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1:2 gegen England Schmalbrüstige Jugendbewegung

20.11.2008 ·  Das 1:2 gegen England ist das passende Resultat zum Auftreten der Nationalmannschaft in den vergangenen Wochen. Ohne Kapitän Ballack, seinen Freund und Helfer Frings sowie den geschonten Lahm ist selbst eine englische Rumpfelf eindeutig zu stark für den EM-Zweiten.

Von Michael Horeni, Berlin
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Nichts wie weg. So schnell wie nach dem Abpfiff des Länderspieljahres 2008 ist die deutsche Nationalmannschaft schon lange nicht mehr von der Bühne verschwunden. Als der Schiedsrichter das deutsche Trauerspiel im Olympiastadion gegen England endlich beendete, waren die Nationalspieler ganz schnell mit hängenden Köpfen in den Katakomben verschwunden. Selbst ihren Gang in die Fankurve deuteten sie nach der verdienten 1:2-Niederlage gegen eine englische B-Auswahl nur noch an.

Das Schlussbild im strömenden Regen in der Hauptstadt verdüsterte auf den letzten Drücker das Fußballjahr noch einmal, das sich schon in den vergangenen Wochen durch die zahlreichen innerbetrieblichen Auseinandersetzungen immer weiter verfinstert hatte. Die von Bundestrainer Joachim Löw mit Blick auf die Weltmeisterschaftsendrunde vorangetriebene Jugendbewegung wirkte nach nicht einmal halbwegs ordentlich verrichteter Basisarbeit im Olympiastadion schon ein bisschen alt und fahl.

Einfalls- und leidenschaftslose Dürftigkeit

Man musste sich nur anhören, was die Neulinge zu ihrem Debüt im langen Schatten der Routiniers zu sagen hatte. „Meinen Einstand hätte ich mir sicherlich anders vorgestellt“, sagte Marvin Compper, dem immerhin die Auszeichnung zufiel, als erster deutscher Nationalspieler von 1899 Hoffenheim in die deutsche Fußball-Geschichte einzugehen. Torhüter Tim Wiese, der beim entscheidende Treffer zum 1:2 durch John Terry (84. Minute) keine Abwehrmöglichkeit hatte, fand neben dem üblichen Selbstlob ganz zu Recht, dass es „schwer für mich war, in der zweiten Halbzeit ins Spiel zu finden. Aufgrund des 0:1-Rückstandes war der Druck hoch.“

Tatsächlich war der Auftritt der Deutschen in der traditionsreichen Begegnung, die aufgrund der vielen Ausfälle bestenfalls zum Halbklassiker taugte, von einer derart einfalls- und leidenschaftslosen Dürftigkeit, wie man sie lange nicht mehr erlebte. In der ersten Halbzeit spielte sich die deutsche Mannschaft keine einzige Torchance heraus. Nach dem Wechsel wurde zwar manches besser, aber noch lange nichts gut. Und so dürften sich auf ihren Sofas in London und Bremen der deutsche Kapitän Michael Ballack und sein Kumpel Torsten Frings gar nicht so schlecht gefühlt haben, wenn sie aus der Ferne mit ansahen, wie schmalbrüstig der jugendliche Angriff auf die Plätze der Routiniers ausfiel.

Ballack und Frings als Gewinner

Nachdem sein junges Team die Chance auf einen perspektivisch krönenden Jahresabschluss so gründlich verhauen hatte, verbanden sich im Olympiastadion auch gleich wieder wie selbstverständlich die großen Namen mit den künftigen großen Zielen der deutschen Mannschaft. „Beide sind nicht erst seit heute wichtige Spieler für uns, das steht außer Frage. Michael Ballack ist Kapitän und schon lange mit dabei. Und auch bei Torsten Frings habe ich immer betont, dass er, wenn er körperlich topfit ist und seine Form erreicht, auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2010 ein ganz wichtiger Spieler für uns ist“, sagte der Bundestrainer. Es fiel also ganz und gar nicht schwer, Ballack und Frings an diesem Abend als einzige deutsche Gewinner auszumachen.

Denn ohne den Kapitän, seinen Freund und Helfer Frings sowie den diesmal ebenfalls geschonten Phillip Lahm war selbst eine englische Rumpfelf eindeutig zu stark für den EM-Zweiten und Tabellenführer der WM-Qualifikationsgruppe 4. „Es ist wirklich schwer für uns, wenn wichtige Spieler nicht dabei sind. Zweifellos sind Ballack und Frings wichtige Spieler, sonst hätte Joachim Löw nicht gesagt, dass sie weiter zum Kader gehören“, sagte auch Teammanager Oliver Bierhoff über einen personellen Verlust, der doch eigentlich im Olympiastadion gar nicht hätte spürbar sein sollen.

England wirkte lange wie ein Souverän im Olympiastadion

War er aber. Und zwar von der ersten Minute an. Das von Meistertrainer Fabio Capello taktisch souverän instruierte, ebenfalls junge und unerfahrene Team wirkte lange wie ein Souverän im Olympiastadion. Gegen die solide Defensive von „Little Italy“ fiel dem deutschen Mittelfeld mit Bastian Schweinsteiger, Simon Rolfes, Jermaine Jones, Bastian Schweinsteiger und Piotr Trochowski lange überhaupt nichts ein. „In der Zentrale waren wir gegen die Engländer nicht ganz so präsent. Auf dieser Position beginnt normalerweise die Organisation von Defensive und Offensive. Die Abstimmung hat nicht ganz so gut geklappt“, sagte der Bundestrainer, was in freundlichen Worten eine ziemlich harsche Kritik an Jones und Rolfes, dem Ballack-&-Frings-Double bedeutete.

In der Abwehr schien Per Mertesacker wie verzweifelt Halt zu suchen, den er irgendwie seit dem Abschied von Christoph Metzelder seit der Europameisterschaft solidarisch mit eingebüßt hat. Die beiden Angreifer Miroslav Klose und Mario Gomez irrlichterten bis zu ihrer Auswechslung ihrer besten Form in unendlichem Abstand hinterher, so dass es schon eine Freude war, angedeutete Dynamik und Dribbelstärke von Marko Marin und die ganz realen Torjägerqualitäten von Patrick Helmes zu begutachten. Wie clever der Leverkusener das 1:1 erzielte, in dem er vor Terry dem verblüfften Torwart Carson den Ball durch die Beine spitzelte, war der einzige Moment deutscher Fußball-Kleinkunst auf der großen Berliner Bühne.

Hochgeschwindigkeits-Fußball bleibt Fremdwort

Hochgeschwindigkeits-Fußball, Kombinationsspiel und ständige Dominanz bleiben für das Team von Bundestrainer ansonsten aber nur Fremdworte, mit denen sie in der Praxis diesmal rein gar nichts anfangen konnten. Dem Bundestrainer kam nach dem Abpfiff nur noch die undankbare Aufgabe zu, die Versäumnisse seines Teams tapfer und akkurat aufzulisten.

„Erst in der zweiten Halbzeit kamen wir ein bisschen besser ins Spiel, aber wir hatten dennoch große Probleme mit der Raumaufteilung, in der Organisation und im Spielaufbau. Uns hat die Reife gefehlt, diesen Gegner zu schlagen“, sagte Löw. Aber für das kommende Jahr habe diese Niederlage keine Bedeutung. „Das Spiel stimmt mich nicht bedenklich.“ Ballack und Frings bestimmt auch nicht.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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