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Kroatiens Danijel Subašić : Ein Torhüter und die Last der Erinnerung

Gefeierter Rückhalt: Ivan Rakitic jubelt mit Torhüter Danijel Subasic Bild: Reuters

Der kroatische Torhüter Danijel Subašić wird den Schmerz nicht los. Der Tod eines Mitspielers verfolgt ihn auch ins WM-Halbfinale gegen England.

          Der Schmerz, er ist immer da, wenn Danijel Subašić spielt. Weit entfernt, kaum spürbar, aber da. Der Schmerz über den Tod eines Freundes, der starb, weil sein Torwart den Ball zu weit geschlagen hatte.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Am Samstag in Sotschi war da noch ein anderer Schmerz, erst nur leicht, hinten im Oberschenkel, schon vor Anpfiff des Viertelfinals gegen Russland. Dann, gegen Ende der regulären Spielzeit, explodierte er. Sein Gesicht in diesem Moment, verzerrt vor Schmerz und Enttäuschung zugleich, sah aus wie das Ende der Geschichte dieser WM für Danijel Subašić und vielleicht auch für Kroatien. Dabei fing sie erst richtig an.

          Die minutenlange Behandlung, bäuchlings auf dem Rasen, während der Physio den Schenkel massierte, das vorsichtige Weiterspielen, weil das Team nicht mehr wechseln konnte, die Parade gegen den überraschenden Schuss von Smolow in der Nachspielzeit. Das Weitermachen auch in der Verlängerung, in der zwar eine zusätzliche Auswechslung möglich war, Subašić aber wusste, „dass der Trainer sie für einen anderen brauchen würde“, weil die Kroaten immer erschöpfter waren – und schließlich, im Elfmeterschießen, fast im Sitzen, die letztlich entscheidende Parade wieder gegen Smolow.

          Talisman des Teams

          Bei all den dramatischen Beigaben dieser Geschichte, der Selbstüberwindung, der Last der Erinnerung, könnte man fast übersehen, dass Subašić, mit AS Monaco 2017 französischer Meister und Halbfinalist der Champions League, ein wirklich sehr guter Torwart ist, gerade beim Elfmeter. Seine Karrierebilanz ist auch ohne die vier gehaltenen Bälle in den beiden Elfmeterschießen gegen Dänemark und Russland herausragend. Von fünfzig Strafstößen aus dem Spiel heraus hat er 17 gehalten, mehr als jeden dritten, was nur mit den Quoten der „Welttorhüter“ Manuel Neuer (18 von 52) und Gianluigi Buffon (31 von 101) und mit der des weltbesten Torwarts unter dreißig, des Slowenen Jan Oblak (zwölf von 33), vergleichbar ist.

          Fussball-WM 2018

          Trotzdem war Subasic im kroatischen Team stets der Mann im Hintergrund. Andere glänzten. Erst gegen Dänemark und Russland wurde er zum Helden – und seine Geschichte eine der bleibenden der WM, egal wie es weitergeht an diesem Mittwoch in Moskau gegen England, egal wie weit die Kroaten noch kommen. So oder so ist er jetzt ihr Talisman. Ihr trauriger Glücksbringer.

          Schuldlos schuldig

          Als Subasic nach dem Sieg gegen Russland unter dem Pulk der Mitspieler wieder aufgetaucht war, setzte er an, sein Trikot zu heben, wie nach dem Spiel gegen Dänemark. Eine Mitarbeiterin aus dem Betreuerstab, Iva Oliveri, zog es geistesgegenwärtig wieder hinunter. Subasic umarmte sie und lächelte zartbitter. Weil er nicht durfte, was er wollte: wieder das Bild von Hrvoje Custic zeigen, das er seit zehn Jahren in jedem Spiel bei sich trägt, auf dem T-Shirt unter dem Trikot.

          2008, in einem Erstligaspiel mit NK Zadar gegen HNK Cibalia, strauchelte Custic, der einen Abschlag von Subasic erlaufen wollte, prallte mit dem Kopf gegen eine Betonmauer wenige Meter neben der Außenlinie und starb wenige Tage später – eine Tragödie, für die sich Subasic mitverantwortlich fühlte, schuldlos schuldig. „Ich fragte mich, warum ich diesen Ball gespielt hatte. Ich sagte mir, dass er noch leben würde, hätte ich es nicht getan.“ Noch vier Tage nach dem Sieg gegen Dänemark brach er bei einer Pressekonferenz in Sotschi auf die Frage nach Custic in Tränen aus. Als er Minuten später wieder Worte fand, entschuldigte er sich für „diese verdammten Tränen und verfluchten Emotionen“.

          Einsamkeit des Schlussmanns: Daniejel Subasic empfindet sie ganz besonders

          Als wäre diese tragische Erinnerung nicht genug, verfolgen ihn auch die Altlasten des Jugoslawien-Konflikts. Nach den Heldentaten in Russland versucht Serbiens Politik und Propaganda, Subašić als einer der Ihren zu vereinnahmen – weil sein Vater Jovo (die serbische Form des Namens Johann) zwar Kroate ist, aber dem orthodoxen Glauben anhängt. „Ich weiß nicht, wie oft ich sagen muss, dass ich Kroate und Katholik bin“, sagt Subasic. „Kroatien ist meine Heimat.“

          Einer Fifa-Strafe entgangen

          Politische Unruhe kam auch aus dem kroatischen Lager selber, durch Assistenztrainer Ognjen Vukojević und Verteidiger Domagoj Vida. Sie widmeten den Sieg gegen Russland in einem über soziale Medien verbreiteten Video der unter russischer Aggression leidenden Ukraine, wo beide jahrelang für Dynamo Kiew gespielt hatten. Der kroatische Verband entließ Vukojević, der einen „Ruhm der Ukraine“ angestimmt hatte, und entschuldigte sich „bei der russischen Öffentlichkeit“ für die Äußerungen, die „in keiner Weise eine politische Konnotation“ besäßen, aber „unglücklicherweise Raum für derartige Interpretationen“ gelassen hätten.

          Vida, der nach seinen Toren in der Verlängerung und im Elfmeterschießen erklärt hatte, „dieser Sieg ist für Dynamo und die Ukraine“, kam mit einer Verwarnung durch die Fifa davon. Eine, wie sie übrigens auch Danijel Subašić erhalten hatte – für die Enthüllung des Bildes mit dem toten Freund und der Aufschrift „Forever“ (deshalb auch sein Dank an Iva Oliveri, die das beim zweiten Mal verhinderte und ihn vor einer Strafe als Wiederholungstäter bewahrte). Eine Verwarnung der Fifa also, dieser weithin gerühmten moralischen Instanz des Sports, die mit ihrem ganzen Feingefühl für wirklich schlimme Verfehlungen solche „privaten Botschaften“ bei der WM verbietet.

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