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Veröffentlicht: 09.07.2014, 05:30 Uhr

Triumph gegen Brasilien Unvorstellbar, unfassbar, unbegreiflich

Vier Treffer in sechs Minuten: Deutschland feiert das Fußball-Wunder von Belo Horizonte. Doch während sich die Fans die Augen reiben, herrscht bei den Spielern „kein Überschwang“, sagt Bundestrainer Jogi Löw. Die Mannschaft will sich noch steigern.

von , Belo Horizonte

Es war alles so unwirklich, dass sie manchmal gar nicht genau wussten, wohin mit ihrer Freude.  Dabei hatten sie einen Triumph gefeiert, wie es ihn in der Geschichte des deutschen Fußballs so noch nie gegeben hat. 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien: unfassbar. 7:1 gegen den fünfmaligen Weltmeister in Belo Horizonte: unvorstellbar. 7:1 gegen den ersten Titelfavoriten im Estadio Mineirao: unbegreiflich. Schöner noch: Nun winkt am am Sonntag im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro zum vierten Mal nach 1954, 1974 und 1990 der Weltmeistertitel für Deutschland im Duell mit dem Gewinner des zweiten Halbfinales an diesem Mittwochabend zwischen Argentinien und den Niederlanden. Es ist das Traumziel, auf das die erste Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes bei diesem Turnier von Anfang an fokussiert war.

Roland Zorn Folgen:

Sie hat sich für ihre Krönung am Dienstag schon einmal wärmstens empfohlen. So  brachten die Deutschen nach Thomas Müllers frühem Führungstor nach elf Minuten das Kunststück fertig, binnen sechs Minuten vier weitere Treffer zu erzielen: durch Miroslav Klose, der bei seiner vierten WM-Teilnahme mit seinem 16. WM-Tor den fassungslos zuschauenden Brasilianer Ronaldo als Rekordschütze abgelöst hat, durch den überragenden Toni Kroos (24./26.) und den fast genauso starken Sami Khedira: ein Traum, den niemand zu träumen gewagt hatte.

Brasiliens Nacht der Leiden 90 Minuten voller Leiden: Marcelo kann das brasilianische Debakel nicht mehr ertragen © REUTERS Bilderstrecke 

Wohl auch deshalb und aus Respekt vor einem großen Gegner, der sich diesmal klein wie nie gemacht hatte, freuten sich die Profis aus der Bundesliga, der Premier League und der Primera División eher verhalten als ausgelassen über ein 5:0 zur Pause, das danach durch Schürrles zwei Tore noch auf 7:0 aufgestockt wurde (58./69.), ehe auch Brasilien einmal an der Reihe war durch Oscars 1:7 (90.).

Nichts, was die weinenden und vollkommen deprimierten Brasilianer noch irgendwie trösten konnte. Mats Hummels, bei Halbzeit wegen einer Reizung im Kniegelenk sicherheitshalber herausgenommen, beschrieb den Moment, da es 4:0 für das Team von Bundestrainer Joachim Löw stand, so: „Ich habe gedacht, das ist ja nicht zu glauben, und als dann die ganze Bank auch noch auf den Platz gelaufen kam, war es, als ob der Schiedsrichter schon abgepfiffen hätte.“

Pfiffe gegen die Brasilianer

Tatsächlich ging das Leiden der Brasilianer weiter, immer weiter. Als es endlich vorbei war und der höchste Halbfinaltriumph in der Geschichte der Weltmeisterschaftsturniere feststand, brachen bei den Brasilianern alle Dämme. Die einen buhten und pfiffen ihre Mannschaft nach Leibeskräften aus, andere weinten bitterlich wie Torschütze Oscar, den der am Dienstag gesperrte Kapitän Thiago Silva minutenlang tröstend in den Arm nahm.  Andere, wie der Münchner Bundesligaprofi Dante, wurden von ihren deutschen Freunden und Gegenspielern getröstet – etwa vom nun schon fünffachen Torschützen Thomas Müller, der sich wieder einmal als Sportsmann par excellence erwies.

Müller fand auch nach dem Spiel die richtigen Worte, als er seine Gefühle beim Blick auf die entsetzten und in ihrem Stolz tief getroffenen Südamerikaner so beschrieb: „So ein Spiel und Ergebnis hatten die Brasilianer eigentlich nicht verdient, da standen ja auch großartige Spieler auf dem Platz.“ Die aber hätten sich am liebsten irgendwohin verkrochen, so fürchterlich war dieser Abend für sie. Erstmals wieder seit 1975 hatte Brasilien ein Pflichtspiel vor eigenem Publikum verloren, und wie. Am Dienstag bröckelte der Nimbus einer Fußballgroßmacht, die mit ihrer Hauptrolle bei einer WM vor eigenem Publikum überhaupt nicht zurecht kam. „Mitleid“, sagte der deutsche Kapitän Philipp Lahm, „ist fehl am Platz im Fußball, Mitgefühl hat man aber immer. Ich weiß von 2006, wie bitter das ist, wenn man im eigenen Land ein Halbfinale verliert.“

Damals unterlag das seinerzeit noch von Jürgen Klinsmann trainierte Team Italien in Dortmund 0:2 nach Verlängerung. Diesmal aber war alles viel, viel schlimmer. Während Brasilien sich im Spiel um Platz drei am Samstag in Brasilia gegen den Verlierer der anderen Halbfinalbegegnung zwischen Argentinien und den Niederlanden noch den Trostpreis abholen kann, freuen sich die Deutschen auf ihr großes WM-Finale. Favorit sind sie seit dem Erdrutscherfolg über die Brasilianer jetzt schon, doch keiner der Spieler kam deswegen überschwänglich oder gar großspurig daher. Hummels zum  Beispiel warnte, gleich gegen wen es geht, vor einem „extrem intensiven Spiel, in dem wie uns darauf einstellen sollten, dass es nicht leicht wird“.

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