http://www.faz.net/-gaq-7re86

Triumph gegen Brasilien : Unvorstellbar, unfassbar, unbegreiflich

Bild: REUTERS

Vier Treffer in sechs Minuten: Deutschland feiert das Fußball-Wunder von Belo Horizonte. Doch während sich die Fans die Augen reiben, herrscht bei den Spielern „kein Überschwang“, sagt Bundestrainer Jogi Löw. Die Mannschaft will sich noch steigern.

          Es war alles so unwirklich, dass sie manchmal gar nicht genau wussten, wohin mit ihrer Freude.  Dabei hatten sie einen Triumph gefeiert, wie es ihn in der Geschichte des deutschen Fußballs so noch nie gegeben hat. 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien: unfassbar. 7:1 gegen den fünfmaligen Weltmeister in Belo Horizonte: unvorstellbar. 7:1 gegen den ersten Titelfavoriten im Estadio Mineirao: unbegreiflich. Schöner noch: Nun winkt am am Sonntag im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro zum vierten Mal nach 1954, 1974 und 1990 der Weltmeistertitel für Deutschland im Duell mit dem Gewinner des zweiten Halbfinales an diesem Mittwochabend zwischen Argentinien und den Niederlanden. Es ist das Traumziel, auf das die erste Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes bei diesem Turnier von Anfang an fokussiert war.

          Roland Zorn

          Sportredakteur.

          Sie hat sich für ihre Krönung am Dienstag schon einmal wärmstens empfohlen. So  brachten die Deutschen nach Thomas Müllers frühem Führungstor nach elf Minuten das Kunststück fertig, binnen sechs Minuten vier weitere Treffer zu erzielen: durch Miroslav Klose, der bei seiner vierten WM-Teilnahme mit seinem 16. WM-Tor den fassungslos zuschauenden Brasilianer Ronaldo als Rekordschütze abgelöst hat, durch den überragenden Toni Kroos (24./26.) und den fast genauso starken Sami Khedira: ein Traum, den niemand zu träumen gewagt hatte.

          90 Minuten voller Leiden: Marcelo kann das brasilianische Debakel nicht mehr ertragen Bilderstrecke
          Das Spiel in Bildern : Brasiliens Nacht der Leiden

          Wohl auch deshalb und aus Respekt vor einem großen Gegner, der sich diesmal klein wie nie gemacht hatte, freuten sich die Profis aus der Bundesliga, der Premier League und der Primera División eher verhalten als ausgelassen über ein 5:0 zur Pause, das danach durch Schürrles zwei Tore noch auf 7:0 aufgestockt wurde (58./69.), ehe auch Brasilien einmal an der Reihe war durch Oscars 1:7 (90.).

          Nichts, was die weinenden und vollkommen deprimierten Brasilianer noch irgendwie trösten konnte. Mats Hummels, bei Halbzeit wegen einer Reizung im Kniegelenk sicherheitshalber herausgenommen, beschrieb den Moment, da es 4:0 für das Team von Bundestrainer Joachim Löw stand, so: „Ich habe gedacht, das ist ja nicht zu glauben, und als dann die ganze Bank auch noch auf den Platz gelaufen kam, war es, als ob der Schiedsrichter schon abgepfiffen hätte.“

          Pfiffe gegen die Brasilianer

          Tatsächlich ging das Leiden der Brasilianer weiter, immer weiter. Als es endlich vorbei war und der höchste Halbfinaltriumph in der Geschichte der Weltmeisterschaftsturniere feststand, brachen bei den Brasilianern alle Dämme. Die einen buhten und pfiffen ihre Mannschaft nach Leibeskräften aus, andere weinten bitterlich wie Torschütze Oscar, den der am Dienstag gesperrte Kapitän Thiago Silva minutenlang tröstend in den Arm nahm.  Andere, wie der Münchner Bundesligaprofi Dante, wurden von ihren deutschen Freunden und Gegenspielern getröstet – etwa vom nun schon fünffachen Torschützen Thomas Müller, der sich wieder einmal als Sportsmann par excellence erwies.

          Müller fand auch nach dem Spiel die richtigen Worte, als er seine Gefühle beim Blick auf die entsetzten und in ihrem Stolz tief getroffenen Südamerikaner so beschrieb: „So ein Spiel und Ergebnis hatten die Brasilianer eigentlich nicht verdient, da standen ja auch großartige Spieler auf dem Platz.“ Die aber hätten sich am liebsten irgendwohin verkrochen, so fürchterlich war dieser Abend für sie. Erstmals wieder seit 1975 hatte Brasilien ein Pflichtspiel vor eigenem Publikum verloren, und wie. Am Dienstag bröckelte der Nimbus einer Fußballgroßmacht, die mit ihrer Hauptrolle bei einer WM vor eigenem Publikum überhaupt nicht zurecht kam. „Mitleid“, sagte der deutsche Kapitän Philipp Lahm, „ist fehl am Platz im Fußball, Mitgefühl hat man aber immer. Ich weiß von 2006, wie bitter das ist, wenn man im eigenen Land ein Halbfinale verliert.“

          Damals unterlag das seinerzeit noch von Jürgen Klinsmann trainierte Team Italien in Dortmund 0:2 nach Verlängerung. Diesmal aber war alles viel, viel schlimmer. Während Brasilien sich im Spiel um Platz drei am Samstag in Brasilia gegen den Verlierer der anderen Halbfinalbegegnung zwischen Argentinien und den Niederlanden noch den Trostpreis abholen kann, freuen sich die Deutschen auf ihr großes WM-Finale. Favorit sind sie seit dem Erdrutscherfolg über die Brasilianer jetzt schon, doch keiner der Spieler kam deswegen überschwänglich oder gar großspurig daher. Hummels zum  Beispiel warnte, gleich gegen wen es geht, vor einem „extrem intensiven Spiel, in dem wie uns darauf einstellen sollten, dass es nicht leicht wird“.

          Weitere Themen

          Mit Kroos nach Dortmund Video-Seite öffnen

          Real Madrid : Mit Kroos nach Dortmund

          Der Titelverteidiger hat deutschen Boden betreten: Real Madrid ist für das Champions-League-Spiel in Dortmund angereist. Mit dabei ist Weltmeister Toni Kroos.

          Topmeldungen

          Merkel nach der Wahl : Die Unerschütterliche

          Angela Merkel hätte, nachdem der Union so viele Wähler davongelaufen sind, Grund genug, ihre Politik zu ändern. Doch die Kanzlerin will das nicht erkennen. Ein Kommentar.
          Emmanuel Macron an der Sorbonne.

          Macrons Europa-Rede : Albtraum für Paris

          Frankreichs Präsident stellt seine Vision für Europa vor. Doch für ihn könnte ein Albtraum wahr werden: In einer Jamaika-Koalition säße die FDP, die unter neuer Führung klar gegen den Irrweg Transferunion Stellung bezieht. Ein Kommentar.

          Die AFD im Bundestag : Die Geister, die Gauland rief

          Eine Spaltung der AfD-Fraktion steht nach dem Austritt von Frauke Petry nicht an. Die Botschaft an die verbliebenen 93 lautet: Eigenmächtige Provokationen sind von sofort an unerwünscht – denn sie sind Chefsache.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.