http://www.faz.net/-gtl-75lj1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.01.2013, 17:20 Uhr

1860 München Der Löwen-Fütterer beißt um sich

Ein Märchen endet im Streit: Der jordanische Investor Ismaik und der Fußball-Zweitligaverein München 1860 könnten wieder getrennte Wege gehen. Nun sucht der Klub einen Plan B- der heißt sicher nicht mehr Barcelona.

von , München
© dpa Vor dem Abflug: Der jordanische Investor Hasan Ismaik könnte bei den „Löwen“ verbrannte Erde hinterlassen

Am Sonntag waren die drei Könige in München unterwegs. Am Montag der Mann aus dem Morgenland. Doch er kam und ging ohne Gaben. Wütend verließ Hasan Ismaik das Gelände an der Grünwalder Straße 114, nach einem vierstündigen Krisentreffen, das die Krise des Fußball-Zweitligaklubs 1860 München vergrößert hat. Der Abend sei „sehr schlecht“ verlaufen, erklärte der Investor, bevor er im Geländewagen in der Dunkelheit verschwand: „Ich kann mit diesen Leuten nicht mehr zusammenarbeiten.“

Christian Eichler Folgen:

Gemeint war vor allem Klubpräsident Dieter Schneider. „Wenn sich die Emotionen gelegt haben, sieht man ein bisschen klarer“, fand Schneider. „Vielleicht kann man dann doch noch zu einem Kompromiss kommen.“ Wenn diese Hoffnung sich nicht erfüllt, könnte das erste arabische Investment im deutschen Profifußball nach weniger als zwei Jahren beendet sein.

Die vielen Missverständnisse, die diese Liaison von Anfang an begleiteten, äußerten sich am Ende auch in Ismaiks kurioser Ankündigung: „Ich werde jetzt zur DFL gehen.“ Dabei ist es genau die DFL, die Deutsche Fußball-Liga, die sich durch Ismaiks Auftritt in München bestätigt sehen darf für ihre 50+1-Regel. Die besagt, dass die Mehrheit und damit die Macht in einem Verein, der als ausgegliederte Gesellschaft organisiert ist, nicht von einem Investor übernommen werden kann.

Trainingsauftakt TSV 1860 München © dpa Vergrößern Der Widersacher: Präsident Dieter Schneider fürchtet um die Seriosität seines Klubs

Das alles ist allerdings auch nicht ganz einfach zu verstehen, gerade für einen Mann aus dem Orient: Da will einer seinem Geld weiteres Geld nachwerfen - und darf nicht. Beim Einstieg 2011, mit dem er die „Löwen“ vor dem Ruin bewahrte, zahlte Ismaik 18,4 Millionen Euro (13 Millionen für 49 Prozent der stimmberechtigten Anteile, 5,4 Millionen zur Umschuldung), sagte dann weitere Darlehen zu, um mit Transfers im letzten Sommer dem Aufstiegsprojekt mehr Schwung zu verleihen, und wollte weiteres Geld verleihen, um die Sache zu beschleunigen. Doch der Klub will keine Neuverschuldung über die bereits rund neun Millionen Euro Verbindlichkeiten bei Ismaik hinaus - auch, weil das die Eigenkapitalquote senkt und Probleme bei der DFL-Lizenzvergabe bereiten könnte.

Verbrannte Erde

Schneider forderte den Investor auf, für die von ihm gewünschte aggressivere Strategie Sicherheiten zu geben, „aber das hat er abgelehnt“. Der Vorstand will den Aufstieg nicht auf Pump. Die Zeit des wilden Geldausgebens mit fatalen Folgen unter präsidialen Sonnenkönigen wie Wildmoser ist vorbei. Deshalb setzt man lieber auf den zum Chef beförderten früheren Jugendtrainer Alexander Schmidt als auf Ismaiks Favoriten Sven-Göran Eriksson. Dass Ismaik die Motive des „Freundes“ als „nicht materiell“ bezeichnete, löste Heiterkeit aus in der Fußballbranche, in der der Schwede als geldgierig gilt.

Mehr zum Thema

Dass Ismaik diesmal verbrannte Erde hinterlassen würde, hatte sich angedeutet. Schon vor dem Treffen schmähte er den als integer geltenden Schneider als „alten Mann“, der „nicht ehrlich“ sei und sich aus „persönlichen Interessen“ ans Amt klammere. Der Dachverband von rund 500 Fanklubs der „Löwen“ reagierte scharf: „Es kann nicht sein, dass unser Präsident auf diese Art und Weise öffentlich angegriffen und beleidigt wird.“ Doch noch bei der Ankunft mit seinem Privatjet am Flughafen glaubte Ismaik sich im Einklang mit dem Großteil der Löwen-Anhänger und deren Traum von der möglichst schnellen Rückkehr in die Bundesliga. Er stellte dann irritiert fest, wie ihn vor der Geschäftsstelle eine Fan-Gruppe mit gehässigen Worten empfing.

Wo ist der „Plan B“?

Beim letzten München-Besuch im Mai hatte der Investor mit der Klubführung einen Dreijahresplan vereinbart, den er inzwischen als hinfällig ansieht: „Ich unterstütze keine gescheiterten Pläne. Und dieser Plan hat sich schon im ersten Jahr als Fehler erwiesen.“ Die 6,5 Millionen Euro hohe zweite Rate des damals zugesagten Zuschusses hat Ismaik nicht überwiesen - ein offenkundiger Erpressungsversuch, ebenso wie die Drohung, seine Anteile auf dem arabischen Finanzmarkt zu verkaufen. „Wir haben versucht, Ismaik dazu zu bringen, die im Rahmen des Dreijahresplans vereinbarten Zahlungen zu gewährleisten“, sagte Schneider am Montag. „Das hat er abgelehnt.“

Ismaik hat nicht bekommen, was er wollte: die Abkehr vom Sparkurs, den Kauf neuer Spieler für das Team, das derzeit auf Platz sechs in der zweiten Liga steht, und eine neue Führung beim TSV 1860. Schneider sagte, Ismaik habe „personelle Einflussnahmen gefordert, die weit über das von der DFL erlaubte Maß hinausgehen“. Welche das waren, beantwortete Vizepräsident Franz Maget mit einem Wort: „Alle.“

Das Wort der Stunde in Giesing lautete deshalb: „Plan B“ - ein Szenario ohne das bisher zugesagte Geld vom Investor. Es soll konkrete Vorarbeiten geben, die einen ausgeglichenen Profi-Etat (derzeit neun Millionen Euro) hinbekommen. „Wir fangen nicht bei Adam und Eva an“, sagte Schneider. Allerdings sollte wenigstens dieser Plan B besser funktionieren als der letzte. Als im Dezember der Trainingsplatz vereiste, weil vergessen worden war, Heizflüssigkeit nachzubestellen, brach man zu einem Kurztrainingslager nach Brescia in Italien auf.

Nach neun Stunden kam das Team im Dunkeln an und musste feststellen, dass die Flutlichtanlage defekt war. Nach einem Trainingstag und achtstündiger Rückreise gab es ein 1:1 gegen den Abstiegskandidaten Dynamo Dresden. Von dort ist es noch ein weiter Weg dorthin, wo Ismaik im Juni 2011 binnen zehn Jahren ankommen wollte: „Auf einer Stufe mit Barcelona.“

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Abseits der Börse investieren Ein Ferrari nur für die Garage

Investoren jagen nach alternativen Anlagen: Oldtimer, Kunstwerke und Spitzenweine sind begehrt. Das kann teuer werden. Mehr Von Thomas Klemm

29.08.2016, 10:58 Uhr | Finanzen
Amatrice Italiens Bauern verzweifeln nach Erdbeben

Die Erde bebt zwar nicht mehr in Mittelitalien, aber die tragischen Geschichten rund um die Bevölkerung der Gegend werden vermutlich noch lange fortgesetzt werden. Den Bauern in der Nähe der Stadt Amatrice fehlt es derzeit an so gut wie allem, um ihre Höfe weiterführen zu können. Mehr

30.08.2016, 14:39 Uhr | Gesellschaft
Elisabethenschule in Frankfurt Teurer als ein neues Gymnasium

55 Millionen Euro investiert die Stadt in die Elisabethenschule. Anders wäre das Jugendstilgebäude nicht zu retten. Doch auch ein Neubau hat Tücken. Das zeigt das Beispiel der Dahlmannschule. Mehr Von Matthias Trautsch

28.08.2016, 09:26 Uhr | Rhein-Main
Pegasus Schadsoftware bedroht Millionen iOS-Geräte

Eigentlich gelten Apple-Produkte als sicher. Doch vor Kurzem wurde eine Schadsoftware entdeckt, die Hackern vollen Zugriff auf alle Daten ermöglicht. Die Schadsoftware mit dem Namen Pegasus kann auf das Gerät gelangen, wenn Nutzer im Safari-Browser einen präparierten Link anklicken. Am Freitag veröffentlicht Apple ein Update, das die Sicherheitslücke schließen soll. Mehr

28.08.2016, 15:57 Uhr | Wirtschaft
Eintracht Frankfurt Ein großer Verein für Stürmer Luc Castaignos

Der Holländer wechselt nach Portugal. Nun sucht die Eintracht nach einem Flügelspieler. Michael Hector muss nach seiner Roten Karte zwei Spiele aussetzen. Mehr Von Jörg Daniels, Frankfurt

30.08.2016, 07:36 Uhr | Rhein-Main
Umfrage

Wer soll nach dem Rücktritt von Bastian Schweinsteiger neuer Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Sommer der Verschwendung

Von Michael Horeni

Der Transfermarkt ist heißgelaufen in diesem Sommer. Gehälter explodieren, die Ablösesummen sind gigantisch. Aber was heißt das für die Bundesliga? Mehr 6 21