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4:1 gegen Argentinien Himmlische Nacht do Brasil

30.06.2005 ·  Es war die Nacht der großen Emotionen und eine beifallumrauschte Ouvertüre der Brasilianer auf ihrer „Mission Titelverteidigung“. Im Finale des Confed Cups wurden die Erzrivalen aus Argentinien von einem Fußballteam der Extraklasse ausgetanzt.

Von Roland Zorn
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Es ging schon auf Mitternacht zu, da tobte sich eine aufgekratzte, kreuzfidele Sambaband in den Katakomben des Frankfurter Stadions mit Trommelschlägen, Tambourinen und lautem Männergesang noch einmal aus. Der Fußball-Weltmeister verabschiedete sich als Big Band do Brasil von der Stätte seines größten Erfolges in diesem Jahr und brauchte dafür keine Worte mehr. Sprachlos vor Schreck hatten die argentinischen Erzrivalen zuvor miterleben müssen, wie sie von den Brasiliern im Finale um den Confederations Cup ausgetanzt, ausgetrickst, ausgespielt worden waren.

Am Tag, als ein elementarer Gewitterregen über Frankfurt und das an einigen Stellen schon rissige Dach der neuen Arena kam, durchströmte die hohe brasilianische Fußballkunst ein Endspiel, das zu einer Demonstration einsamer Klasse und mitreißender Artistik wurde. Am Ende hatte Brasilien nach Treffern von Adriano (11. und 63. Minute), Kaka (16.) und Ronaldinho (47.) bei einem Gegentor von Aimar (65.) 4:1 gewonnen - doch das Ergebnis beleuchtete diesen Showact der mit Abstand besten Fußballer der Welt nur am Rande. Was die 45.591 Zuschauer im ausverkauften Stadion viel mehr faszinierte, war die pralle Lebensfreude einer offensichtlich verschworenen Gemeinschaft, die sich mal als großes Action-Kino artikulierte, mal als filigrane Zauberei zum magischen Moment verdichtete.

Schauen, staunen, applaudieren

Das Publikum verließ die zwischendurch von Wassermassen attackierte, von Blitzstrahlen zusätzlich illuminierte und von Donnergroll umzürnte Arena wie benebelt vor Glück. Es war die Nacht der großen Emotionen, in der jeder, der genauer hinsah, mit einem glänzenden Vorfilm beschert wurde. Seht her, Leute, lautete die Werbebotschaft, so hell erleuchtet und vielleicht noch mal um eine Spur lichter wird es im kommenden Jahr bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland zugehen. "Wir werden der absolute Favorit sein", räumte sogar Carlos Alberto Parreira, der Trainer und Zampano dieser professionellen Spielernaturen, dieser an Talent und individueller Qualität vielleicht reichsten Selecao der vergangenen dreißig Jahre ein, "damit müssen wir leben lernen, davon dürfen wir uns nicht beeindrucken lassen."

Diese Gefahr aber besteht bei diesem Kollektiv der Ballstreichler und ballistischen Meisterschützen nicht. Eine Wucht, wie Adriano, mit einem goldenen Schuh für die meisten Treffer des Turniers (fünf) geehrt und als bester Spieler der Veranstaltung ausgezeichnet, sein physisches Verdrängungspotential mit einem frappierenden Tempo, unglaublicher Zielstrebigkeit sowie einer überragenden Schußkraft und Schußtechnik verbindet. Ein stilistisches Meisterwerk, wie der im Finale erstmals auf der Höhe seiner Möglichkeiten hinter den Spitzen agierende Kaka Finten legen und Finessen ins Spiel bringen kann. Ein Strategiekunstwerk, wie elegant und genau Kapitän Ronaldinho aus der Schaltzentrale der Brasilianer die oft verwirrenden Kombinationen der Mannschaft ordnet und bestimmt. Ein Theater der Träume, das Robinho, der 21 Jahre alte, geborene Überflieger und Übersteiger mit dem Ball zelebriert. Die ganze stürmische Pracht, abgesichert durch einen Abwehrchef wie den selbst immer wieder vorandrängenden Lucio, ergibt eine betörende Melange für Fußball-Liebhaber. Und das alles ohne den im Urlaub faulenzenden Superstar Ronaldo, der schon ein bißchen bänglich verlauten ließ: "Parreira hat gesagt, daß mein Stammplatz garantiert ist. Aber ich weiß, daß das im Fußball nicht viel heißt."

Betörende Melange

Der Fußball- und Trommelwirbel der Brasilianer schlug den Argentiniern drei Wochen, nachdem sie sich mit einem 3:1-Sieg über den Weltmeister als erstes südamerikanisches Team für die WM 2006 qualifiziert hatten, aufs Gemüt. "Es gibt Spiele", sagte der wachsbleiche Nationaltrainer Jose Pekerman, "die sind wie ein Schicksalsschlag. Die Tore haben wie Bomben bei uns eingeschlagen. Ich fühle großen Schmerz. Wir haben gegen die möglicherweise beste Mannschaft der Welt mit brillanten Spielern verloren."

Spielern, die in den gelben Trikots der scheinbar uneinholbaren Spitzenreiter der Fußball-Tour de Monde derart dominant wirken, daß zumindest nach dem Finale im Konföderationenpokal fast niemand daran zweifelte, soeben die brasilianische Ouvertüre zur Mission Titelverteidigung bewundert zu haben. Zumal diese Stars ein Gemeinschaftsgeist auszeichnet, der sie noch im Stadion auf die Knie sinken und inbrünstig zu Gott beten ließ.

"Wir müssen beten, wenn wir etwas erreichen wollen"

"Wir müssen beten, wenn wir etwas erreichen wollen", sagte Parreira später über das in Frankfurt eindrucksvolle dokumentierte Zeugnis für die ewige Quelle der inneren Kraft, aus der die Brasilianer schöpfen. Diese Gläubigkeit gepaart mit dem Glauben an die eigene Unerschütterlichkeit erhebt die Brasilianer in den Stand der auch noch von jedermann mit Sympathie begleiteten Supermacht des Weltfußballs.

Als die Augenblicke der inneren Einkehr vorbei waren und die Brasilianer, mit dem von Bundespräsidenten Horst Köhler überreichten Siegerpokal in der Hand, sich wieder wie losgelöst feierten, teilten sie ihren Überschwang der Triumphgefühle mit dem Publikum. Die Zuschauer hatten in der Unwetternacht von Frankfurt einen himmlischen Fußballabend erlebt, der mit dem passenden Lied ausklang: "Sing Hallelujah".

Brasilien - Argentinien 4:1
Brasilien:
Dida/AC Mailand - Cicinho/FC Sao Paulo ab 86. Maicon/AS Monaco, Lucio/Bayern München, Roque Junior/Bayer Leverkusen, Gilberto/Hertha BSC Berlin - Emerson/Juventus Turin, Ze Roberto/Bayern München - Kaka/AC Mailand ab 86. Renato/FC Sevilla, Ronaldinho/FC Barcelona - Adriano/Inter Mailand, Robinho/FC Santos ab 90. Juninho/Olympique Lyon.
Argentinien: Lux/River Plate - Zanetti/Inter Mailand, Coloccini/Deportivo La Coruna, Heinze/Manchester United, Placente/Bayer Leverkusen - Cambiasso/Inter Mailand ab 56. Aimar/FC Valencia, Bernardi/AS Monaco, Riquelme/FC Villarreal, Sorin/FC Villarreal - Figueroa/FC Villarreal ab 72. Tevez/Corinthians Sao Paulo, Delgado/CD Cruz Azul ab 81. Galletti/Real Saragossa.
Schiedsrichter: Lubos Michel (Slowakei)
Tore: 1:0 Adriano (11.), 2:0 Kaka (16.), 3:0 Ronaldinho (47.), 4:0 Adriano (63.), 4:1 Aimar (65.)
Zuschauer in Frankfurt: 45.591 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Ronaldinho - Coloccini, Sorin, Cambiasso, Aimar

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Juli 2005
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