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4:1 in Nordirland Ballack, Bayern und der Rest

05.06.2005 ·  Beim 4:1 gegen Nordirland zeichnet sich eine Drei-Stände-Gesellschaft im Nationalteam ab, die da heißt: Ballack, der Bayern-Block und der große Rest. Mit dieser ständischen Leistungspyramide darf man dem Bundestrainer aber nicht kommen.

Von Michael Horeni, Belfast
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Als die Führungsarbeiten geleistet und die Dinge endlich so geordnet waren, wie sie sein sollten, konnte am Samstag auch der Chef ein bißchen früher Schluß machen. Zwanzig Minuten vor Dienstende verließ der Kapitän in Belfast ausnahmsweise seinen Arbeitsplatz, und er konnte sich besten Gewissens ins kurze Wochenende verabschieden.

Als er ging, winkte Michael Ballack ins Publikum, es stand 3:1 gegen Nordirland, und es gab nicht mehr den geringsten Zweifel, daß seine personell dezimierten Kollegen diese Aufgabe auch ohne ihren Anführer erfolgreich fortsetzen würden. Ballack hatte unmittelbar vor seiner Auswechslung die beiden wegweisenden Treffer für die deutsche Mannschaft erzielt (62. und 64. Minute, Foulelfmeter) und damit seinem Team die lange vermißte Stabilität verliehen. Danach übernahmen seine engsten Münchner Mitarbeiter verläßlich die ihnen zugeteilten Aufgabe und führten das Werk souverän zu Ende.

Drei-Stände-Gesellschaft in der Nationalmannschaft

4:1 gewann die deutsche Nationalmannschaft schließlich in Nordirland, es war ein rundum verdienter Sieg, auch wenn das Team nach einem Handelfmeter inklusive Platzverweis gegen Robert Huth schon nach einer Viertelstunde doppelt zurückgeworfen wurde. Neben der allgemeinen Widerstandskraft und all seinen Schwächen zeigte der Sieg in Nordirland aber auch noch etwas ganz anderes. In diesem Testländerspiel zeichnete sich nämlich deutlich wie noch nie in den vergangenen zehn Monaten unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann eine neue Drei-Stände-Gesellschaft in der Nationalmannschaft ab, die da heißt: Ballack, der Bayern-Block und der große Rest.

Mit dieser ständischen Leistungspyramide darf man dem Bundestrainer aber nicht kommen. Jürgen Klinsmann fand es vielmehr angemessen, die Nationalelf als Kollektiv "ohne Abstriche" zu preisen. Das dürfte beim Bundestrainer, ohnehin ein Freund des öffentlich undifferenzierten Pauschallobs, zu einem Gutteil pädagogische Rhetorik gewesen sein. Denn den Zeitpunkt, als sich die Statik der Nationalauswahl veränderte und eine klar strukturierte Hierarchie hervortrat, erkannte Klinsmann genau und beschrieb auch deren Folgen für die Zukunft.

Ballack umgeben von matter Mittelmäßigkeit

Die Aufstellung in der ersten Halbzeit "war bewußt so gewählt, weil sie eine gewisse Hierarchie in der Mannschaft darstellt. Ernst und Schneider sind gesetzte Spieler", sagte der Bundestrainer. Nach der Pause hatte das Trainergespann wie geplant die beiden Münchner Sebastian Deisler und Bastian Schweinsteiger an die Seite von Ballack eingewechselt, und damit schlug das Herzstück der Nationalelf im bayerischen Takt. Jetzt werde es einen "respektvollen Konkurrenzkampf geben", sagte Klinsmann.

Der Schrittmacher aber auch im Bayern-Block blieb Ballack. "Wenn man ihn braucht, ist er da", stellte Gerald Asamoah, der Schalker Torschütze zum 1:1 (17. Minute), respektvoll fest. Schon in der ersten Halbzeit war der Münchner, umgeben von matter Mittelmäßigkeit, der auffälligste Spieler, der auch auf sich allein gestellt immer wieder Führungsstärke demonstrierte: hart und unnachgiebig im Zweikampf, läuferisch den Kollegen voraus, kraftstrotzend, jede Gelegenheit zum Angriff und Torschuß nutzend. Ballack gab damit auch ganz nebenbei das quicklebendige Beispiel für eine schiefe Diskussion mit Münchner Tönung ab, die den Superstar vor zuviel Belastung in den kommenden Wochen beim Confederations Cup bewahren mochte. "Es ist doch nichts Neues, daß ich am Ende einer Saison gut drauf bin", sagte Ballack und lieferte wieder einen anschaulichen Beleg dafür, daß auch dem am stärksten belasteten Profi des Landes bei entsprechender Vorbereitung noch lange nicht die Puste ausgehen muß - wie so manch anderen deutschen Nationalspielern mit erkennbaren Fitnessdefiziten.

Anschwellendes bayerisches Herrschaftsgemurmel

Nach dem Wechsel, als Asamoah und Schneider wie abgesprochen ihre Positionen für Deisler und Schweinsteiger räumen mußten, fand sich Ballack mitten im Bayern-Block wieder und profitierte nun seinerseits von der Ballsicherheit, dem technischen Vermögen der beiden Münchner Kollegen und dem vertrauten Rhythmus. "Aber erst nach dem 2:1 ist es besser geworden. Erst danach haben wir aggressiver nach vorne gespielt", sagte der Kapitän und bestätigte damit indirekt, daß auch der Bayern-Bund erst durch den Torschützen Ballack seine mitreißenden und gewinnenden Elemente ausspielen konnte.

Angesichts des seit der vergangenen Woche anschwellenden bayerischen Herrschaftsgemurmels versuchte der Kapitän, die diplomatische Ordnung in der Nationalelf trotz der augenfälligen Bestätigung in Belfast zu bewahren. Er habe doch auch mit seinem alten Leverkusener Spezi Schneider und Fabian Ernst gut zusammengespielt, sagte Ballack ausweichend und mit einem Grinsen auf die Frage, ob der Münchner Block die Zukunft der Nationalelf sei.

Unübersehbare Schwächen in der Defensive

Aber er mußte schon zugeben, "daß mit den zwei Bastis" Spielfreude auf dem Platz gekommen war und beide über "die Außenpositionen das Spiel aufgerissen haben. Das war eine sehr gute Variante." Die Schwächen der Mannschaft, die sich auch gegen einen braven Gegner offenbarten, wollte der Kapitän nicht verschweigen. Vor allem die wackelige Defensive - auf die der für ein Spiel gesperrte Robert Huth mit einer spektakulären Parade, die allerdings mit einem Elfmeter und der Roten Karte bestraft wurde, besonders aufmerksam machte - bereitete nicht nur Ballack Sorgen für den Confederations Cup.

Aber durch diese schwierige Phase müßten die jungen Leute eben durch, sagte er. "Wenn wir wirklich das Ziel haben, das Turnier zu gewinnen, müssen wir uns peu a peu steigern", sagte der Kapitän. In die sportliche Wirklichkeit heißt das bei Ballack, dem spielenden Chef der Bayern wie der Nationalmannschaft, charmant übersetzt: "Nach vorne sind wir ganz gut - und nach hinten unerfahren."

Nordirland - Deutschland 1:4 (1:1)
Nordirland: Taylor (Birmingham City/33/45 - 76. Ingham (FC Sunderland/24/1) - Baird (FC Southampton/23/16), Clyde (Wolverhampton Wanderers/22/3), Craigan (FC Motherwell/28/12 - 76. Brunt/Sheffield Wednesday/20/2), McCartney (FC Sunderland/24/20) - Gillespie (Leicester City/30/62 - 70. McAuley/Lincoln City/25/1), Davis (Aston Villa/20/4), Johnson (Birmingham City/26/37), Elliott (Hull City/26/26 - 67. Kirk/Northampton Town/26/8) - Jones (Crewe Alexandra/28/16 - 67. Feeney/Luton Town/24/5), Healy (Leeds United/25/43 - 76. Smith/Preston North End/24/18)
Deutschland: Lehmann (Arsenal London/35/23) - Owomoyela (Arminia Bielefeld/25/6), Mertesacker (Hannover 96/20/6), Huth (FC Chelsea/20/6), Hitzlsperger (Aston Villa/23/5) - Frings (Bayern München/28/38) - Schneider (Bayer Leverkusen/31/47 - 46. Schweinsteiger/Bayern München/20/13), Ballack (Bayern München/28/52 - 73. Borowski/Werder Bremen/25/9), Ernst (Werder Bremen/26/15) - Asamoah (Schalke 04/26/27 - 46. Deisler/Bayern München/25/23), Kuranyi (VfB Stuttgart/23/23 - 63. Podolski/1. FC Köln/19/10)

Schiedsrichter: Richmond (Schottland)
Zuschauer: 14 000 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Healy (15./Handelfmeter), 1:1 Asamoah (17.), 1:2 Ballack (62.), 1:3 Ballack (66./Foulelfmeter), 1:4 Podolski (81.)
Gelbe Karten: Gillespie / Frings
Rote Karte: Huth (15./Handspiel)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2005
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