung oder Übernahme durch Investoren mitsamt Identitätsverlusten, hat es bisher nicht gegeben. Der Preis dafür wird in der Eurozone der Champions League gezahlt, wo Bundesligaklubs trotz erstklassiger Stadien und vergleichsweise solider Finanzen nicht zu den Marktführern zählen, außer dem FC Bayern selbstverständlich. Wie im richtigen europäischen Leben gibt es auch auf Europas Fußballfeldern immer wieder Finanzspritzen und Finten, um den deutschen Vorreitern des Financial Fairplay in der Europaliga die Grenzen aufzuzeigen.

Die Bundesligaparty in Dortmund dürfte branchenüblich mit einigem Pomp und Getöse inszeniert werden. Zuletzt verfrachteten die Herren des Fußballs junge Mädchen mit Fußballtrikots in durchsichtige Gummibälle, die darin wie Hamster im Rädchen über den Rasen eilten. Im vergangenen Jahr zeigte die Deutsche Fußball-Liga zur Eröffnung zudem ein Filmchen mit jubelnden Stars und Zuschauern. Ein Festspielbeitrag der Emotionen, die eigentliche Geschäftsgrundlage der Bundesliga und damit ihr größtes Gut. Aus den gezielt geschürten und vermarkteten Emotionen ist aber mittlerweile auch ein Gefahrgut geworden, das regelmäßig in den Kurven explodiert.

In den vergangenen Jahren ist einiges explodiert im Fußballgeschäft, nicht nur Pyrotechnik. Zunächst einmal Umsätze und Gehälter, aber auch die Zuschauer- und Mitgliederzahlen der Vereine. Mit dem enormen Wachstum ist auch die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs immer weiter gestiegen, die Übertragung der Bundesliga gehört mittlerweile zur öffentlichen Grundversorgung. Nur ein paar Zahlen zum langen Aufschwung: In den ersten 25 Jahren nahm die Bundesliga zusammen 1,3 Milliarden Mark ein. Allein in dieser Saison werden es mehr als zwei Milliarden Euro sein. Im Vorjahr sind knapp vierzehn Millionen Zuschauer zu den 34 Spieltagen in die Stadien gepilgert, rund fünfzig Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Es ist die größte Massenbewegung des Landes.

Ultras fordern heraus

Die positiven Effekte dieses Booms haben die Verbände und die Vereine nur zu gerne kassiert, auch wenn die zusätzlichen Einnahmen meist umgehend in den Taschen der Profis und ihrer Berater landen. Für die negativen Folgen, die sich aus der enorm gesteigerten gesellschaftlichen Attraktivität des Fußball-Emotionsgewerbes ergeben, fühlen sie sich jedoch kaum zuständig. Um die Auswüchse seines Publikums auf den Rängen und vor dem Stadion in den Griff zu bekommen, erklärt der Fußball sich nicht selbst für zuständig, sondern die Polizei, die Politik und die Gesellschaft.

Die eskalierende Auseinandersetzung mit den Ultras im Schein der Bengalos ist die derzeit größte Herausforderung für die Bundesliga. Dabei fällt auf, dass sich Vereine und Verbände um ihre Zuschauer bisher ähnlich wenig gekümmert haben wie vor zehn Jahren um ihren eigenen Fußball-Nachwuchs. Erst als der deutsche Fußball nach der EM 2000 am Boden lag, reagierte der Deutsche Fußball-Bund. Aber auch der 6. April 2001 markierte in dieser Beziehung einen Wendepunkt in der Bundesliga. An einem Freitagabend spielte Energie Cottbus gegen den VfL Wolfsburg 0:0. Das Spiel blieb nur deshalb in Erinnerung, weil erstmals in der Geschichte der Liga kein deutscher Spieler in der Startaufstellung eines Klubs stand. Am allerersten Spieltag spielten überhaupt nur vier Ausländer in der gesamten Liga, nun war Cottbus bei hundert Prozent angelangt. Erst fehlte es an Integration, dann an Identifikation. Das Leben mit Ausländern hatte die Liga wie das Land erst mühsam lernen müssen - und ebenso vernachlässigte sie auch lange die Förderung ihrer Talente.

Die Leistungszentren, aus denen die jungen Kräfte nun auch mit ausländischen Wurzeln wie Özil, Khedira, Boateng, Neuer, Kroos, Hummels, Götze, Reus, Schürrle oder Draxler seit einigen Jahren zu einer bunteren, jüngeren und besseren Nationalmannschaften nur so hervorsprudeln, hatten viele Klubs zunächst gar nicht haben wollen. Sie wurden zur Finanzierung gezwungen - und damit zu ihrem Glück. Nach dem jugendlichen Erweckungserlebnis wird es für die Bundesliga im fünfzigsten Jahr höchste Zeit, dass die Klubs nun ihre Zuschauer entdecken - und nicht mehr nur den Konsumenten im Fan.

Herren im Goldsaal

Nach angeregten Diskussion im Goldsaal der Westfalenhallen verkündet der neue DFB-Präsident Hermann Gösmann (Foto) die Einführung der Bundesliga. Links (im Foto) der scheidende Präsident Peco Bauwens, rechts Hans Paßlack, der damalige DFB-Generalsekretär. Als Väter der Bundesliga durften sich aber der spätere DFB-Präsident Hermann Neuberger, der damalige Bundestrainer Sepp Herberger und der Präsident des 1. FC Köln, Franz Kremer, bezeichnen. Sie trieben den Gedanken einer starken Profiliga am stärksten nach vorne. Die enttäuschend verlaufene WM 1962 in Chile, mit dem Ausscheiden im Viertelfinale, nutzten sie zudem als Argument.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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