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Theo Zwanziger im Interview : „Dem DFB fehlt politisches Verständnis“

Der Sport soll „Unterdrückten ein Gesicht“ geben: Zwanziger fordert Einsatz statt Lippenbekenntnissen Bild: dpa

Kritische Worte vor dem WM-Auftakt: Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger sagt im F.A.Z.-Interview, die Präsidenten Blatter, Niersbach und Bach sollen ihre gesellschaftlichen Aufgaben engagierter wahrnehmen. Und auch vom Bundestrainer erwartet er deutlich mehr.

          Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien hat Theo Zwanziger einen Frontalangriff auf den Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit seinem Präsidenten Wolfgang Niersbach gestartet. Der ehemalige Präsident bescheinigte dem Verband „kein ausreichendes politisches Verständnis“. Bundestrainer Joachim Löw, der wegen mehrerer Verkehrsvergehen seinen Führerschein verlor, warf er mangelndes Gespür für seine Vorbildrolle vor. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Mittwochausgabe vom 11. Juni 2014) sagte Zwanziger: „Wer Disziplin fordert, muss auch klar machen, dass er selbst diese Disziplin hat.“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch den Umgang des DFB mit der Entgleisung von Kevin Großkreutz in einem Berliner Hotel – der Nationalspieler urinierte in der Lobby – sieht Zwanziger kritisch. „Es muss sichtbar sein, dass so etwas von Leuten mit Vorbildfunktion nur sehr, sehr schwer hingenommen werden kann.“ Die Mannschaftsleitung hatte auf Konsequenzen verzichtet. Ein Spieler oder Trainer, der in der Öffentlichkeit stehe, „und der daraus – und aus seiner Leistung – so viel Popularität und Einkommen heraus holen kann, muss sich auch in seinem Verhalten deutlich vom Durchschnitt abheben“.

          Dass der DFB vor einem Testspiel im Mai in St. Pauli den Schriftzug „kein Fußball den Faschisten“ überkleben ließ, bezeichnete Zwanziger als „kaum zu begreifen“. Der Westerwälder mit Sitz in der Exekutive des Weltverbandes Fifa erklärte: „Wertorientiertes Handeln muss ständig praktiziert werden und gleichwertig neben den Vip-Logen in der Bundesliga stehen.“

          DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: „Es ist schade, dass er schweigt, und dieses Schweigen ist der Grund dafür, dass ich dieses Interview gebe“, sagt Zwanziger.

          Dass Niersbach nicht bereit war, im Rahmen einer Dokumentation zur Ermordung der Deutschen Elisabeth Käsemann 1977 in einem argentinischen Foltergefängnis Stellung zu beziehen, nannte Zwanziger „schade“. In dem Film wird dem früheren DFB-Präsidenten Hermann Neuberger Kooperation mit dem mörderischen Militärregime vorgeworfen – der Fußball hätte das Leben der Frau retten können. „Es wäre nach meiner Einschätzung richtig gewesen, sich als oberster Repräsentant des DFB einem solch schrecklichen Missbrauch des Sports zu stellen, zumal er selbst bei seinem Amtsantritt gesagt hat, er würde sich in der Nachfolge Neubergers sehen.“

          Auch die Fifa, den europäischen Fußballverband Uefa und das Internationale Olympische Komitee (IOC) nahm Zwanziger ins Visier. Angesichts der drohenden gewalttätigen Demonstrationen an den WM-Austragungsorten prangert Zwanziger schwere Versäumnisse der Fifa mit Blick auf deren gesellschaftliche Verantwortung an. „Man sollte sich künftig auch mit der sozialen Lage in den Veranstaltungsländern viel früher auseinandersetzen.“ In den Satzungen von Fifa, Uefa und DFB stehe, dass man sich entschieden gegen Diskriminierung und für Integration einsetzen müsse. „Wenn man das in seiner Satzung als Ziel aufgenommen hat, dann muss man das auch sichtbar machen.“

          Auch auf das Verhalten von Thomas Bach, des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) während der Olympischen Winterspiele in Sotschi, dehnte Zwanziger seine Kritik aus. „Man kann Putin treffen, aber eben auch Oppositionelle. Deswegen wäre das IOC nicht weggeschickt worden.“ Für Demokratie und Menschenrechte müsse immer gekämpft werden. „Wer das nicht begreift, hat auch die Aufgabenstellung, die ihm in einem großen Sportverband übertragen ist, ein Stück weit verfehlt.“

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