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40 Jahre Cordoba : Auch WM-Tiefpunkte können Höhepunkte werden

Cordoba ist der gefühlte Tiefpüunkt der deutschen Fußballgeschichte - zumindest bis zum Samstag: Walter Schachner (r) lässt im Bild Berti Vogts links liegen Bild: dpa

Weder Deutschland noch Österreich haben „Cordoba“ 40 Jahre danach wirklich überwunden. Lediglich der Autor Ror Wolf hat den Mythos der 2:3-Niederlage bei der WM 1978 in einer Radio-Collage in den Griff bekommen.

          Literatur ist Spiel mit der Sprache. Und der Weltmeister  des Spiels mit der Fußballsprache ist Ror Wolf. Der Schriftsteller mit Wohnsitz in Mainz, einer der renommiertesten lebenden Autoren deutscher Sprache, war einer der ersten, der sich ab Mitte der sechziger Jahre literarisch mit dem Fußball auseinandersetzte.

          Und zugleich ist Wolf derjenige, der dem runden Leder in einem Jahrzehnt exzessiven Fußballkonsums im deutschen Sprachraum bis heute am meisten Sprache abtrotzte. „Stein, Stinka, Sztany, das sind die Namen von drei ehemaligen Eintracht-Spielern. Es waren aufeinander folgende Klänge wie diese in den Radioreportagen, die mich zum Sprachspiel animierten. Das war damals literarisch nicht ausgereizt“, sagt Wolf.

          Meisterwerk „Cordoba, Juni 13 Uhr 45“

          In den Siebzigern gelangte der Schriftsteller auf diese Weise als Fußballdichter zu Ruhm. Wolf hatte sich damals in allen erdenklichen literarischen Formen am Fußballspiel versucht. Er hat Stanzen geschrieben auf Endspiele um die deutsche Meisterschaft, er hat Moritaten verfasst zu den Weltmeisterschaften. Wolf hat Original-Zitate von Fußballern gesammelt und Sätze wie „Jetzt haue ich wieder voll drauf“ mit einer Freude an der Sprache des Balles in den Rang der Literatur erhoben.

          Die vielleicht wertvollsten Werke schuf der Schriftsteller in seinen Radio-Collagen. Das Meisterwerk unter den – naturgemäß – elf Collagen ist „Cordoba Juni 13 Uhr 45“, eine im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR) produzierte Collage aus den Originalkommentaren der deutschen und österreichischen Radio-Übertragungen des 3:2-Sieges der Österreicher während der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Die Niederlage, die sich am Donnerstag zum 40. Mal jährt, ist bis heute der gefühlte Tiefpunkt der deutschen Fußballgeschichte, der immerhin dank Ror Wolf den literarischen Höhepunkt begünstigte. Damals wie heute war Deutschland übrigens Titelverteidiger bei der WM, am Samstag droht derweil nach der Auftaktniederlage gegen Mexiko in Russland ein neues Cordoba, ein neuer Tiefpunkt im Falle einer Niederlage gegen Schweden.

          Ob eine sportliche Tragödie heutzutage freilich noch einmal ein Kunstwerk Wolf'schen Ranges zur Folge hätte, darf bezweifelt werden. Zum einen ist ein Reporterduell zwischen einem deutschen und schwedischen Radioreporter schlicht literarisch nicht so zu verarbeiten wie der Doppelpass zwischen Norddeutsch und Wiener Schmäh. Zudem befindet sich der noch immer fleißig schreibende Meister Wolf seit Jahrzehnten im verdienten Fußball-Ruhestand. Allein seine Werke „arbeiten“ weiter.

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          Vor jeder Welt- oder Europameisterschaft dürfen beispielsweise der NDR-Mann Armin Hauffe und sein deutlich schlagfertigerer ORF-Kollege Edi Finger samt seines „I werd‘ narrisch“ nach Ror Wolfs Willen in den öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogrammen ihre Reportagen im Wettkampf zwischen deutschem und österreichischem Reporter wiederholen. Das Ereignis jährt sich am Donnerstag zum vierzigsten Mal, zum Beispiel der Hessische Rundfunk sendet aus diesem Anlass bereits am Mittwochabend um 21 Uhr auf HR2 die Collage.

          Finger entschied das Duell der Reporter auf einzigartige Weise für sich

          Der empathische Finger eröffnet das Duell bei Wolf mit Sätzen wie „Das große Spiel beginnt“ und er spricht von einer „Schlacht“, Hauffe kontert nordisch kühl mit sachlichen Beschreibungen wie „gähnende Langeweile“, „die deutsche Mannschaft zeigt nicht den letzten Biss“ oder dem Satz: „Es geht eben um nichts mehr“. Wolf seziert die Reportagen aus dem deutschen und österreichischen Radio so fein, dass er die Grundlage für die Entstehung des österreichischen Cordoba-Mythos verdeutlicht. Ein Spiel, in dem es sportlich um nahezu nichts mehr ging, ist für eine ganze Nation zur verklärten Legende geworden, weil in Wahrheit nicht elf Österreicher elf Deutsche mit 3:2 bezwungen haben, sondern weil Edi Finger das Duell der Radio-Reporter auf einzigartige Weise für sich entschied.

          Ror Wolf suchte und fand in seiner Collage wie in seinem gesamten literarischen Werk im scheinbar Alltäglichen das besonders Aussagekräftige. Der Fußball bot ihm dabei bis zu seiner literarischen Abkehr ein Jahrzehnt lang Material für wunderbare Collagen. „Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt. Es ist eine zuweilen bizarre Welt, in der unablässig Gefühlsschübe aufeinanderprallen. Emotionen, die jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen können: Entzücken in Entsetzen, Begeisterung in Wut, Verzweiflung wieder in Entzücken“, schrieb Wolf 1980 in seinen Worten zum Abschied vom Fußball.

          Heute verfolgt Wolf, der für ganz andere literarische Arbeiten ebenfalls vielfach ausgezeichnet wurde, den Fußball nur noch in einer seiner Stammkneipen oder in seiner Mainzer Wohnung am Fernsehgerät. Ein Stadion hat der größte deutsche Fußball-Poet indes seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr betreten, die Liebe zur Eintracht ist nur noch schwach vorhanden.

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