Home
http://www.faz.net/-gtm-zixj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

3:1 in Aserbaidschan Müde Deutsche nicht glänzend, aber solide

07.06.2011 ·  Das deutsche Fußball-Nationalteam gewinnt 3:1 in Aserbaidschan und hat nach dem siebten Erfolg im siebten Spiel die EM-Qualifikation praktisch sicher. Özil, Gomez und Schürrle sorgen bei einem Gegentreffer von Hüseynow für den Pflichtsieg.

Von Michael Horeni, Baku
Artikel Bilder (7) Video (1) Lesermeinungen (0)

Die letzte Dienstreise der Saison verfolgte Joachim Löw nach einer halben Stunde ganz entspannt. Mesut Özil hatte nach einer müden ersten halben Stunde des großen Favoriten die erste herausgespielte Möglichkeit gleich zur Führung genutzt, und dieser Treffer hatte die erwünschte Wirkung für den Bundestrainer und sein Team. Aserbaidschan sank augenblicklich der Mut, und aus einem beherzten Außenseiter, der bis dahin, frisch, frech und schnell seine Chance gesucht hatte, wurde wieder eine Mannschaft, die sich auf der Weltrangliste als Nummer 108 zwischen Oman und Togo einreiht. Am Ende einer langen und die Deutschen arg ermüdenden Spielzeit stand in Baku schließlich ein ungefährdeter 3:1-Sieg in einem lockeren Anschluss-Spielchen durch die weiteren Treffer von Mario Gomez (41. Minute) und Andre Schürrle (90.+3) sowie einem Gegentor von Hüseynow (89.).

Aber weit eindrucksvoller als der Erfolg in Baku nimmt sich nun die Europabilanz für die Deutschen aus, die bei der exakt in einem Jahr beginnenden Endrunde in Polen und der Ukraine zur Nummer eins aufsteigen wollen: sieben Siege in sieben Spielen sind ein neuer deutscher Rekord und in allen Gruppen unerreicht - bei der Maximalzahl von 21 Punkte stehen Löw und seinem Team bei der Qualifikation nur noch wilde Rechenkunststücke im Weg, aber kein Gegner mehr.

Die gesamte Mannschaft bot einen dürftigen Auftritt

Der Bundestrainer hatte vor dem Duell gegen das Team seines Vor-Vor-Vor-Vorgängers Berti Vogts angekündigt, dass man keinen fußballerischen Leckerbissen von diesem Duell erwarten könne, und so war es dann auch. Aber man konnte trotzdem nicht behaupten, dass der Bundestrainer nicht auch seinen Teil zu einem wenigstens halbwegs interessanten Saisonabschluss geleistet hätte. Denn die personellen Veränderungen, die er nach dem Verlust von Khedira und Rolfes in Österreich vornahm, brachten in Baku eine so stark veränderte Nationalmannschaft hervor, wie man das lange nicht mehr erlebt hatte.

In der Defensive veränderte Löw sein Team auf nicht weniger als vier Positionen. Nur Hummels fand sich wie beim 2:1 in Wien auf angestammter Innenverteidigerstelle wieder und Kroos auf einer der beiden „Sechser“-Positionen - neben dem nach vorne versetzten Kapitän Lahm, der dort zuletzt vor knapp vier Jahren beim 2:1-Sieg in England aushalf. Die Viererkette neben Hummels vervollständigten ganz überraschend Aogo und Höwedes an den Seiten und Badstuber.

Von Dominanz und Spielkultur meilenweit entfernt

In der ersten halben Stunde fühlten sich dann aber nicht nur die Spieler auf ihren neuen Positionen wie fehl am Platz, die gesamte Mannschaft bot einen dürftigen Auftritt. Von Dominanz und Spielkultur hatten sich die Deutschen am Kaspischen Meer meilenweit entfernt, Aserbeidschan war anfänglich sogar das stärkere Team. In der 9. Minute lenkte Neuer einen Schuss von Nadirow (nach Fehlpass von Hummels) an die Latte, aber zumindest in dieser Beziehung glich der WM-Dritte schnell aus. Ein Freistoß von Kroos (18.) landete am Pfosten.

Mit dem großen Schwung und schnellen Kontern von Aserbaidschan war es aber vorbei, als Özil nach einer halben Stunde eine Flanke von Höwedes erst einen Schuss antäuschte und dann den Ball aus spitzen Winkel ins Tor bugsierte. In der 41. Minute führte dann die schönste Kombination am späten Abend in Baku, Anstoß war erst um 22 Uhr, zum zweiten Treffer. Badstuber hatte Özil mit einem gescheiten Pass genau richtig ins Spiel gebracht, und die gefühlvolle Flanke des Real-Stars schoss Gomez aus wenigen Metern ins leere Tor. Es war schon das fünfte Tor des Bundesliga-Torschützenkönigs in den letzten vier Länderspielen.

Vogts will seinen Vertrag trotz allem erfüllen

Damit war auch der ohnehin kaum mehr zu erkennende Rest-Widerstand von Aserbaidschan, dem Tabellenletzten der Gruppe A, erstmal dahin. Die Deutschen taten dann auch nach dem Wechsel nicht mehr als nötig, um das Team von Berti Vogts auf Distanz zu halten. Ohne auch nur entfernt an ihre körperlichen und spielerischen Grenzen zu gehen, kontrollierten die Deutschen nun weitgehend eine Partie, die nur noch in der 89. Minute mit dem umjubelten 2:1 für die rund 30.000 Zuschauer einen Aufreger bereit halten sollte.

Der ehemalige Bundestrainer, der in den vergangenen Tagen durch angebliche Attacken von aufgebrachten Aserbaidschanern mit Klopapier und Gießkanne in die Schlagzeilen geraten war, verkündete unterdessen tapfer, dass er seinen Vertrag auch im aserbaidschanischen Reizklima zu Ende bringen wolle. Die deutsche Mannschaft startet indes mit der kommenden Saison dank ihrer bilanztechnisch makellosen Saisonarbeit 2010/11 so früh wie noch nie in die Vorbereitung auf die Endrunde. Mit dem Start im Testspiel im August gegen Rekord-Weltmeister Brasilien und kurz darauf in der Qualifikation in Gelsenkirchen gegen Österreich beginnt für das Team schon ein neuer Wettbewerb: nicht mehr der Kampf des Teams, sondern jedes einzelnen Spielers um seinen Platz bei der Europameisterschaft.

Aserbaidschan - Deutschland 1:3 (0:2)
Aserbaidschan:
K. Agayev - Malikov, R. F. Sadigov, V. Huseynov, Allahverdiyev - Chertoganov (ab 86. Sadygov) - Amirguliyev, Abushev, Ismayilov (ab 58. Isayev), Nadyrov - Javadov (ab 72. M. Huseynov). Trainer: Vogts
Deutschland: Neuer - Höwedes, Hummels, Badstuber, Aogo - Kroos, Lahm - Müller (ab 88. Holtby), Özil (ab 81. Götze), Podolski (ab 76. Schürrle) - Gomez. Trainer: Löw
Tore: 0:1 Özil (30.), 0:2 Gomez (41.), 1:2 M. Huseynov (89.), 1:3 Schürrle (90 + 3.)
Gelbe Karten: Nadirov / Höwedes
Schiedsrichter: Koukoulakis (Griechenland)
Zuschauer: 30.000

Quelle: FAZ.NET
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Italienische Chaostheorie

Von Peter Heß

Nackenschlag für den italienischen Fußball: Der jüngste Manipulationsskandal, an dem auch Nationalspieler beteiligt sein sollen, dürfte sich negativ auf die Vorbereitung der Squadra Azzurra auswirken. Italien wird bei dieser EM trotzdem zu den Favoriten zählen. Das lehrt die Geschichte. Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik