Bringt Sie als dienstältester Manager der Bundesliga eine Transferperiode wie die laufende mit vielen Spekulationen um Abwerbeversuche Ihrer Spieler noch aus der Ruhe?
Nein. Wilde Spekulationen bringen uns nicht aus der Ruhe. Aber eins noch: Ich möchte mich da nicht mit falschem Lorbeer schmücken. Heribert Bruchhagen ist sicher noch ein oder zwei Jahre länger im Geschäft. Aber ich mag am längsten bei einem Klub tätig sein, allerdings war ich mit Mainz 13 Jahre davon in der zweiten Liga.
Dann sind Sie zumindest der treueste Manager der Liga. Da ist es im schnellen Fußballgeschäft erstaunlich, dass es dennoch mit Mainz 05 immer ein Stück aufwärts zu gehen scheint. Stimmt es also nicht, dass sich Klubs immer wieder neu erfinden müssen?
Wir haben eine andere Philosophie, was nicht heißt, dass unser Ansatz per se besser ist. Wir haben uns mal vor etwas über zehn Jahren, als Jürgen Klopp als Trainer bei uns anfing, auf die Fahnen geschrieben, dass die Philosophie des Vereins bei uns über allem stehen muss und wir uns nicht mehr vom Personal abhängig machen dürfen. Der Verein hat also klare Vorgaben an den Trainer, in welcher Art das Team zu spielen und wie der Verein nach außen aufzutreten hat.
Eine feste Philosophie, nahezu dasselbe Führungspersonal seit vielen Jahren. Ist Mainz 05 resistent gegen Veränderungen?
Sagen wir es anders: Kontinuität zieht sich bei uns wie ein roter Faden durch den gesamten Verein. Harald Strutz ist mit bald 25 Jahren der dienstälteste Präsident im deutschen Profifußball. Ich bin zwei Jahrzehnte dabei. Ich bin mir sicher, dass wir auch den dienstältesten Zeugwart haben. Und auch Trainer haben mittlerweile bei uns eine lange Verweildauer. Das bringt uns Berechenbarkeit nach innen wie nach außen. Man weiß, wie wir agieren. Häufige Trainerwechsel führen zu großer Fluktuation im Spielerbereich und im Team rund um die Mannschaft. Ein Neuaufbau folgt dem anderen.
In der Öffentlichkeit wird Ihr Verein nicht so stark wie andere wahrgenommen. Weil wenig Aufsehenerregendes passiert?
Meines Erachtens geht die Berichterstattung in manchen Medien einen merkwürdigen Weg. Da ist es für viele interessanter, wie der HSV auf die Trennung der Eheleute van der Vaart reagiert, als einmal zu fragen, wie es möglich ist, dass der HSV Jahr für Jahr in der Tabelle hinter einem kleinen Klub wie Mainz 05 steht. Oder beim 1. FC Köln oder bei Hertha wird nur gefragt, was da falsch gelaufen ist. Es wird nie gefragt, was Klubs wie Freiburg, Nürnberg oder auch Mainz 05 leisten, dass sie besser plaziert sind und den Kölnern und Berlinern eben den Platz in der Bundesliga wegnehmen.
In jedem Fall haben Sie den Ruf als Überraschungsmannschaft der Liga weg.
Wir sind in den dreieinhalb Jahren seit dem Amtsantritt von Thomas Tuchel in einer gedachten Tabelle nach 119 Spieltagen Sechster, nur ganz knapp hinter Stuttgart, aber vor Bremen, Hamburg oder Wolfsburg. Deshalb dürften wir eigentlich nicht mehr als Überraschungsmannschaft bezeichnet werden, zumal wir jetzt aktuell wieder auf Rang sechs stehen. Aber wir können prima damit leben.
Nach so vielen Jahren als Manager könnten Sie vielleicht erstmals mit den Bayern an den Verhandlungstisch, wenn es um einen vorzeitigen Wechsel von Jan Kirchhoff noch vor Transferschluss am 31. Januar geht?
Da verschwende ich keinen Gedanken daran. Jan hat bis Ende Juni seinen Vertrag in Mainz und dann beim FC Bayern. Mehr nicht. Deshalb habe ich nicht verstanden, dass Matthias Sammer gesagt haben soll, dass der Ball bei uns läge. Wenn die Bayern Interesse an einem unserer Spieler haben, dann müssen sie anfragen. Aber bislang haben wir keinen Kontakt, und das ist absolut in Ordnung so. Hier wartet niemand auf einen Anruf. Wir wollen eine sportlich starke Rückserie spielen, und dabei wird uns Jan helfen.
Sie waren lange Zeit nebenbei noch Geschäftsführer eines Autohauses. Was ist denn einfacher: einen Spieler oder ein Auto zu verkaufen?
Ich glaube, die Spieler von Mainz 05 erfahren tagtäglich, dass uns der Mensch sehr wichtig ist. Das ist der markante Unterschied, und mir wird schon zugeschrieben, dass ich das verstanden habe.
Und wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Spieler suchen?
Wir sind da etwas anders aufgestellt als viele andere. Ich kenne Klubs, die haben sechs festangestellte Scouts, die in der Weltgeschichte herumreisen. Wir haben keinen einzigen hauptamtlichen. Irgendwann kam mal die Mär auf, man brauchte ein ausgetüfteltes Scoutingsystem mit Scouts auf allen Kontinenten. Das Fußballgeschäft aber läuft doch anders. Jeder Spieler bis hinunter zur fünften Liga hat doch heute einen Berater. Da gibt es ein riesiges Netzwerk mit großen Beratern, kleinen Beratern. Nach so vielen Jahren im Geschäft kennt man die europaweit doch fast alle. Wir fragen an, und die Berater fragen an. Dann prüfen und selektieren wir.
Und wie funktioniert das?
Wir haben ein spezielles Datenbanksystem. Das hat kein anderer Klub in der Liga. Wenn wir den Namen des Spielers haben, können wir uns zum Beispiel auf Knopfdruck zwanzig oder mehr komplette Spiele von ihm anschauen. Kein Berater muss mir mehr eine DVD schicken. Das ist ein russisches System, das auch in die Tiefenanalyse geht.
Was heißt das?
Wir lassen jedes unserer Spiele extern auf 50 Seiten analysieren. Am Morgen nach dem Spiel haben wir vor der Sitzung eine Auswertung. Wenn ein Spieler meint, er hätte doch fehlerfrei gespielt, bekommen wir mit einem Klick sofort alle seine Fehler präsentiert. Die kann er dann sehen. Genauso gibt es eine Gesamtbewertung von Spielern. Das läuft per Indexwert. Da fließt alles ein. Messi steht vielleicht bei 450, ein Oberligaspieler bei fünf. Es gibt dann einen Grenzwert, bei dem man sagt, dass ein Spieler Bundesligareife hätte. Dann schauen wir aufs Alter. Ist der Spieler jung, fangen wir an, uns mit ihm zu beschäftigen. Wollen wir zum Beispiel noch mal seine letzten hundert Kopfbälle sehen, drücken wir einfach auf den Knopf. So selektieren wir und entscheiden dann, wen wir uns live anschauen. Jeder Klub hat da seine eigene Philosophie. Ich habe auf jeden Fall noch nie einen Scout nach Südamerika oder Japan geschickt - und wir kommen auch klar.
Bei der Welt-Trainerwahl belegte Jürgen Klopp gerade Platz sechs, Ihr aktueller Coach Thomas Tuchel weckt in der Liga bei großen Klubs Interesse, und Verteidiger Jan Kirchhoff wird spätestens im Sommer zum FC Bayern wechseln. Ist Mainz eine Art Elite-Uni für den deutschen Fußballmarkt?
Dieser Vergleich ist sicher ein bisschen überzogen. Aber ich glaube, dass inzwischen die Branche öfter zu den vermeintlich kleineren Klubs nach Freiburg, Nürnberg oder Mainz schaut, wo sehr unaufgeregt und effizient gearbeitet wird.
Wie werden Trainer wie Klopp oder Tuchel zu Spitzenkräften?
Ich habe gelernt, dass das Wichtigste für einen Trainer ist, dass er sich seine Authentizität bewahrt. Es muss bleiben, wie er ist. Bei Klopp und Tuchel ist das so. Oder auch bei Christian Streich in Freiburg. Wenn dazu noch gutes Fachwissen, Teamfähigkeit und Kritikfähigkeit kommen, dann können aus Trainertalenten richtig gute Trainer werden; verfügt er auch noch über eine gewisse Ausstrahlung, dann auch ein Spitzentrainer.
Wie weit können Sie als Verein die Entwicklung eines Trainer-Talents mitsteuern?
Bei uns dürfen sich Trainer entwickeln. Wenn wir überzeugt sind, dass sie über die genannten Fähigkeiten verfügen, dürfen sie sich bei uns entfalten und im Job weiterlernen. Dazu gehört natürlich auch Mut. Hier in Mainz wird kein Trainer nach der dritten Niederlage in Folge entlassen. Kloppo und auch Thomas haben mal neun Spiele in Serie nicht gewonnen, und wir haben nicht eine einzige Sekunde über eine Veränderung nachgedacht.
Viele Unternehmen bauen sich den Führungsnachwuchs selbst auf. Haben Sie schon den Nachfolger von Thomas Tuchel im Visier?
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin mit unserem Trainer überglücklich, wir ergänzen uns gut, und Stand heute könnte er auch über 2015 hinaus verlängern. Egal, bis wann. Wenn aber trotzdem für Mainz 05 das Thema neuer Trainer irgendwann kommen sollte, wird es sicher keine schnelle Nullachtfünfzehn-Lösung geben. Mir wäre es dabei völlig egal, ob ein Trainer selbst Bundesligaspiele absolviert hätte, ob er schon Bundesligatrainer ist, jung oder alt wäre. Ich müsste nur das Gefühl haben, dass er willens und in der Lage ist, den Weg in der Art von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel weiterzugehen.
Jürgen Klopp und Dortmund wird aus berufenem Munde wie im Fall des Real-Trainers Mourinho schon zugetraut, die Champions League in dieser Saison zu gewinnen. Kriegt da Mainz nicht auch etwas vom Renommee ab? Merken Sie davon etwas?
Als wir in Spanien während des Trainingslager abends mal in der Kneipe saßen, kamen die Leute schon zu uns und sprachen uns darauf an. Natürlich steckt in Jürgen Klopp auch heute noch immer ein Stück Mainz 05 - und nicht zu knapp.
Mainz bleibt Mainz...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 15.01.2013, 15:54 Uhr