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Rassismus bei der WM : „Die Fifa hat sich entschieden, wegzusehen“

Mexikanische Fans (in Fortaleza beim Spiel gegen Brasilien): „im gesamten Turnier homophobe Beleidigungen“ Bild: AFP

Homophobe Lateinamerikaner, rechtsextreme Europäer: Die Liste der Zwischenfälle bei der WM, die das Anti-Rassismusnetzwerk Fare zusammengestellt hat, zeigt, wie nötig entschiedene Schritte der Fifa wären. Der Ausblick auf Russland 2018 lässt Schlimmes befürchten.

          Das europäische Anti-Rassismus-Netzwerk Fare (Football against racism in Europe) hat vor Ende der Fußball-Weltmeisterschaft eine Aufstellung rassistischer und homophober Zwischenfälle bei Spielen in Brasilien veröffentlicht und dem Internationalen Fußballverband Fifa vorgeworfen, die Probleme zu ignorieren.

          „Es ist eine Schande, dass sich die Fifa anscheinend entschieden hat, wegzusehen“, äußerte Piara Powar, der Vorsitzende des Netzwerks gegenüber dieser Zeitung. Die Fifa hatte vor Turnierbeginn abgelehnt, das Angebot von Fare anzunehmen, Fanbeobachter in den Stadien zuzulassen, wie es die Europäische Fußball-Union Uefa während der Europameisterschaften macht. Während die Fifa dafür keinen Bedarf sah, listet Fare nun Zwischenfälle bei zwölf Spielen aus der Vorrunde auf. „Wir sind uns sicher, dass Beobachter uns auch in der K.o.-Phase des Turniers von deutlich mehr Zwischenfällen berichtet hätten“, schrieb Powar in einer Email.

          Zudem hatte es die Disziplinarkommission der Fifa, der, mit einer Ausnahme, alle Vorfälle gemeldet worden waren, in allen Fällen abgelehnt, Strafen zu verhängen. Dies hatte zu scharfer Kritik aus der Fifa selbst geführt. Jeffrey Webb, der Vorsitzende der Fifa-Task-Force gegen Rassismus, hatte in der vergangenen Woche in Rio de Janeiro gesagt, die Fifa müsse ihre Aufgaben „viel besser“ erledigen.

          Claudio Sulser, Vorsitzender der Disziplinarkommission, hatte den Verzicht auf Strafen damit begründet, dass es teilweise schwierig gewesen sei, herauszufinden, welcher Nationalität Zuschauer gewesen seien und zudem Beleidigungen gegen mehr als einen Spieler gerichtet waren. Powar sieht dagegen dringenden Handlungsbedarf: „Wir vertrauen darauf, dass es künftig ein System zum Umgang mit diesen Zwischenfällen geben wird. Ohne Kenntnis und Verständnis für die Realität ist es unmöglich, mit Menschen zu arbeiten und Aufklärung zu leisten.“

          In jedem Fall seien die dokumentierten Zwischenfälle Ausdruck der besonders in Lateinamerika weit verbreiteten Homophobie im Sport. Fare kritisiert insbesondere das „feindselige Verhalten mexikanischer Medien und einiger Politiker“, nachdem die beleidigenden Rufe der mexikanischen Fans an die Fifa weitergegeben worden waren.

          Noch besorgniserregender seien allerdings die rechtsextremen und neonazistischen Tendenzen unter europäischen Fans. Sie seien durch die Wirtschaftskrise in Europa in den vergangenen zwei Jahren stark gewachsen und auch in Brasilien zum Ausdruck gekommen. „Besonders besorgniserregend“ sei die Situation in Russland, dem Gastgeber der nächsten WM, wegen des „Ausmaßes an Intoleranz unter rechtsextremen Gruppen.“ Er habe keinen Zweifel, dass es in den kommenden Jahren im Vorfeld der Weltmeisterschaft eine Reihe „großer Zwischenfälle“ in Russland geben werde, schreibt Powar.

          Die Zwischenfälle aus dem Bericht

          12. Juni, Brasilien – Kroatien: Faschistisches Plakat der kroatischen Fans im Stadion und in Rio de Janeiro.
          13. Juni, Mexiko – Kamerun: Homophobe Gesänge der mexikanischen Fans gegen den gegnerischen Torwart. Der Bericht hält fest, dass die mexikanischen Fans „im gesamten Turnier“ durch homophobe Gesänge aufgefallen seien, die von der Fifa als „nicht-diskrimierend“ gewertet worden seien.
          13. Juni, Spanien – Niederlande: Homophobe Beleidigungen brasilianischer Fans gegen den spanischen Stürmer Diego Costa.
          16. Juni, Deutschland – Portugal: Ein deutscher Fan zeigt die Reichskriegsflagge.
          17. Juni, Brasilien – Mexiko: Homophobe Beleidigungen beider Fanlager gegen die jeweils gegnerischen Torhüter.
          17. Juni, Russland – Südkorea: Russische Fans zeigen diverse Nazi- und Neonazisymbole, darunter das Abzeichen der SS-Division Totenkopf
          19. Juni, Uruguay - England: Raissistische Beleidigungen unter englischen Fans, einem Engländer wird von einem Landsmann das Ohr abgebissen. Diese Zwischenfälle wurden der Fifa nicht gemeldet.
          19. Juni, Kolumbien – Elfenbeinküste: Ein kolumbianischer Fan trägt ein Priestergewand, das mit Hakenkreuzen verziert ist.
          20. Juni, Schweiz – Frankreich: Französische Fans schminken sich schwarz und verkleiden sich als „schwarze Hausmädchen“.
          21. Juni, Deutschland – Ghana: Ein später identifizierter Flitzer trägt auf seinem Körper Neonazi-Codes. Zudem schminken sich mehrere deutsche Fans schwarz und tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Ghana“.
          26. Juni, Algerien – Russland: Russische Fans zeigen Neonazisymbole.

          Zudem hatte ein belgischer Fan ebenfalls sein Gesicht schwarz geschminkt, der Vorfall wurde ebenfalls an die Fifa weitergegeben.

          Quelle: FAZ.NET

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