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Das Trainer-Duell - Löw gegen Klinsmann Aus Partnern werden Gegner

Es ist ein ganz besonderes Duell: Klinsmann und Löw, die beiden Erneuerer des deutschen Fußballs, treten bei einer WM gegeneinander an. Die Fifa verzichtet übrigens auf eine besondere Beobachtung wegen möglicher Ergebnis-Absprachen.

© dpa Das erste Spiel des neuen deutschen Trainer-Duos am 18. August 2004 gegen Österreich.

Die Geschichte begann einen Tag vor dem 40. Geburtstag von Jürgen Klinsmann - und bekommt am Donnerstag in Recife ein ganz besonderes Kapitel dazu. An jenem 29. Juli 2004 trafen sich der damals frisch ernannte Bundestrainer Klinsmann und sein Wunsch-Assistent Joachim Löw am Comer See, um über Fußball, die Nationalmannschaft, Berti Vogts, eine neue Zeit und ein ganz besonderes Projekt zu plaudern - die Weltmeisterschaft in Deutschland.

„Wir sprachen drei Stunden lang im Haus eines Freundes. Die Kinder haben draußen gespielt, da war Halligalli“, erzählte Klinsmann. „Ich bin nicht der Chef, wir sind zusammen in einem Boot“, erläuterte der Schwabe dem Schwarzwälder die wichtigste Prämisse. Während die beiden Männer den Plan zur Entstaubung des deutschen Fußballs entwickelten, tobten Klinsmann-Töchterchen Laila und Sohn Jonathan im Garten.

World Cup 2014 - Klinsmann und Löw © dpa Vergrößern Einigkeit und Recht und Freiheit: Bundestrainer Jürgen Klinsmann (links) und und sein Nachfolger Joachim Löw singen im Sommer 2006 die Nationalhymne.

„Das Verhältnis zu Jürgen Klinsmann ist nach wie vor sehr, sehr gut. Obwohl wir jetzt keinen Kontakt haben bei dem Turnier und auch im Vorfeld nicht hatten, das ist klar“, sagte der aktuelle deutsche Bundestrainer 20 Jahre danach in Brasilien. Zu Beginn war Löw vor allem der Helfer, der akribische Arbeiter, der Taktik-Lehrer. „Ich war 18 Jahre lang Profi. Und in den 18 Jahren konnte es mir kein Trainer erklären, wie sich eine Viererkette verschiebt. Bei Jogi habe ich es in einer Minute verstanden“, erinnerte sich Klinsmann an die erste Begegnung beim DFB-Trainerlehrgang 2000 an der Sportschule Hennef.

„Joachim Löw hat gelernt, er hat sich schon entwickelt“, skizzierte Per Mertesacker die Entwicklung. Der 100-fache Nationalspieler war von Beginn an dabei in der Ära Klinsmann und Löw. „Als Co-Trainer hat er schon viel taktisch gearbeitet. Er ist ein sehr motivierender, aufbauender Trainer. Bis zur Ansprache macht er jetzt alles komplett“, verriet der Wahl-Engländer Mertesacker den Werdegang.

Es steckt viel Klinsmann in Löw

Doch nicht nur als Motivator, als Einpeitscher ist noch eine ganze Menge Klinsmann in Löw. Der Freiburger braucht wie sein Vorgänger die Nähe zur Mannschaft, den Zugriff auf alle Abläufe. Löw zieht seine Linie, seine Philosophie ohne große Kompromisse durch, wie nicht erst die Nichtberücksichtigung von Mario Gomez in seinen Brasilien-Kader zeigte. „Man kann die Rolle vielleicht mit einem Dirigenten vergleichen. Der macht aus den Stars, die alle ihr Instrument beherrschen, ein Ensemble“, hat Löw einmal gesagt.

Der unbequeme Klinsmann, der nach seiner aktiven Zeit mit 108 Länderspielen und dem WM-Titel 1990 in die Heimat seiner Frau Debbie nach Huntington Beach in Kalifornien verlegt hat, war als Bundestrainer mehr der Projektmanager. Er verkündete zur Überraschung aller: „Wir wollen Weltmeister werden.“ Zu Löw betonte der einstige Stürmer: „Was mich fasziniert hat, war seine geradlinige Denkweise.“

Zusammen entrosteten Klinsmann und Löw den altehrwürdigen Deutschen Fußball-Bund, bescherten ihrer Heimat ein WM-Sommermärchen 2006, bei dem sogar die lange versteckten schwarz-rot-goldenen Fähnchen an Autos und in Laubenkolonien wieder gesellschaftsfähig wurden. „Er hat großen Anteil daran, dass in den deutschen Fußball frischer Wind gekommen ist“, sagte Mertesacker über den ehemaligen DFB-Coach.

Soccer: Friendly-USA vs Azerbaijan © USA Today Sports Vergrößern Zwei Bundestrainer, die die Seite gewechselt haben: Jürgen Klinsmann (rechts) und sein Berater Berti Vogts.

Nachdem Klinsmann das große Ziel mit Rang drei verpasst hatte, schob er seinen „Co“ ins Amt. Löw ist seitdem zu einer Konstanten geworden, hat längst seinen eigenen Stil kreiert. „Wir haben den Fußball enorm weiterentwickelt. Unsere Spielweise erkennen die Fans an“, meinte der 54-Jährige mit Stolz, auch wenn ihm noch der ganz große Coup fehlt. Löw ist mehr der Planer, der Feintuner. Über Entscheidungen grübelt der wichtigste Fußball-Lehrer des Landes oft so lange, dass selbst seine Mitstreiter schon ungeduldig werden.

Dennoch „zehren wir immer noch von der Zeit“, die Klinsmann prägte, bemerkte Mertesacker. Teamgeist, Mannschaftsgefühl, Spirit - hier liegt Löw weiter auf der Welle des Wahl-Amerikaners. Viele Mitstreiter von einst sind noch im großen Stab rund um das DFB-Team. „Jürgen ist immer besonders“, betonte Manager Oliver Bierhoff.

Klinsmann hat die berühmten Gummibänder eingeführt, einen Manager installiert, Fitness-Experten aus Amerika importiert, einen Sportpsychologen verpflichtet, auf ein Büro Nationalmannschaft bestanden, Experten aus anderen Sportarten hinzugezogen. Der Widerstand war groß. „Heute ist vieles in der Bundesliga gang und gäbe“, erklärte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

„Wir hätten das beide gern vermieden“

„Natürlich werden viele Emotionen da sein gegen die Mannschaft, die man mit aufgebaut hat und der man die Daumen drückt, dass sie Weltmeister wird“, sagte Klinsmann zum Duell gegen Löw im letzten WM-Gruppenspiel. Dass nun ausgerechnet der US-Coach dem zunächst im Wege steht, ist der brisanteste Punkte des Spiels. Doch auch für Klinsmann steht Einiges auf dem Spiel, die Ansprüche der Amerikaner sind ebenfalls hoch.

„Wir hätten das beide gern vermieden“, hatte Löw schon nach der Auslosung im Dezember des Vorjahres in Costa di Sauipe erklärt. Sein Freund Jürgen ist normalerweise Deutschland-Fan: „Da sitze ich voller Feuer vor dem Fernseher und drücke Jogi und den Jungs die Daumen. Ich schieß’ dem Jogi immer eine SMS durch mit ’nem Glückwunsch.“ Im schwülen Recife wird das anders aussehen. Aber eins ist für den US-Coach, der noch einen Vertrag bis 2018 hat, schon klar: „Meine Freundschaft zu Jogi wird unter dem Strich nicht leiden.“

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Vertrauen hat auch die Fifa: Sie wird das Spiel übrigens nicht intensiver auf mögliche Manipulationen untersuchen als alle anderen WM-Partien. „Jedes WM-Spiel wird genau beobachtet. Wir glauben an und vertrauen in den Gedanken des Fair Play“, sagte FIFA-Sprecherin Delia Fischer am Mittwoch beim täglichen Medien-Briefing des Weltverbandes in Rio de Janeiro. Deutschland und die USA können am Donnerstag (18.00 Uhr MESZ/ZDF) mit einem Remis beide ins WM-Achtelfinale einziehen. „Wir können nicht antizipieren, was passiert, aber wir glauben an den fairen Sportsgeist“, sagte Fischer.

Quelle: FAZ.NET, dpa

 
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