Home
http://www.faz.net/-gtm-xsk6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

0:5 in Barcelona Real Madrids Angriff auf den schönen Fußball

30.11.2010 ·  Barcelona demütigt Real mit Kurzpässen, Tricks und fünf Toren. Özil wird in seinem ersten clásico früh ausgewechselt, Khedira geht mit Madrid unter. Am Ende erfasst die Königlichen die Wut - mit dem Resultat: eine dunkelrote und sieben gelbe Karten.

Von Tobias Rabe
Artikel Bilder (26) Video (1) Lesermeinungen (7)

Sami Khedira war sich seiner Sache sicher. Mit dem VfB Stuttgart hatte der deutsche Nationalspieler im März in der Champions League mit 0:4 in Barcelona verloren. „Das wird nicht mehr passieren“, sagte er vor seinem zweiten Gastspiel im Camp Nou, diesmal mit seinem neuen Verein Real Madrid. Nach 93 Minuten wäre Khedira froh gewesen, wenn es das gleiche Ergebnis wie vor acht Monaten gegeben hätte.

Vielmehr unterlag Real im Klassiker mit 0:5. Barca erteilte dem Hauptstadt-Rivalen eine katalanische Lehrstunde in spielerischer Extraklasse, garniert mit den sehenswerten Toren von Xavi (10. Minute), Pedro (18.), zweimal Villa (55. und 58.) und Jeffren (90. plus 1). Und Real verlor nicht nur die Partie, sondern auch Sergio Ramos mit Roter Karte (90. plus 2) sowie die Tabellenführung.

Für Khedira und Landsmann Mesut Özil geriet ihr erster cláscio zum Albtraum. Während sich der defensive Mittelfeldspieler zwar gegen den Wirbel der Katalanen stemmte, aber in einer desaströsen Madrider Mannschaft mit unterging, wurde der offensivere Part des deutschen Doppelpacks schon zur Halbzeit ausgewechselt. Kaum einen Ball bekam Özil, und wenn doch, war er schneller wieder in Reihen der Gastgeber als ihm und Trainer José Mourinho lieb sein konnte. Das Duell der Schwergewichte Spaniens zeigte: In einer Liga mit den Weltstars Lionel Messi und Ronaldo, der als einziger im weißen Trikot für Torgefahr sorgte, spielt Özil trotz bisher guter Leistungen noch nicht.

Mourinho steht bedröppelt an der Seitenlinie

Vor dem Spiel waren die verbalen Flankenwechsel vor allem von Trainer Mourinho ausgegangen. Mit Chelsea und Inter hatte er Barcelona einst besiegt, das wollte er allen nochmal in Erinnerung rufen. Sein Gegenüber Pep Guardiola hatte seinen Spielern indes Interview-Sparsamkeit erteilt - auf einen Schlagabtausch der Worte wollte er sich gar nicht erst einlassen. Eine kluge Entscheidung. Barcelona fügte Mourinho nicht nur die erste Niederlage mit Real bei, die 98.000 Zuschauer verhöhnten ihn auch mit traductor-Rufen. Mourinho hatte als Barca-Übersetzter seine Karriere begonnen. Daran wollte sie ihn nun ihrerseits erinnern. Und so stand Mourinho bedröppelt an der Seitenlinie - aber ohne Regenschirm, wie einst Steve McClaren. Diese Angriffsfläche immerhin bot der Portugiese nicht.

Mourinho musste auf den Argentinier Gonzalo Higuain verzichten, den Rückenschmerzen plagten. Für ihn rückte Karim Benzema in vorderste Spitze. Dahinter sollte Özil für Ideen sorgen. Doch von Beginn an spielte nur eine Mannschaft - Barcelona. Die Weltmeister Xavi, Andres Iniesta als Basis eines jedes Angriffs sowie Pedro, Messi und David Villa als willkommene Empfänger ließen Real keine Sekunde der Orientierung. Der kunstvolle Pfostenschuss des Argentiniers aus dem Stand wie ein Tipp-Kick-Männchen hätte die Gäste aufwecken können, doch bis auf Ronaldo, der einen sechsfachen Übersteiger an der Seitenlinie auf den Rasen zauberte, befand sich Madrid im Tiefschlaf am Montagabend, auf den die Partie wegen der Parlamentswahlen in Katalonien am Sonntag verlegt worden war.

Nach zehn Minuten belohnte sich Barca. Iniestas millimetergenauen Pass touchierte Abwehrspieler Marcelo zwar noch, doch Empfänger Xavi wusste auch ohne Blickkontakt, wo der Ball war. Vom Rücken sprang er ihm nach einer schnellen Drehung vor die Füße - 1:0. Torwart Iker Casillas fühlte sich schon da ziemlich alleingelassen; es sollte nicht das letzte Mal an diesem kühlen Abend sein. Die Ballbesitzquote von 75 Prozent für Barcelona illustrierte die Verhältnisse. Xavis Verlagerung auf Villa war der Ausgangspunkt des 2:0. Der spanische Weltmeister ließ Landsmann Sergio Ramos mit einer Körpertäuschung einfach stehen, Casillas erwischte die Hereingabe nicht entscheidend, und Pedro schob ein.

Barca treibt Real mit Kurzpässen in den Wahnsinn

Erst nach 30 Minuten Lehrstunde schaltete Barca einen Gang zurück. Schüler Ronaldo war die Lust da schon längst vergangen. Stärke bewies er nur in der ersten Rudelbildung des Abends. Barca-Trainer Guardiola hatte den Ball, um einen schnellen Einwurf zu verhindern, an Ronaldo vorbeigeworfen, das ließ sich das Alphatier der Madrilenen nicht bieten - Gelb für den früheren Weltfußballer und Barcelonas Torwart Victor Valdes, der sich vor lauter Langeweile in seinem Strafraum auch ins Getümmel an der Seitenlinie geworfen hatte.

Wenig später kamen sich Ronaldo und der Schlussmann in dessen Hoheitsgebiet nochmal nahe, doch der an sich gute Schiedsrichter Iturraldo Gonzales verweigerte Real einen durchaus möglichen Elfmeter. Mit Lass Diarra für Özil setzte Mourinho zur zweiten Halbzeit eher auf Defensive als auf Aufholjagd. An den Kräfteverhältnissen auf dem Spielfeld veränderte auch diese personelle Rochade rein gar nichts. Mit präzisem Kurzpassspiel trieb Barca den Erzrivalen in den Wahnsinn - mit zwei Folgen.

Ramos' roter Angriff auf den schönen Fußball

Zum einen entschied Villa mit zwei Toren nach Traumpässen von Messi die Partie endgültig. Zum anderen provozierten Hackentricks und andere Kunststücke eine Tretwut bei den Real-Spielern. Allen voran Abwehrspieler Ricardo Carvalho tat sich unrühmlich hervor. Zwei Rote Karten hatte der Portugiese verdient, er bekam nur einmal Gelb, wie sechs Mannschaftskollegen, darunter auch Khedira, den auch die unötige Härte der Verlierer ergriff.

Den hässlichen Schlusspunkt - zuvor hatte der gerade erst eingewechselte Jeffren auf 5:0 erhöht - lieferte Reals Ramos in der Nachspielzeit, mit einem personifizierten Angriff auf den schönen Fußball. Dreißig Meter hetzte er Messi hinterher, um den kleinen Künstler brutal zu stoppen. Der Unparteiische verwies den Sünder sofort vom Platz. Die obligatorische Rudelbildung nutzte Ramos dann noch, um Carles Puyol, mit dem er bei der WM in Südafrika Seite an Seite den Titel geholt hatte, niederzustrecken, um dann auch noch Xavi mit der Hand ins Gesicht zu fassen. Eine unglaubliche Entgleisung - vor den Augen von 400 Millionen Menschen, die den clásico sahen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1983, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Improvisieren unter Zeitdruck

Von Michael Ashelm

Die Nationalelf setzt darauf, dass die frustrierten Münchner ihr neuen Anschub geben. Über genug Turniererfahrung und Reife verfügen die Leistungsträger. Zudem ist es ja nicht so, als hätten die Gegner keine Sorgen. Mehr