Gestatten, das junge Deutschland: Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw hat beim 4:1 im Achtelfinale gegen England einen seiner schönsten Erfolge der vergangenen Jahre erzielt. Sie trifft nun am Samstag (16.00 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) in Kapstadt im Viertelfinale auf Argentinien, das am Abend mit einem 3:1-Sieg gegen Mexiko weiterkam. Der in Höhe und Schönheit ganz unerwartete Erfolg gegen die Meister aus der Premier League mit Rooney, Lampard und Gerrard war der Triumph einer spielerisch mitunter vortrefflichen Vorstellung, angereichert mit herrlichen Kombinationen, wie man sie von einer deutschen Nationalmannschaft bei einer WM nicht oft erleben durfte.
„Es war heute eine grandiose Leistung gegen erfahrene Engländer”, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach einem Duell, das alles enthielt, um lange in deutsch-englischer Erinnerung zu bleiben: herrlich herausgespielte Tore, packende Zweikämpfe, taktische Winkelzüge - und ein Wembley-Tor, das diesmal den Engländern in einer entscheidenden Phase gehörig zusetzte. „Das Wichtigste in diesem Spiel war das 2:2“, beklagte Trainer Capello einen Treffer Lampards, den es nicht geben durfte. „Das war unglaublich. Das Spiel wäre anders gelaufen. Ich kann diesen Fehler nicht verstehen.“
Angeführt von einem überragenden Bastian Schweinsteiger, hatte eine hochkonzentrierte deutsche Mannschaft in der ersten Hälfte zunächst eine spielerische und taktische Meisterleistung abgeliefert, die Klose (20. Minute) und Podolski (32.) mit einer 2:0-Führung bedachten, ehe die Engländer durch Upson (37.) wieder herankamen.
Nur zwei Minuten später erlebte die Partie dann ihren wohl entscheidenden Moment, als den Engländern der Ausgleich durch Schiedsrichter Larrionda genommen wurde, nachdem Lampards von der Latte abgeprallter Schuss deutlich hinter der Linie landete. „Bis 2:0 hatten wir die Partie absolut in unserer Hand“, sagte Löw. „Nach dem Gegentor gab es eine kurze kritische Phase, aber es war hervorragend, wie diese junge Mannschaft diese Phase überstanden hat.“
Die größte Fehlentscheidung der Fußball-WM
Die Engländer nahmen die krasse Fehlentscheidung tapfer hin und drängten auch in der zweiten Halbzeit zunächst mit Macht auf den Ausgleich. Doch mit Geschick und auch etwas Glück überstand die auch in der Innenverteidigung gegen Rooney und Co. stabile deutsche Elf diese Momente - und sie konnte sich nach dem Wechsel weiter auf ihre Spielfreude verlassen, die zu herrlichen Kontern führte, die ein in der zweiten Halbzeit vortrefflicher Thomas Müller mit seinen Toren in der 67. und 70. Minute vollendete.
Schon nach der ersten Halbzeit war klar, dass auch das Duell von Bloemfontein als weiteres unvergessliches Erlebnis in die deutsch-englische Fußballgeschichte eingehen würde. Es war die 39. Minute, als nach dem Schuss von Lampard aus rund zwanzig Metern nach 44 Jahren die Erinnerung an Wembley zurückkehrte. Diesmal allerdings genau mit dem umgekehrten Resultat - und viel, viel eindeutiger. Der abgefälschte Schuss des Mittelfeldspielers senkte sich über Manuel Neuer hinweg, touchierte die Unterkante der Latte und landete deutlich hinter der Linie im deutschen Tor. Weshalb der Schiedsrichter und sein Assistent an der Linie nicht erkannten, was im Stadion ohne Zeitlupe aus einhundert Metern Entfernung zu erkennen war - auch Capello jubelte schon über den eindeutigen Treffer ohne Anerkennung -, war nicht weniger als die größte Fehlentscheidung bei dieser WM.
Neuer bringt Klose mit einem Abstoß auf den Weg
Sie trübte danach erst einmal die Stimmung in einer Partie, die so fulminant und ohne jeden Missklang begonnen hatte und in Bastian Schweinsteiger die große Figur des Spiels fand. Der Münchner war Dreh-, Angel- und Abwehrpunkt im deutschen Mittelfeld, er verschaffte Ruhe und Übersicht im Spielaufbau sowie Widerstandskraft bei englischen Attacken, die zunächst schon meist im Ansatz scheiterten. So angeführt präsentierten sich die Deutschen in der ersten halben Stunde in einer erstklassigen Verfassung. Sie dominierten durch eine konzentriert-aggressive Defensivleistung die Partie und schafften es immer wieder, durch schöne Kombinationen zu Torchancen zu kommen.
In der 20. Minute glückte Klose die schon nicht mehr überraschende 1:0-Führung, als Torwart Neuer einen Abstoß genau in die Schnittstelle der Innenverteidigung plazierte und Klose in bester körperlicher Verfassung das Duell gegen Upson gewann und den Ball an Torwart James vorbeibugsierte. Es sollten gut zehn Minuten folgen, in denen die Deutschen brillierten und sich schon wie Sieger fühlten. In der 31. Minute scheiterte Klose noch an James, nachdem Khedira mit dem Hacken Doppelpass mit Müller spielte, der wiederum den Stürmer perfekt einsetzte.
2:0 gegen England - was sollte da noch passieren?
Eine Minute später war es wiederum eine traumhafte Kombination, die dann auch Erfolg brachte. Über Özil und Klose landete der Ball bei Müller, der mit einem gefühlvollen Zuspiel Podolski freie Bahn verschaffte - und der Kölner traf, obwohl ihm der Ball bei der Annahme ein wenig versprang. „Wir wussten, dass Gerrard und Lampard mit in die Spitze gehen und das Mittelfeld offen sein wird. Unser Ziel war es, Terry mit Klose aus der Abwehr rauszuziehen, denn die Verteidiger stehen weit außen. Wir wollten so die Abwehr entblößen, das haben wir geschafft“, sagte Löw über seinen taktischen Coup.
2:0 - was sollte da noch passieren? In der 37. Minute war die junge Mannschaft bei einem kurz ausgeführten Eckball auf ihrer anfälligeren linken Seite kurz unaufmerksam - und weil Torhüter Neuer dann auch noch an der Flanke von Gerrard im Fünfmeterraum vorbeisprang, landete der Kopfball von Upson zum 1:2 im Tor. Der Treffer weckte die britischen Lebensgeister und machte eine Partie wieder spannend, die Deutschland eigentlich schon zu beherrschen glaubte. Die Engländer setzten sofort nach. Und Lampards Schuss, der im Tor landete, hätte innerhalb von zwei Minuten die ganze schöne deutsche Vorarbeit zunichtegemacht, wenn der Schiedsrichter in dieser rassigen Partie einfach nur richtig hingeschaut hätte.
Deutschlands frecher und begeisternder Triumph
Auch nach der Pause konnten die Deutschen ganz schnell wieder von Glück sprechen, dass ihr Vorsprung nicht dahinging. Ein Freistoß von Lampard aus rund 25 Metern landete wieder an der Latte, und der untätige Neuer musste sich fragen lassen, ob er der Herausforderung des Klassikers an diesem Tag gewachsen war. Der Druck der Engländer stieg, aber die Deutschen wehrten sich - weniger mit Kraft und Gewalt als mit gezielt und klug inszenierten Gegenangriffen. Das war der Plan. „Ich habe die Mannschaft in der Pause angehalten, jede Möglichkeit weiter zu nutzen, auf das dritte Tor zu spielen“, sagte Löw. Und der schöne Konter in der 67. Minute über Müller, der den Ball aus der eigenen Hälfte zu Schweinsteiger brachte, der dabei seine Weltklasseleistung krönte, als er die englische Defensive im Alleingang aushebelte und seinen Münchner Kollegen wieder ins Spiel brachte, führte durch den harten Schuss Müllers zum 3:1.
Würden nach 67 Minuten zwei Tore Vorsprung reichen? Nur drei Minuten war das nicht mehr die Frage: Denn Müller verzückte mit dem 4:1 Fußball-Deutschland endgültig. Es war ein spektakulärer Konter, den Friedrich mit einem herrlichen Pass auf Özil einleitete, der Cole den Ball durch die Beine schob und Müller damit freie Bahn verschaffte - das 4:1 war die Krönung eines grandiosen Auftritts eines jungen deutschen Teams, dem man nach seinem frechen und begeisternden Triumph einfach nur zurufen möchte: Cool, Germany!
God save the Queen, but not the english Team....
Michael Fichtner (ebaristo)
- 27.06.2010, 20:09 Uhr
Deutschland spielt sich glanzvoll ins WM-Viertelfinale
Marcus Rech (marcusrafael)
- 27.06.2010, 20:26 Uhr
Super Spiel
Torlin Monger (TMonger)
- 27.06.2010, 20:56 Uhr
The cleverness of "New Germania" beats Cool Britannia
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 27.06.2010, 21:12 Uhr
Trotzdem ein tolles Spiel
Thomas Wanders (tom0061)
- 27.06.2010, 21:38 Uhr