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1860 München Der „Ober-Löwe“ ist frei, das Rudel rückt zusammen

12.03.2004 ·  Alle reden von der Stadionaffäre und den Wildmosers, aber Trainer Falko Götz muß an Fußball denken. Seine Taktik vor dem Spiel der abstiegsbedrohten „Löwen“ in Stuttgart: „Normalität vorleben“.

Von Hans-Joachim Leyenberg
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Nach der neuesten Nachrichtenlage war am Freitag nachmittag nicht mehr die Frage, wer von den "Löwen" in Stuttgart spielt, sondern ob der Präsident auch nach Stuttgart kommt. "Im Laufe des Tages wird Karl-Heinz Wildmoser freigelassen, wir freuen uns unheimlich", sagte der Sportdirektor des TSV 1860 München.

Dirk Dufner, juristisch vorgebildet, mochte die Angelegenheit auf Nachfrage nicht ganz unkommentiert lassen: "Wir werten das als klares Indiz, daß er in der Angelegenheit unschuldig ist." Ob sich Wildmoser denn direkt von der Justizvollzugsanstalt Stadelheim, die er am Freitag mittag verlassen durfte, hierher zur Geschäftstelle der "Löwen", begeben würde? "Ich kann mir vorstellen, daß er zur Ruhe kommen möchte", gab Dufner eine Prognose ab, die sich bewahrheiten sollte. Und ein Abstecher des "Ober-Löwen" nach Stuttgart? "Das wäre nicht im Sinne der Mannschaft", legte sich der Sportdirektor fest, und der neben ihm sitzende Trainer Falko Götz pflichtete ihm bei. Eine Woche lang hatte dieser sich bemüht, "Aufregungen von der Mannschaft fernzuhalten". Da wäre der Wirbel um ein Comeback des Präsidenten nun wirklich kontraproduktiv.

„Brandsatz, der in ein brennendes Haus geworfen wird“

Zur gleichen Stunde, als Wildmoser senior auf freien Fuß gesetzt wurde, wurde Wildmoser junior, der nach wie vor in Augsburg inhaftiert ist, von der außerordentlichen Gesellschafter-Versammlung der Allianz Arena München Stadion GmbH als deren Geschäftsführer abberufen. Nach zweieinhalbstündiger Sitzung des vom FC Bayern und dem TSV 1860 gebildeten Gremiums verständigte man sich auf die Bestellung neuer Geschäftsführer nach "Diskussionen hierüber" in den jeweiligen Aufsichtsgremien beider Klubs. Sowohl beim FC Bayern als auch beim TSV 1860 wird am kommenden Montag getagt. Bis Mitte der kommenden Woche dürfte das Vakuum an der Spitze der Stadion GmbH Allianz beendet sein.

Als Paul Wonhas, Vizepräsident des TSV 1860, von der Freilassung Wildmosers hörte, verspürte er das dringende Verlangen, Oberbürgermeister Christian Ude, ebenfalls Mitglied im Aufsichtsrat der "Blauen", die Meinung zu sagen. Dessen Vorverurteilung verglich er mit einem "Brandsatz, der in ein brennendes Haus geworfen wird".

Götz, der "Normalität vorleben" will, wird es in diesen Stunden schwer gemacht. Er schreitet durch ein Spalier Neugieriger Richtung Rasenplatz und murmelt jene Begrüßungsformel, die er in seinem Münchner Jahr angenommen hat: "Servus zusammen." Am Donnerstag waren exakt zwölf Monate vergangen, seit er bei der zweiten Münchner Fußball-Kraft angeheuert hat. Die Profis sind schon auf dem Platz, haben die Kamerateams sowie Mikrofone registriert und wissen, daß das Interesse nicht in erster Linie dem Überlebenskampf in der Liga gilt. In dieser Woche gehören ihrem Klub die größeren Schlagzeilen als dem FC Bayern. Darauf hätte man natürlich verzichten können. Aber seit der Korruptionsaffäre rund um die Wildmosers "ist es, wie es ist". Auch in seinen Worten versucht sich Götz mit dem, was er sein Team vor der Arbeit mit dem Ball praktizieren läßt: Balanceübungen.

Hoffnung, "daß die Mannschaft eine Trotzreaktion zeigt"

Seine Mannschaft soll sich bloß nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen von der Entwicklung rund um ihren Präsidenten. Vom Tabellenzwölften, nur drei Punkte von einem Abstiegsrang entfernt, erhofft sich Dufner gerade jetzt, "daß die Mannschaft eine Trotzreaktion zeigt". Der Sportdirektor will vor dem Auswärtsspiel am Sonntag beim VfB Stuttgart "einen Ruck" registriert haben, "der durch die Mannschaft geht. Sie wirken wie zusammengeschweißt, sie wollen was beweisen." Götz sieht seine Mannschaft "mit Feuereifer bei der Sache". Das hört sich denn doch reichlich aufgesetzt an. Aber stark reden gehört ja schließlich zu den Aufgaben der Trainer, unabhängig von der Tatsche, das just in diesen Tagen die Münchner Starkbierzeit für eröffnet erklärt worden ist.

Hans Zehetmair, der ehemalige Kultusminister des Freistaates, ein heißer Nachfolgekandidat, falls es keine "Löwen"-Zukunft für Wildmoser senior geben sollte, redet ganz im Sinne von Götz: "Sie müssen eine zackige Antwort geben. Wenn es geht, schon in Stuttgart." Und wenn nicht? "Nur keine Panik." Das in Sachen Wildmoser zweigeteilte "Löwen-Rudel" rückt, wenn es um das Team geht, einmütig zusammen. Wenn kommendes Jahr die "Allianz-Arena" mit dem Derby FC Bayern gegen TSV 1860 eröffnet wird, will man den Großkopferten auf Augenhöhe begegnen. Zehetmair als künftige Spitze des Klubs hätte natürlich etwas für sich, finden Witzbolde. Ein ehemaliger Kultusminister würde sich zwangsläufig auf die Spielkultur der Sechziger auswirken. Aber darüber kann Götz nun wirklich nicht lachen. Normalität vorleben? "Man kann nicht alles von der Mannschaft fernhalten".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2004 / Nr. 62
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Jahrgang 1943, Sportredakteur.

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