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Argentinien : Druckwellen aus Buenos Aires

  • -Aktualisiert am

Trägt eine schwere Last: Lionel Messi nach seinem verschossenen Elfmeter Bild: dpa

Argentiniens Nationalteam spürt bei der Fußball-WM die Erwartungshaltung aus der Heimat: Das Remis gegen Island mit dem Fehlschuss von Messi enttäuschten. Gegen Kroatien muss ein Sieg her.

          Die argentinische Fußball-Legende Diego Maradona hat mal wieder den Daumen seiner Hand Gottes gesenkt: „Wenn die Nationalmannschaft so weiterspielt, kann Jorge Sampaoli nicht mehr nach Hause zurückkehren“, sagte er im südamerikanischen Fernsehen. Der Trainer der argentinischen Nationalmannschaft hat einen ziemlich eindeutigen Auftrag. Alles andere als der WM-Titel gilt als eine weitere Enttäuschung. Und was Maradona sagt, hat trotz seiner erfolglosen Trainerkarriere im Anschluss an seine spektakuläre Spielerlaufbahn nach wie vor Sprengkraft. Neben ihm gibt es eine ganze Heerschar an Experten aus den Weltmeister-Generationen 1978 und 1986, die aus den verschiedenen Fernsehstudios heraus den Druck auf die „Albiceleste“ erhöhen.

          Ob Mario Kempes, Sergio Batista oder Daniel Passarella – sie alle haben der aktuellen Generation um Lionel Messi und Javier Mascherano diesen einen entscheidenden Vorteil voraus: Sie sind durch den Titelgewinn einer WM geadelt und lassen es die Generation von heute spüren. Und sie genießen es heimlich, dass sie mit jedem weiteren erfolglosen Turnier der heutigen Generation ihren Status der Einzigartigkeit bewahren.

          Fussball-WM 2018

          Es ist dieser Kontrollverlust, der die argentinische Nationalmannschaft seit Jahren umgibt und immer wieder zu bizarren Konflikten führt. Denn vor allem Messi und Mascherano sind es aus Barcelona gewohnt, dass sie die Rahmenbedingungen weitestgehend vorgeben. Der mächtige Klub hat ein Auge darauf, dass widerspenstige Journalisten schnell an die Kandare genommen werden. Wer es sich in Barcelona mit Messi verscherzt, bekommt es mit der Presseabteilung zu tun. Der lange Arm der Katalanen reicht allerdings nur gelegentlich bis nach Buenos Aires.

          Europa-Legionäre in der Kritik

          Dort ticken die Uhren anders. In Argentinien kommt es nach den großen Turnieren regelmäßig zu kleinen Aufständen gegen die fast durchweg in Europa tätigen Nationalspieler, wenn es wieder einmal nicht gereicht hat für einen Turniersieg bei einer WM oder einer Copa America. Vor nicht allzu langer Zeit versuchten es Messi und Gefährten deshalb mit einer Art Generalstreik und verkündeten im Nationaltrikot ein Schweigegelübde. Sie fühlten sich mal wieder ungerecht behandelt. Mit dem aus Europa gewohnten Mittel des Ausschlusses aus dem Kreis der auserwählten Journalisten sollten die argentinischen Medienvertreter auf Linie gebracht werden.

          Der Fehlschuss, mit dem Argentinien hadert: Messi scheitert amk Isländer Thor Halldorsson

          Bis heute ist das Verhältnis der großen argentinischen Fernsehsender und der einflussreichen Zeitungen Clarin und La Nacion mit ihren Sporttageszeitungen wie „Ole“ zu den „Weißhimmelblauen“ angespannt. Die argentinischen Journalisten würden gerne Erfolge bejubeln wie ihre Kollegen in Manchester, Barcelona oder Turin, doch seit 1993 reisen sie stets von einem großen Nationenturnier ab, ohne von einem Titel berichten zu können. Und so wird mit jedem Turnier, mit jeder Enttäuschung die Kluft zwischen denen, die gewinnen, und jenen, die darüber künden sollen, ein Stückchen größer.

          Bereits nach dem enttäuschenden 1:1 zum Auftakt gegen Island schalteten die argentinischen Medien in der Heimat wieder in den Krisenmodus. Nicht wenige befürchten vor dem richtungweisenden Spiel gegen die glänzend besetzten Kroaten an diesem Donnerstag (20 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und ZDF) das nächste Desaster. Und schon stürzen sich die früheren Weltmeister wieder in die Schlacht. Jorge Valdano, Weltmeister von 1986 und lange Jahre Sportdirektor von Real Madrid, nimmt sich deshalb die Journalisten vor. Er weist die Kritik an Messi zurück. Der sei gegen Island immer von vier, fünf Gegenspielern gleichzeitig umringt gewesen, sagte Valdano in einem Gespräch mit „El Transistor“.

          Aber auch Valdano weiß um die ungeheure Erwartungshaltung, die auf Messi lastet. „Er trägt das enorme Gewicht von 43 Millionen Argentiniern auf seinen Schultern, die den Weltmeistertitel fordern.“ An dieser Drucksituation hätten auch die argentinischen Medien ihre Schuld, so Valdano. Nach jeder Enttäuschung beginne in der Presse eine Jagd auf die Verantwortlichen, und da hätten einige ihre Favoriten. Messi, sagt Valdano, sei aber nicht das Problem, sondern die Lösung: „Das Problem ist die Mannschaft, die nicht strukturiert ist und nicht genug Lösungen anbietet.“

          Gegen taktisch gut aufgestellte Gegner sei es immer das Gleiche, so Valdano weiter. Am Ende verlassen sie sich auf das Talent Messis und hoffen, dass er irgendein Wunder vollbringt. Gegen Kroatien, so spekulieren die Medien, soll es nun Umstellungen geben. Die Mannschaft soll mehr auf Lionel Messi zugeschnitten werden. Wenn auch das schiefgeht, kommen die negativen Schlagzeilen aus Buenos Aires von ganz allein.

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