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Aktualisiert: 01.06.2014, 16:57 Uhr

Vorwürfe gegen Qatar-WM Zwanziger kritisiert die Fifa

Neue Enthüllungen belasten die korruptionsverdächtige Vergabe der Fußball-WM 2022 an Qatar. Nun fordert Fifa-Vorstandsmitglied Theo Zwanziger in der F.A.Z. vom Weltverband ein höheres Ermittlungstempo.

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© dpa Mehr Tempo, bitte: Theo Zwanziger drängt

Als Reaktion auf die neuen Enthüllungen um die korruptionsverdächtige WM-Vergabe an Qatar vor dreieinhalb Jahren hat das deutsche Fifa-Vorstandsmitglied Theo Zwanziger ein höheres Ermittlungstempo auf Seiten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) gefordert. „Die Sache drängt. Spätestens nach der WM in Brasilien erwartet die Öffentlichkeit Aufklärung, damit wir uns endlich von den vielen Spekulationen befreien können“, sagte Zwanziger am Sonntag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes sieht dafür die Fifa-Ethikkommission im Zugzwang, die über ihren Chefermittler Michael Garcia schon seit Monaten Material zu der umstrittenen WM 2022 in dem kleinen Wüstenemirat sammelt und dazu auch Zeugen innerhalb des Fifa-Vorstandes vernahm. Bisher aber hat der Vorsitzende der Fifa-Spruchkammer, der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert aus München, offenbar noch keine Ergebnisse aus dieser Investigationstätigkeit vorliegen.

„Garcia und Eckert sind zuständig“

„Zur Unabhängigkeit der Ethikkommission gehört auch die Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen. Und die erreichen wir jetzt nur durch eine zeitnahe Entscheidung durch die Vorlage des Untersuchungsberichts und ein daraus möglicherweise resultierendes Verfahren. Dafür sind Herr Garcia und Herr Eckert zuständig“, sagte Zwanziger der F.A.Z.

Fifa-Vizepräsident Jim Boyce aus Nordirland schloss unterdessen in einem Rundfunk-Interview eine neue Abstimmung über die Fußball-WM 2022 nicht aus, wenn sich der Verdacht der Korruption bei der Vergabe des Turniers an Qatar bestätigen sollte. „Wenn der Bericht vorliegt und zu dem Schluss kommt, dass ein Fehlverhalten zu dem Abstimmungsergebnis geführt hat, hätte ich als Mitglied des Exekutiv-Komitees kein Problem damit, wenn die Empfehlung eine Neuvergabe wäre“, sagte der 70 Jahre alte Nordire am Sonntag im Gespräch mit dem BBC-Rundfunksender Radio 5 Live.

Hand hoch - Hand auf? Mohammed bin Hammam soll doch im Dienste der qatarischen WM-Bewerbung bestoche © AFP Vergrößern Hand hoch - Hand auf? Mohammed bin Hammam soll doch im Dienste der qatarischen WM-Bewerbung bestochen haben (Foto vom Januar 2011)

Der englischen Zeitung „Sunday Times“ liegen Dokumente vor, die angeblich belegen, dass der ehemalige Fifa-Vizepräsident Mohamed Bin Hammam aus Qatar fünf Millionen Dollar an Fußballfunktionäre gezahlt haben soll, um sich deren Unterstützung für die WM-Bewerbung des Emirats zu sichern. Die Qatarer hatten bisher stets behauptet, dass ihr damaliger Spitzenfunktionär keine Rolle bei der WM-Kampagne gespielt hätte, was allerdings schon immer unglaubwürdig erschien.

So verfügte Bin Hammam zu dieser Zeit in jedem Fall über Sitz und Stimme im Fifa-Vorstand, galt darüber hinaus seit Jahren als mächtiger Strippenzieher hinter den Kulissen. Bei mehreren Präsidentschaftswahlen unterstützte er Fifa-Präsident Joseph Blatter bei dessen Machtabsicherung, bis sich die beiden Topfunktionäre schließlich überwarfen. Ende 2012 ist der Qatarer, der ein enger Freund des im vergangenen Jahr zurückgetretenen Emirs sein soll, von der Fifa lebenslänglich gesperrt worden. Die Ethikkommission warf Bin Hammam Stimmenkauf vor, als er 2011 versuchte, Blatter als Fifa-Chef abzulösen.

Zweifelhafter Einfluss der Qatarer

Die der „Sunday Times“ vorliegenden Unterlagen, darunter E-Mails, Briefe und Banküberweisungen, könnten jetzt beweisen, wie wohl aktiv Bin Hammam schon mindestens ein Jahr vor der WM-Entscheidung Ende 2010 Lobbyarbeit für Qatar betrieben hat. Die Zahlungen seien vornehmlich an Fußballoffizielle in Afrika geflossen, die Mehrheit der Empfänger hätte allerdings keine direkte Stimme bei der WM-Wahl gehabt, heißt es in dem Medienbericht. Die Strategie Bin Hammams könnte gewesen sein, durch Zuwendungen an Vertreter des afrikanischen Fußballs Druck zu machen auf die vier Fifa-Vorstandsmitglieder aus der afrikanischen Fußball-Konföderation.

Vielleicht aber ergibt sich irgendwann ein noch umfassenderes Bild über den zweifelhaften Einfluss der Qatarer bei der WM-Vergabe. Herausgestellt haben könnte sich ein weiterer Fakt in diesem anrüchigen Machtspiel. So besagen die Recherchen der „Sunday Times“, dass Bin Hammam auch die Anwaltskosten des ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Reynald Temarii (Tahiti) in Höhe von umgerechnet 305.000 Euro angeblich übernommen hätte, nachdem sich dieser gegen den Rauswurf aus dem höchsten Fifa-Gremium gewehrt hatte.

Suspendierung noch vor dem Wahltag

Der Hintergrund: Temarii war von englischen Journalisten im Vorfeld der WM-Vergabe 2010 reingelegt worden, als er sich bei einer verdeckten Kontaktaufnahme offen zeigte für Bestechungsgeld. Die Fifa suspendierte ihn deshalb vor dem Wahltag. Die Vermutung ist, dass Bin Hammam dem zwielichtigen Funktionär aus der Ozeanien nur deshalb unterstützt haben könnte, damit dieser so lange wie möglich den juristische Streitfall mit der Fifa fortführen konnte.

Die Folge war nämlich, dass zwar Temarii im Dezember 2010 nicht über die WM in Qatar abstimmen konnte, aber auch sein ozeanischer Vertreter David Chung (Papua-Neuguinea) aufgrund des laufenden Verfahrens damals nicht in den Fifa-Vorstand nachrückte. Der galt offenbar als Unterstützer der australischen WM-Bewerbung.

Qatar gerät immer mehr unter Druck

Von offizieller qatarischer Seite hieß es am Sonntag, man bleibe dabei: Bin Hammam sei weder offiziell noch inoffiziell im Dienste der Bewerbung tätig gewesen. Man kooperiere mit Ermittler Garcia, die Anschuldigungen werden „vehement“ zurückgewiesen. Bin Hammam meidet seit seinem Fifa-Rauswurf öffentliche Auftritte.

Das Emirat ist durch seine Ambitionen im Fußball allerdings immer mehr unter Druck geraten - an verschiedenen Fronten. Die qatarische Regierung hat zuletzt angekündigt, die Rechte für Gastarbeiter massiv zu stärken, nachdem durch ausländische Medien und in einem internen Untersuchungsbericht einer internationalen Anwaltskanzlei schwere Vorwürfe wegen der menschenunwürdigen Behandlung von Hunderttausenden Arbeitsmigranten erhoben worden waren.

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