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Nationalmannschaft : Der gewollte Realitätsverlust

In einer anderen Welt: Häuptling Lukas Podolski und Rasselmann Mesut Özil Bild: REUTERS

Der Einstand der National-mannschaft im „germanischen Dorf“ ist gelungen. Doch das Team hat sich auch abgekapselt. Der Wunsch, von der Wirklichkeit nichts mitzubekommen, muss groß sein.

          Am Montag herrschte Ausnahmezustand rund um Santo André: Öffentliches Training der Nationalmannschaft - einmal, so will es das Reglement, müssen die Teams ihre Pforten öffnen und sich ganz volksnah geben. Im Fall der Deutschen bedeutete das Hochbetrieb für die kleine Fähre über den João de Tiba, die man nicht umgehen kann, wenn man von Süden kommt. Und jede Menge Trubel am Trainingsgelände, an dessen Existenz man eigentlich schon gar nicht mehr glaubt, wenn man auf der Landstraße unterwegs ist und die letzten Hütten von Santo André einem Gefühl von Nirgendwo weichen.

          500 Karten waren unter Regie der Gemeinde verteilt worden, und die Deutschen bemühten sich, gute Gäste zu sein: „Feliz por estar aqui“, stand auf den T-Shirts, die alle Spieler und Betreuer trugen: Wir sind froh, hier zu sein. Und: „Obrigado Bahia“, ein Dankeschön an den Bundesstaat.

          Gelungener Einstand im „germanischen Dorf“

          Die Atmosphäre war heiter, das Wetter stimmte, ein gelungener Einstand. So etwas dürfte die Region noch nicht erlebt haben. Das gilt allerdings auch für die andere Seite: Blaulichteskorten und Polizei mit schwerem Gerät gehören in diesen Wochen zum Alltag in dieser touristischen, aber weitgehend naturbelassenen Region. Und dann ist da ja noch dieses Campo Bahia, eine Insel des Luxus an der Atlantikküste: insgesamt 14 Bungalows, in denen die deutschen Spieler in Grüppchen untergebracht sind - und die der deutsche Projektentwickler Christian Hirmer in der Zeit nach der WM für sehr viel Geld vermarkten wird.

          Das „germanische Dorf“ hat Teammanager Oliver Bierhoff es genannt, und das trifft es schon: Hier haben sich die Deutschen von der als feindlich empfundenen Außenwelt abgekapselt, hier sind sie unter sich. Ungestört - und isoliert.

          Joachim Löw hat immer betont, wie wichtig es bei dieser WM sei, die brasilianischen Verhältnisse anzunehmen: „Wer lamentiert, verliert“, das war sein Motto. Das klang nach einem sympathischen Ansatz: wenn schon nicht echte Neugier, dann doch zumindest die Bereitschaft, sich auf etwas Fremdes einzulassen. Tatsächlich aber hat der Deutsche Fußball-Bund alles unternommen, um so wenig Brasilien wie möglich an sich heranzulassen. Mit dem „deutschen Dorf“ haben sich Oliver Bierhoff & Co. eine deutsche Extrawurst gebraten, wie es sie in der Geschichte der WM-Turniere noch nicht gegeben haben dürfte - ein Hauch von Fitzcarraldo an der brasilianischen Küste. Die Deutschen erinnern an den von Klaus Kinski gespielten Wahnsinnigen, der im Dschungel ein Opernhaus bauen möchte. Für die Schweizer, die nur ein paar Kilometer entfernt logieren, hat es ein gewöhnliches Resort auch getan.

          Symbol des Realitätsverlustes

          Das alles ist aus Sicht der sportlich Verantwortlichen irgendwie verständlich: Natürlich braucht es bei so einem Turnier Konzentration auf das Wesentliche und Räume zur Erholung. Und hinter den Mauern und Zäunen werden sie es sich sicher hübsch machen in ihren Bungalows. Selbst ein Schuss Romantik darf nicht fehlen: die WG-ähnlichen Zustände, die Spaziergänge am Strand, die Fahrten zum Training in Kleinbussen, die das deutsche Team wie eine Jugendmannschaft auf Turnierausflug daherkommen lassen.

          Die Hoffnung ist, dass sich so ein besonderer Geist entwickelt, der im besten Fall ein sportlicher Faktor werden kann. Die ersten Eindrücke lassen das schon als möglich erscheinen. Und doch ist das Campo Bahia mit seinem piekfeinen Trainingsplatz auch ein Symbol des - gewollten - Realitätsverlusts. Von alldem, was eine WM ausmacht, werden die Deutschen hier so gut wie nichts spüren. Um sich derart zurückzuziehen, muss der Wunsch, von der Wirklichkeit nichts mitzubekommen, schon sehr groß sein.

          Quelle: F.A.Z.

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