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Fußball-Kommentar : Ignoranz des DFB gefährdet WM-Erfolg

Ilkay Gündogan wurde von einigen deutschen Fans ausgepfiffen. Bild: Reuters

Die Fußball-Nationalelf reist mit dem Geist Erdogans zur WM. Sicher ist: Ohne eine wirklich offene und ehrliche Diskussion ist die Chance auf einen Schulterschluss zwischen dem DFB-Team und ihren Fans nicht gegeben.

          An diesem Dienstag wird die Nationalelf wieder zusammenfinden, um nach ein paar freien Tagen gemeinsam nach Moskau aufzubrechen. 23 Nationalspieler werden die Lufthansa-Maschine in Frankfurt besteigen, dazu mehr als doppelt so viele Trainer, Betreuer und Helfer. Der Abschied vom deutschen Boden wird im Fernsehen übertragen. An Bord der Weltmeister-Maschine wird diesmal allerdings auch ein ungebetener Gast sein: ein Geist. Allerdings nicht der berühmte Teamgeist, der Lieblingsgeist des deutschen Fußballs, sondern jener sinistre Geist, der sich seit vier Wochen bei den deutschen Weltmeistern eingenistet hat und sich vor der Weltmeisterschaft einfach nicht mehr vertreiben lassen will: der Geist Erdogans, der Geist eines Autokraten, der Menschrechte mit Füßen tritt.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Seit Ilkay Gündogan und Mesut Özil, die einem Team angehören, das für Freiheit, Vielfalt und Toleranz stehen will, Erdogans Nähe suchten und diesen Geist damit aus der Flasche ließen, ist die Einheit und Einigkeit zwischen der deutschen Mannschaft und ihren Fans dahin. In den sozialen Netzwerken lässt sich verfolgen, wie unterschiedlich die verschiedenen Communities diese Angelegenheit betrachten und bewerten. Özil, Gündogan und der DFB haben in dieser Sache keine Brücken gebaut, sondern Gräben geschaffen, in denen sich Demokraten, Erdogan-Anhänger und Rechtsradikale immer tiefer verschanzen. Es ist nicht übertrieben, wenn man feststellt, dass es in der jüngeren Vergangenheit unmittelbar vor einer WM noch nie so schlecht um die Stimmung rund um die Nationalelf bestellt war wie in diesen Tagen. Der Geist Erdogans, der über der Nationalelf schwebt, hat den deutschen Fußball gespalten. Ob er bei der Weltmeisterschaft in Russland noch mehr kaputtmacht, das ist wenige Tage vor dem Turnierstart die große sportliche Frage.

          Die WM-Generalprobe am Freitag gegen Saudi-Arabien, am frühen Abend in Leverkusen eigentlich ein Familienevent, stand jedenfalls von Anfang an – und dann unüberhörbar mit der Einwechslung Gündogans nach einer Stunde – im Schatten der politischen Diskussion. Die Nationalmannschaft, ihre sportliche Leitung und die Führung des Verbandes gaben dabei – ob vor oder nach dem Pfeifkonzert eines Teils der Anhänger – ein einziges Bild des Jammers ab. Bundestrainer Joachim Löw, Manager Oliver Bierhoff und Präsident Grindel standen in Leverkusen dabei vor den Trümmern ihres Krisenmanagements. Erst ihre Ignoranz der gesellschaftspolitischen Brisanz, die in den Fotos der beiden deutschen Nationalspielern mit dem türkischen Autokraten steckt, hat aus einer unerfreulichen Begebenheit eine Affäre werden lassen, die nun so groß geworden ist, dass sie die Kraft besitzt, den sportlichen Erfolg des Weltmeisters in Russland zu gefährden.

          DFL-Präsident Rauball hat völlig recht, wenn er feststellt, dass die bisherigen Maßnahmen und Erklärungen des DFB und der Spieler nicht ausreichen. Und auch seine Sorge, ob nach so viel Verspätung und Ignoranz, der Zeitpunkt schon verpasst ist, um dauerhaften Schaden noch abwenden zu können, ist nicht übertrieben. Die Ansicht des DFB-Vizepräsidenten steht jedoch weiterhin im Kontrast zur sportlichen und politischen Führung des DFB, die im Namen von Löw, Bierhoff und Grindel seit Wochen und selbst nach dem Desaster von Leverkusen nur einen einzigen Lösungsweg verfolgt – und der heißt Schlussstrich. Aber längst ist sicher: Ohne eine wirklich offene und ehrliche Diskussion ist die Chance auf einen Schulterschluss zwischen der Nationalmannschaft und ihren Fans nicht gegeben.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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