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2:1 gegen Russland Erst große Show - und dann ist einer weg

12.10.2008 ·  Es war ein einziger Genuss, die deutsche Mannschaft gegen Russland in der ersten Halbzeit zu erleben. Mit Kampfgeist, einer guten Teamleistung und einer Portion Glück hat sie einen großen Schritt Richtung WM in Südafrika gemacht. Nur Kevin Kuranyi trübte die gute Laune.

Von Michael Horeni, Dortmund
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Es war ein einziger Genuss, die deutsche Mannschaft gegen Russland in der ersten Halbzeit zu erleben. Tempo, Leidenschaft, Zweikampfstärke, Aggressivität, Kombinationsfreude, Willenskraft, Entschlossenheit, Tore - alle Zutaten für einen großartigen Fußballabend hatte das Team von Joachim Löw gegen einen erstklassigen Gegner mit ins Spiel gebracht, und es gab im Dortmunder Stadion und auch vermutlich vor dem Fernseher keinen einzigen deutschen Fan, der nicht seine helle Freude an diesem mitreißenden Auftritt gehabt hätte.

2:0 führten die Deutschen gegen die hochgeschätzten Russen zur Pause, und der Vorsprung hätte bei so vielen Torchancen sogar noch ein bisschen höher sein können - doch dann folgte nach dem russischen Treffer auch noch Spannung bis zur letzten Sekunde. Nur einem gefiel nicht, wie diese intensive Begegnung der Extraklasse verlief.

Löw schmeißt Kuranyi raus

Kevin Kuranyi erhob sich schon zur Pause von seinem Platz auf der Tribüne hinter der Spielerbank und bat die Teamleitung, sich die zweite Halbzeit mit Freunden von der gegenüberliegenden Tribüne aus anschauen zu dürfen. Der Nationalspieler durfte gehen - und tauchte seitdem nicht mehr wieder auf. So kam es, dass die deutsche Nationalmannschaft neben dem 2:1-Sieg, den drei Punkten und der Tabellenführung in der WM-Qualifikationsgruppe 4 doch noch eine Verlustmeldung zu beklagen hatte: Kevin Kuranyi ist nach 52 Länderspielen mit 19 Toren kein Nationalspieler mehr. Bundestrainer Joachim Löw verkündete am Sonntag, auf die Dienste des Schalker Stürmers künftig zu verzichten. (siehe auch: Kevin Kuranyi: Löw schmeißt den Deserteur raus )

FAZ.NET-Spezial: Alles zum 2:1 gegen Russland

Kuranyis Entscheidung, der Nationalmannschaft im Stadion still und heimlich auf Nimmerwiedersehen den Rücken zu kehren, während sich Fußball-Deutschland über einen Qualitätssprung seiner ersten Auswahl freute, machte aus dem Dortmunder Fußball-Krimi mit zwei grundverschiedenen Akten einen Dreiteiler samt verstörendem Einzelschicksal.

Löw: „Es war ein wirklich tolles Spiel von beiden Mannschaften“

Hinter den Kulissen rumorte es, auf offener Bühne war dagegen in Dortmund lange eine deutsche Mannschaft zu bestaunen, die endlich wieder einmal das Beste aus ihren Möglichkeiten machte. „Es war ein wirklich tolles Spiel von beiden Mannschaften mit wahnsinnig hohem Tempo, vielen guten Aktionen und Kombinationen“, schwärmte der Bundestrainer vollkommen zu Recht nach einer Partie, in der sich die Deutschen als verdienter, am Ende aber auch zitternder Sieger fühlten. (siehe auch: Die Stimmen zum Sieg: „Ich liebe solche Spiele“)

Der Bundestrainer hatte gegen die Russen personell und taktisch genau die richtige Mischung gefunden, und vor allem die linke deutsche Seite mit Philipp Lahm und Piotr Trochowski zeigte in der ersten Halbzeit spielerische und technische Qualitäten, die allerhöchsten internationalen Ansprüchen leicht und locker genügten.

Podolskis Treffer der Extraklasse

Dazu konnte der Zweite der Europameisterschaft wieder mal auf jenen Lukas Podolski vertrauen, den der FC Bayern vor über zwei Jahren irrigerweise glaubte, verpflichtet zu haben, tatsächlich aber nie bekommen hat. Podolski bereitete in der neunten Minute mit einem Treffer der Extraklasse nach kluger Vorarbeit von Miroslav Klose den nun erfolgreich anmutenden deutschen Weg in Richtung Weltmeisterschaft 2010. „Hier spiele ich von Beginn an, hier habe ich das Vertrauen. Der Trainer hat mir wieder die Chance gegeben, und das Vertrauen habe ich mit einem guten Spiel zurückgezahlt“, sagte der glückliche Nationalmannschafts-Podolski und erinnerte dabei auch gleich wieder an seinen entfernten armen Verwandten, den Bayern-Podolski. Ganz realistisch fügte der Stürmer mit der unglaublichen Quote von 31 Toren in 52 Länderspielen für das große Ganze hinzu: „Das war eine unserer besten Leistungen. Aber in der zweiten Halbzeit haben die Russen sehr viel Druck gemacht. Da hätten wir uns über den Ausgleich nicht beschweren dürfen.“

In der ersten Halbzeit staunte das Publikum nicht nur über die Verwandlungskünste Podolskis, die gesamte deutsche Mannschaft breitete ihr Leistungspotential aus (siehe auch: Die DFB-Elf in der Einzelkritik: Wer Adler sagt, muss auch Ballack nennen). Heiko Westermann profilierte sich an der Seite von Per Mertesacker als kraftstrotzender Herausforderer von Christoph Metzelder. Thomas Hitzlsperger nutzte seine Chance im Verdrängungswettbewerb mit Torsten Frings und Simon Rolfes im defensiven Mittelfeld, ohne damit einen Stammplatz erobert zu haben. Bastian Schweinsteiger zeigte unterdessen auf der rechten Seite, dass man sowohl beim FC Bayern unter Klinsmann als auch in der Nationalelf unter Löw gut Fußball spielen und sich entwickeln kann. Schweinsteiger bereitete auch das 2:0 durch Kapitän und Leitfigur Michael Ballack (28.) gefühlvoll und energisch vor.(siehe auch: Michael Ballack im Interview: „Jeder weiß, was die Geste zu bedeuten hat“).

„German Durchschlagskraft“

Guus Hiddink, der niederländische Trainer der Russen, brachte bei seiner auf Englisch vorgetragenen Analyse den entscheidenden Vorteil der DFB-Auswahl ausdrücklich auf Deutsch auf den spielentscheidenden Punkt: „Durchschlagskraft.“ Aber trotz der „german Durchschlagskraft“ ahnte man schon zur Halbzeit, dass der enorme Aufwand, den Löws Team betrieben hatte, gegen ein auf höchstem Tempo kombinierendes russisches Kollektiv kaum durchzuhalten war.

Den Gegentreffer in der 51. Minute durch Andrej Arschawin nach einem Fehler von Lahm konnte die neue Nummer eins, René Adler, nicht verhindern, aber danach war der 23 Jahre alte Debütant immer wieder zur Stelle, um den Vorsprung ins Ziel zu retten. „Russland gehört zu den stärksten Mannschaften der Welt. Gegen so einen Gegner kann man das Spiel nicht neunzig Minuten im Griff haben“, sagte Löw über die abrupte, aber nicht völlig unerwartete Wende im Spiel.

Spielerisch konnten sich die Deutschen vom russischen Druck am Ende viel zu selten befreien, sie machten zu viele Fehler und konnten die freien Räume nicht zum Kontern nutzen: Trotzdem wehrten sie sich erfolgreich mit allen Kräften. Mit fast allen muss man wohl besser sagen. Kevin Kuranyi hatte das Stadion und die Nationalmannschaft beim Schlusspfiff schon lange verlassen.

Deutschland - Russland 2:1 (2:0)
Deutschland: Adler (23 Jahre/1 Länderspiel) - Arne Friedrich (29/62), Mertesacker (24/50), Westermann (25/7), Lahm (24/51) - Trochowski (24/16 - 84. Frings 31/78), Ballack (32/88), Hitzlsperger (26/42 - 90.+3 Rolfes 26/16), Schweinsteiger (24/60) - Klose (30/85 - 71. Gomez 23/18), Podolski (23/58) - Trainer: Löw
Russland: Akinfejew (22/28) - Anjukow (26/39), Wassili Beresuzki (26/32), Ignaschewitsch (29/44), Janbajew (24/4 - 46. Dsagojew 18/1) - Syrjanow (31/20), Denissow (24/2), Semak (32/54 - 84. Sytschew 24/45), Schirkow (25/27) - Arschawin (27/40) - Pogrebnjak (24/11) - Trainer: Hiddink
Schiedsrichter: Fröjdfeldt (Schweden) -
Zuschauer: 65.607 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Podolski (9.), 2:0 Ballack (28.), 2:1 Arschawin (51.)
Gelbe Karten: Wassili Beresuzki, Syrjanow

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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