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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

1. FC Köln Tiefstand am Rhein

 ·  Nach dem sportlichen Kollaps muss der 1. FC Köln den finanziellen Zusammenbruch verhindern. Seit dem Skandal um Kevin Pezzoni ist der Ruf des Traditionsklubs vollends ruiniert. Eine besorgniserregende Bestandsaufnahme vor dem Heimspiel gegen St. Pauli.

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© picture-alliance/ dpa Wie hält der Geißbock das aus? Das Maskottchen ist dem Klub treu

Die meisten würden die Lage als niederschmetternd empfinden - und das in jeder Hinsicht. Vor dem Heimspiel gegen den FC St. Pauli (20.15 Uhr/live im F.A.Z.-Ticker) Vorletzter der zweiten Liga, mehr als 25 Millionen Euro Schulden, Einnahmen der kommenden Monate und Jahre schon im Vorgriff verbraten, ein aufgeblähter Spielerkader von zweifelhaftem sportlichen Wert und ein Image, das seit zwei Wochen einen neuen Tiefstand erreicht hat, seit bekannt wurde, dass der Fußballprofi Kevin Pezzoni von eigenen Fans bedroht wurde.

Claus Horstmann sagt, dass der 1. FC Köln das Allerschlimmste überstanden habe. Seit 13 Jahren arbeitet er beim Traditionsklub als Geschäftsführer, seit einem Jahr ist er Vorsitzender der Geschäftsführung der 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA. Horstmann, 47, muss schon von Berufs wegen das Positive hervorheben. Und das ist: „Wir haben die Risiken in den vergangenen Wochen erheblich reduziert.“ Risiken? Horstmann spricht es nicht wörtlich aus. Aber dass der FC bei der Prüfung seiner Finanzen einen Insolvenzrechtler bemühte, zeigt, wie angespannt die Situation zumindest war.

Diese Gefahr ist bei den Kölnern gar nicht ins Bewusstsein vorgedrungen. Und so sahen und sehen sie nur den Zustand des einst so stolzen und ruhmreichen 1. FC Köln und schimpfen. Der Eisverkäufer fährt seit 1985 mit seinem Lieferwagen zum Training der Profimannschaft auf das Gelände des Geißbockheims: „So wenig Eis wie jetzt habe ich noch nie verkauft“, mäkelt er. Dabei sei der Spätsommer sonnig wie selten gewesen. „Aber ich kann den Leuten nicht verdenken, dass sie nicht mehr kommen, so schlecht hat der FC noch nie gespielt“, sagt er und versucht sich an einer fachlichen Analyse.

Zu der gehört nicht, was Horstmann als Erstes einfällt. „Nach dem Abstieg und der finanziellen Bestandaufnahme mussten wir drastische Änderungen am Kader vornehmen. Wir hatten im Sommer 44 Transferbewegungen.“ Konsolidierung durch Kaderumbau nennt das der Geschäftsführer.

Manche Fans nennen es unzumutbare Schwächung der Mannschaft. Der rüstige Rentner, der mit seinem Fahrrad am Eiswagen vorbei zum Trainingsplatz vorfährt, fragt beim Absteigen: „Ist das die erste Mannschaft, die hier trainiert?“ Verständnisvolles bis sarkastisches Lachen von den Kiebitzen, die regelmäßig vorbeischauen. Schließlich hat sich der Verein von fast allen bekannten Gesichtern, sprich hohen Kostenträgern, getrennt. Neben Lukas Podolski ließ der FC Rensing, Novakovic, Geromel, Peszko, Riether, Lanig, Petit und Andrezinho ziehen.

Es kamen Spieler, die zum Gehaltsniveau eines Zweitligaklubs passen. Das gilt auch für die sportliche Leitung, die sich der zweimal in Profifunktion gescheiterte FC-Trainer Frank Schaefer und der ehemalige Co-Trainer von Alemannia Aachen und Chefscout von Hannover 96, Jörg Jakobs, teilen. Nur am neuen Trainer, der ein entwicklungsfähiges Team bilden soll, wurde nicht gespart. Holger Stanislawski obliegt die Aufgabe, die nach der Startausbeute von einem Punkt in vier Spielen schwierig bleibt. „Wir sind nicht nervös“, sagt Horstmann und verweist auf die Jugend des Teams, dessen Arbeitsethos, Laufbereitschaft und Entwicklungsmöglichkeiten.

Abstieg auf Raten

Wie aber konnte sich der stolze FC, 1964 der erste Bundesligameister und 1978 Double-Gewinner, zur jüngsten Mannschaft der Zweiten Liga zurückentwickeln? Die Antwort lautet: Nicht von heute auf morgen, die negative Entwicklung hat schon vor Jahren begonnen. Seit dem ersten Abstieg aus der Bundesliga 1998 kam der Verein nicht mehr richtig zur Ruhe. Als beste Bundesliga-Plazierung sprang in den Jahren 2001 und 2011 Rang zehn heraus, dazwischen standen aber drei weitere Abstiege.

Vor 13 Monaten schien alles gerüstet für einen neuen Angriff auf die oberen Tabellenregionen. Der 1. FC Köln war gut aufgestellt. Hatte in Wolfgang Overath (seit 2004) eine Ikone als Präsident, in Volker Finke einen Fachmann als Sportdirektor, mit Stale Solbakken einen Trainer, der in Dänemark für Furore gesorgt hatte. Angeführt vom Stadtheiligen Podolski, schien der FC über eine Mannschaft zu verfügen, die die bösen Geister der Vorsaison vertreiben würde, als Finke als Interimstrainer erst durch drei Siege in den letzten drei Spielen den Klassenverbleib gesichert hatte.

Aber die Lage wirkte nur stabil. Eine seit Jahren unglückliche Transferpolitik jenseits der Personalie Podolski hatte die Finanzen ausgehöhlt. Durch den Verkauf interner Rechte an Tochtergesellschaften wurden stille Reserven gehoben, daraus wurde aktuell Liquidität erzeugt, aber langfristig wurden Schulden aufgebaut. Um den Rekordetat der Saison 2011/12 von 33 Millionen Euro für den Lizenzspieleretat zu stemmen, mussten wieder Sondererlöse erzielt und Sonderfinanzierungen bemüht werden. Das strapazierte die Nerven von Overath. Als der im November 2011 überraschend zurücktrat, weil die riskanten Investitionen nicht zu dem erhofften Befreiungsschlag geführt hatten, entstand ein Vakuum, das die Kraft eines schwarzen Lochs entwickelte.

Nun fehlte in der Auseinandersetzung zwischen Finke und Solbakken ein Puffer. Finke hatte den Norweger im Sommer voller Begeisterung verpflichtet, aber schon im Herbst Bedenken gegen die Arbeit Solbakkens bekommen. Mannschaftsführung und vor allem die Taktik hielt Finke für falsch. Das gleiche Problem hatte er in der vergangenen Saison mit Cheftrainer Frank Schaefer. Der frühere Amateur- und Jugendcoach verlor mehr und mehr an Autorität, weil er sich gegen die Einmischung Finkes nicht richtig wehrte. Und am Ende behielt der Sportdirektor auch recht.

Solbakken wehrte sich geschickter. Der erfahrene Profitrainer behielt das Vertrauen weiter Teile der Mannschaft und des Restvorstandes. Als die Zerrüttung zu groß und eine Zusammenarbeit zwischen Trainer und Sportdirektor nicht mehr möglich war, senkte sich der Daumen für Finke und nicht für Solbakken. Eine Entscheidung, die die FC-Führung, aus Claus Horstmann bestehend, bereuen sollte. Denn der Vertrauensbeweis gegenüber dem Trainer führte nicht zu einer Besserung der sportlichen Lage, sondern noch tiefer in den Abstiegsstrudel. Im April wurde Solbakken doch noch beurlaubt. Den Retter sollte der im Vorjahr gescheiterte Frank Schaefer spielen, am Ende stand der Abstieg.

Vorbehalte im Aufsichtsrat

Nach dem sportlichen Kollaps musste der wirtschaftliche vermieden werden. Eine schwere Aufgabe, denn der FC-Aufsichtsrat und die FC-Mitglieder hatten sich bei den Präsidiumswahlen im April gegen die einfache finanzielle Lösung entschieden. Der Unternehmer Franz-Josef Wernske, Verwaltungsratsmitglied und mit Finanzspritzen an den Transfers von Podolski, Geromel und Peszko beteiligt, wollte noch viel kräftiger investieren, falls er an der Seite des früheren Bundesligaspielers und FC-Managers Karl-Heinz Thielen zum Vizepräsidenten gewählt würde. Doch deren Konzept war nicht mehrheitsfähig: Proteste in der Südkurve des Stadions, Vorbehalte unter den Aufsichtsratskollegen.

So bezeichnete der Gremiumsvorsitzende Werner Wolf seinen Kollegen nicht als Gönner, sondern als Investor, obwohl er dem FC beim Podolski-Transfer eine Million Euro zu einem Zinssatz von 2,5 Prozent lieh. Wernske wollte nur einen richtigen Profit, falls Podolski mit Gewinn weiterverkauft würde. Den realisierte er dann auch, weil Podolskis Verkauf zum FC Arsenal mit zwölf Millionen Euro Ablöse die festgelegte Zehnmillionengrenze übertraf. Somit erhöhte sich der Zinssatz für Wernske auf zehn Prozent. Das wurde ihm vorgeworfen. Im Fall Geromel gibt es eine ähnliche Vereinbarung, doch ist die Hoffnung auf eine hohe Ablöse deutlich geringer.

Besorgniserregende Zahlen

Das neue Präsidium mit dem ehemaligen Bayer-Vorstand Werner Spinner an der Spitze und mit dem ehemaligen Nationaltorwart Toni Schumacher als Aushängeschild auf dem Posten des Vizepräsidenten hat auf dem Weg der wirtschaftlichen Konsolidierung das Sparprogramm gewählt, das die Geschäftsführer Horstmann und Oliver Leki umsetzen müssen.

Die Zahlen, die der FC nach einer Innenrevision veröffentlichte, waren besorgniserregend. Mit Stichtag 30. Juni 2011 werden die Schulden mit 30,9 Millionen Euro und das negative Eigenkapital auf Konzernebene der 1. FC Köln GmbH und Co. KGaA mit 8,9 Millionen Euro angegeben. Der Rekordetat von 33 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2011/12 wurde nur durch Sondererlöse von zehn Millionen Euro ausgeglichen. Die ergaben sich unter anderem aus einer vorzeitigen Vertragsverlängerung mit dem Vermarkter IMG bis zur Saison 2015/16, wofür eine Unterschriftsprämie eingestrichen wurde. Der Zusatz: „Daraus entstehen finanzielle Belastungen für die kommenden Jahre“, lässt den Schluss zu, dass auch schon Einnahmen im Vorgriff realisiert wurden.

Immerhin sei ein Teil dieser Gelder auch dazu verwendet worden, die Verbindlichkeiten zum 30. Juni 2012 von 30,9 Millionen Euro auf deutlich unter 30 Millionen Euro zu senken, so Horstmann. Darüber hinaus reduzieren sich durch den Abstieg die Einnahmen in der aktuellen Zweitliga-Spielzeit um rund 20 Millionen Euro. Der Crash ist nur durch einen radikalen Sparkurs zu vermeiden, selbst in der Verwaltung werden Einsparpotentiale überprüft. Eine Maßnahme zur Konsolidierung bildet auch die neue FC-Anleihe, die bis zum 31. Oktober gezeichnet werden kann. Sie läuft fünf Jahre mit einer Verzinsung von fünf Prozent. Die Hälfte des maximalen Volumens von zehn Millionen Euro sei laut Geschäftsführer Horstmann schon eingenommen worden. Die Anleihe soll zur Umschuldung verwendet werden.

Die Hoffnung, dass Verwaltungsratsmitglied Werske in irgendeiner Art und Weise weiter zur Konsolidierung der Finanzen beiträgt, ist erloschen. Bei dem Versuch, Geromel nach Spanien zu veräußern, zerstritt sich Werske mit Horstmann. Werske widmet sich jetzt mit aller Kraft Viktoria Köln, das nach einer gehörigen Aufrüstung in der vierten Liga die Tabellenführung übernommen hat.

Seltsame Kommunikation

Als hätte der 1. FC Köln nicht schon Probleme genug, wurde er Ende August auch noch durch den Fall Kevin Pezzoni erschüttert. Der langjährige Abwehrspieler war für viele Fans im letzten Jahr so etwas wie das Gesicht der sportlichen Krise. Immer wieder gab es Anfeindungen gegen den 23 Jahre alten Abwehrspieler. Die eskalierten Ende August, als das FC-Dilemma seine Fortsetzung in der zweiten Liga fand. Im Internet wurde eine Seite installiert „Pezzoni und Co aufmischen“, einen Tag später rotteten sich fünf gewalttätige Fans vor Pezzonis Wohnung zusammen und bedrohten den Fußballprofi. Und als Pezzoni nach der Vertragsauflösung mit dem Klub auch fehlende Rückendeckung beklagte, hatte der FC in der öffentlichen Meinung nicht nur die gewalttätigsten Fans in Deutschland, sondern auch noch die feigste Vereinsführung.

Zu dieser Darstellung trug der Klub mit einer seltsamen Kommunikation bei, sie trifft aber nicht zu. Zumindest in der Auseinandersetzung und dem Umgang mit den Fans ist beim FC Köln vieles besser geworden. Die Kontakte zu den Ultras wurden intensiviert, die Verfolgung der Gewalttäter unter den Hardcore-Anhängern oder der Kriminellen, die sich in Fanklubs abducken, deutlich intensiviert. Nach dem Überfall auf einen Gladbacher Fanbus im vergangenen März entzog der FC der Ultra-Gruppierung „Wilde Horde“ den Fanklub-Status. Aus Protest verzichtete die gesamte Südkurve für den Rest der Rückrunde auf Choreographien. Der FC knickte nicht ein. Im Fall Pezzoni war es so weit, dass sich erstmals eine Ultra-Gruppierung von der Tat, die nicht von der Ultraszene verübt wurde, distanzierte.

Für Horstmann ein Fortschritt, genauso wie das Fanverhalten während der Heimspiele, bei denen die Südkurve viel Geduld und Verständnis für die durchwachsenen Leistungen aufbrachte. Mehr als viele enttäuschte Fans in der Millionenstadt auf den teureren Plätzen. Auf die Treue seiner Fans ist der FC so angewiesen wie vielleicht nie zuvor, um wieder von der Bundesliga träumen zu können. Denn die günstigen Rahmenbedingungen, die die viertgrößte deutsche Stadt mit ihrer Wirtschaftskraft bietet, vermochte der Klub in den letzten Jahren kaum zu nutzen. Claus Horstmann wird den nächsten Spieltag des 1. FC Köln in der obersten Klasse, wann auch immer er sein mag, nicht mehr in seiner Funktion miterleben. Auf eigenen Wunsch scheidet der Vorsitzende der Geschäftsführung zum 30. 6. 2013 aus.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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