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Veröffentlicht: 06.06.2014, 09:24 Uhr

Fußball-WM in Brasilien Seiltanz ohne Plan B

Streiks legen São Paulo lahm, aber Fifa-Präsident Blatter und sein Generalsekretär Valcke verbreiten für die WM Zuversicht. Der brasilianische Sportminister gibt wenigstens zu, dass er keinen Plan B hat.

von , São Paulo
© dpa Seiltanz vor dunklen Wolken: Fußball-WM in Brasilien

Fifa-Generalsekretär Jerôme Valcke hat keine Angst: „Wir haben alles unter Kontrolle.“ Fifa-Präsident Joseph Blatter ist zuversichtlich: „Wenn der Ball erst einmal rollt, dann wird sich Begeisterung im Land ausbreiten.“ Der brasilianische Sportminister Aldo Rebelo gibt immerhin zu, dass es keinen Plan B gibt für den Fall, dass während des Turniers Streiks oder Proteste die Zufahrt zu einem WM-Stadium faktisch blockieren sollten: „Mit dieser Hypothese arbeiten wir nicht.“

Matthias Rüb Folgen:

Doch diese Hypothese ist am Donnerstagabend Wirklichkeit in São Paulo, als der Weltfußballverband Fifa gemeinsam mit dem örtlichen Organisationskomitee für die WM im Grand Hyatt Hotel vor die Presse tritt. Die Angestellten der U-Bahn von São Paulo sind in einen unbefristeten Streik getreten: Auf zwei der fünf Linien verkehren überhaupt keine Züge, auf den anderen drei Linien fahren sie nur unregelmäßig. Es herrscht ein gewaltiges Verkehrschaos, auf den Straßen der Stadt staut sich der Verkehr auf einer Gesamtlänge von mehr als 200 Kilometern Länge. Pendler sind aufgebracht, denn schon Ende Mai war es beim Streik der Busfahrer zu ähnlich chaotischen Verhältnissen gekommen.

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Im Bahnhof Itaquera, in unmittelbarer Nähe des Stadions „Arena Corinthians“ im Osten der Stadt, dem Austragungsort des Eröffnungsspiels der WM zwischen Brasilien und Kroatien am 12. Juni, richten gestrandete Fahrgäste beträchtliche Schäden an. Hunderte machen sich zu Fuß auf den Gleisen auf den Weg. „Wir müssen doch zur Arbeit kommen“, sagen sie.


FIFA Executive Committee meeting in Sao Paulo © dpa Vergrößern Blatter ist sicher: „Wenn der Ball erst einmal rollt, dann wird sich Begeisterung im Land ausbreiten“

In der Nacht zum Freitag ist keine Lösung in Sicht. Die Positionen von Gewerkschaften und Bundesstaat São Paulo, der die Bahnen betreibt, sind verhärtet. Die Arbeitervertreter fordern eine mindestens zweistellige Gehaltserhöhung und wollen den Ausstand fortsetzen. Jurandir Fernandes, der Verkehrsminister des Bundesstaats, in dem ein Viertel der mehr als 200 Millionen Einwohner Brasiliens lebt und der für ein Drittel der Wirtschaftskraft des Landes verantwortlich ist, bekräftigt das Durchhaltevermögen auch der der Arbeitnehmerseite. „Wenn wir ihnen mehr als zehn Prozent Lohnerhöhung geben, dann werden alle anderen Angestellten des Staates das auch fordern“, warnt er.

Die Szene bei der Pressekonferenz in dem Hotel im fassadenglitzernden Herzen der Wirtschaftsmetropole ist seltsam entrückt von der Wirklichkeit des Landes. Bei Fragen an den Fifa-Generalsekretär, warum es zwischen der Vergabe der WM an Brasilien vom Oktober 2007 bis heute zu so vielen Verzögerungen beim Stadionbau und bei den Verkehrsprojekten gekommen sei, gibt Valcke immer wieder dem brasilianischen Regierungsmitglied Rebelo das Wort. Der erwidert dann, dass die Verantwortlichen auf allen drei Ebenen der Verwaltung – von den zwölf Städten mit WM-Stadien über die Teilstaaten bis zur Bundesregierung in Brasília – rund um die Uhr im Einsatz sein würden, um für die Sicherheit aller und für den geordneten Verlauf des Turniers zu sorgen. „Deshalb glauben wir, dass wir in jedem Austragungsort alles gemäß den höchsten Erwartungen realisieren werden“, sagt der Minister.

29560376 © AP Vergrößern Chaos in Sao Paulo: Streiks der U-Bahnfahrer legen die ganze Stadt lahm

Es ist, als müssten die Fifa und ihre brasilianischen Partner jeweils böse Geister der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart verscheuchen. Die Glaubwürdigkeit des Weltfußballverbands Fifa, der sich ohnedies seit Jahr und Tag mit Korruptions- und Nepotismusvorwürfen konfrontiert sieht, ist wegen der obskuren Umstände der Vergabe der WM 2022 an Qatar vollends auf einem Tiefpunkt angelangt.

In der kommenden Woche werden die Spitzengremien der Fifa über den internen Untersuchungsbericht wegen möglicher Bestechung in Millionenhöhe bei der Vergabe der WM an das Golf-Emirat beraten. Zugleich soll über Reformen wie die Einführung einer Altersgrenze für Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa und einer Begrenzung von deren Amtszeiten gestritten und möglicherweise abgestimmt werden. Generalsekretär und Präsident der Fifa wollen auf Nachfragen nach dem Stand der Debatte und deren möglichem Ausgang nichts sagen. Sondern sie verweisen auf die Entscheidung des Fifa-Kongresses zu der Sache am 10. und 11. Juni. „Das ist Demokratie“, sagt Blatter. Der Fifa-Chef bekräftigt zum Schluss: „Man kann es nicht allen recht machen.“

29560355 © AFP Vergrößern Jerôme Valcke hat keine Angst: „Wir haben alles unter Kontrolle“

Über die Unmöglichkeit des allgemeinen Glücks für alle Menschen hätten Philosophen schon ganze Bücher verfasst. In Brasilien jedenfalls, so Blatter, werde man „die beste WM überhaupt“ erleben, die „Copa das Copas“ eben, wie die Formel lautet, auf die sich alle brasilianischen Regierungsvertreter seit Monaten eingeschworen haben.
Sportminister Rebelo und der Chef des brasilianischen Fußballverbands zeigen sich ihrerseits indigniert, dass sie immer wieder mit Fragen nach den Verzögerungen beim Stadionbau und bei Infrastrukturprojekten sowie nach den Folgen der Arbeitskämpfe und Proteste gefragt werden. José Maria Marín, Chef des Fußballverbandes CBF, sagt dann: „Die Mehrheit der Brasilianer ist glücklich und aufgeregt, dass die WM endlich losgeht.“

Und Sportminister Aldo Rebelo versichert, dass die drei Ebenen der Verwaltung in koordinierter Form und jede für sich 24 Stunden am Tag im Einsatz seien. Vielleicht wird vom Anpfiff der WM in sechs Tagen in São Paulo bis zum Endspiel am 13. Juli in Rio de Janeiro wirklich alles vergessen sein, was Brasiliens Politik und Gesellschaft in den letzten Monaten umgetrieben hat. Vielleicht auch nicht.

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