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Veröffentlicht: 20.12.2014, 09:12 Uhr

Anklage gegen türkische Fans „Çarşi braucht jetzt unsere Solidarität“

35 Ultras des Besiktas-Istanbul-Fanklubs stehen nach den Protesten von Gezi wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht. Grünen-Politiker Omid Nouripour fordert die Unterstützung durch deutsche Fußball-Fans.

© AFP Unterstützung für die Angeklagten: Demonstration vor dem Gericht in Istanbul am 16.12.

Wie beurteilen Sie als außenpolitischer Sprecher der Grünen, aber auch als Vorsitzender eines Fanklubs von Eintracht Frankfurt, den Vorgang in der Türkei?

Es gibt derzeit ohnehin eine Repressionswelle gegen alle Andersdenkenden in der Türkei. Aber wenn jetzt Fußballfans als Terroristen ausgerufen werden, dann schlägt das dem Fass den Boden aus. Man sieht an dieser Anklage, wie tief der Staat in die Gesellschaft eingreifen will. Das kann ich nicht hinnehmen. Nicht als politischer Akteur, aber auch nicht als Fußballfan. Das kann kein Fußballfan auf der Welt.

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Welche Möglichkeiten sehen Sie, um auf beiden Ebenen einzugreifen?

Wir haben versucht, Kontakt zu den Fans von Besiktas herzustellen. Die Leute haben ja mittlerweile schon eine gewisse Scheu, dass sie wegen internationaler Kontakte zusätzlich belangt werden könnten. Als außenpolitischer Sprecher habe ich dem türkischen Botschafter einen Protestbrief zukommen lassen.

Was haben Sie geschrieben?

Dass wir in großer Sorge sind. In der Vergangenheit war nicht immer alles fair, was aus Deutschland über die Türkei gesagt wurde. Aber diese Anklage ist unakzeptabel. Wenn Fußballfans, die auch als Fußballfans in Gezi waren, 30 Jahre Knast droht, dann zeigt das ein großes rechtsstaatliches Problem. Als Fußballfan kann man nicht einfach nur zugucken, wenn friedliche Fußballfans so behandelt werden.

© AP, reuters Istanbul: Fußball-Fans vor Gericht

Die Anklage wirft den Mitgliedern der Ultragruppe Çarşi einen Putschversuch gegen die Regierung vor. Die Ultras hatten sich an den Gezi-Protesten im Sommer massiv beteiligt.

Çarşi hat eine besondere Rolle gespielt. Zum einen, weil sie geübt in Choreographien sind und daran mitgewirkt haben, dass der Protest in der Form verlief, wie er dann stattgefunden hat. Aber auch, dass Barrikaden errichtet wurden. Und zum anderen haben die Çarşi-Leute entscheidend dazu beigetragen, dass es den zuvor unvorstellbaren Marsch der Fans der drei großen rivalisierenden Klubs Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray in Istanbul gegeben hat. Das war ein klares Zeichen, dass eine ganze Stadt aufsteht gegen diese Politik. Das ist legitim. Gerade Fußballfans haben Herzblut für ihre Stadt und dürfen das zeigen. Aber dafür als Umstürzler, Putschisten und Terroristen angeklagt zu werden geht nicht nur gegen Çarşi - das geht gegen alle Fans. Denn hier soll ein Exempel statuiert werden für die gesamte Protestbewegung.

Welche Reaktionen erhoffen Sie sich von der Politik - und vom Fußball?

Ich bin kein Freund der Politisierung von sportlichen Events. Aber hier kommt die Politik ins Spiel - und kriminalisiert friedliche Proteste von Fußballfans. Es wäre schön, wenn sich der DFB und die Uefa entsprechend positionieren würden. Aber ich will das nicht fordern. Die Jungs von Çarşi brauchen vor allem die Solidarität von anderen Fans und Fanklubs - nicht nur aus Deutschland. Am Wochenende haben wir ja noch einen Bundesliga-Spieltag. Es wäre schön, wenn man das Zeichen von Çarşi in dem einen oder anderen deutschen Stadion sehen würde.

Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen © dpa Vergrößern Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen

Wagen Sie eine Prognose, wie der Fall enden wird?

Der türkische Staat ist derzeit nicht sehr berechenbar. Und der Umgang mit der Türkei ist derzeit brisant. Wir brauchen das Land in vielen Dingen, aber es ist offensichtlich, dass sich das Land von einem demokratischen Rechtsstaat wegentwickelt. Da gibt es viele Baustellen, bei denen ich nicht das Gefühl habe, dass die Bundesregierung laut genug mit Erdogan spricht. Dieser Prozess ist so ein Fall. Man muss hier eine klare Sprache sprechen. Und das schlimmste Szenario ist eben: lebenslänglich für jeden der 35 Angeklagten, nur weil sie Fußballfans sind.

Die Fragen stellte Michael Horeni.

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