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Fußball-WM in Brasilien : „Der Protest wird explodieren“

Maske und Gegenmacht: „Ordnung und Fortschritt“ heißt es auf der Nationalflagge. Dieser brasilianische Demonstrant hat davon sein eigenes Verständnis Bild: AFP

In Brasilien organisiert sich der Widerstand gegen die Fußball-WM 2014. Erstmals könnte ein globales Sportspektakel breitflächig als Plattform für den Sozialprotest eines Landes genutzt werden.

          Ein lauer Frühlingsabend in Lapa. Morgen ist Feiertag, und die Menschen strömen auf die Straße. Das Viertel mit seinen vielen Kneipen, Bars, Restaurants und Clubs im Zentrum von Rio de Janeiro wird jetzt von den Nachtschwärmern erobert. Ein Mann zieht sein klappriges Wägelchen, darauf eine große Musikbox, durch die Menschenmenge. Samba-Sound donnert aus dem Lautsprecher, er hofft auf ein paar Reais in der Kasse.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Hier herrscht die absolute Demokratie. Da mischen sich Reiche, Arme, Lebenskünstler, Bettler, Junkies, Prostituierte. Und alle kommen gut miteinander aus“, sagt Gustavo Mehl, als er doch noch in seine Lieblingspizzeria gekommen ist. „Es gibt viel vorzubereiten“, entschuldigt er sich und braucht gar nicht lange, um auf das Thema zu kommen. „Wir werden im nächsten Jahr auf der Straße stehen. Der Protest wird explodieren“, sagt er.

          Er ist dreißig Jahre alt, studierter Stadtplaner und einer der Organisatoren des sogenannten Volkskomitees WM und Olympia – des Comitê Popular. Ein echter Carioca, wie die Einwohner Rio de Janeiros genannt werden, mit wildem Wuschelkopf. Mehl ist zwei Blöcke entfernt vom legendären Maracanã-Stadion aufgewachsen. Ein leidenschaftlicher Fußballfan und Anhänger des Klubs Vasco da Gama.

          Mehl gehört zu den wichtigsten Stimmen der Protestbewegung. Sie kritisiert das Milliardengeschäft mit dem WM-Turnier, prangert Korruption und Misswirtschaft der Politiker und Funktionäre an. Die Bewegung fordert den Staat, aber auch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa) als Veranstalter der WM 2014 so sehr heraus, dass die Politik fürchtet, die WM könne im Chaos enden.

          Auch bei der Auslosung soll es Proteste geben

          Beim Confederations Cup im Juni schaute die Welt auf Brasilien, als in den größeren Städten des Landes Massendemonstrationen stattfanden. Gegen viele Missstände: das schlechte Gesundheits- und Bildungssystem, die marode Infrastruktur, ein heruntergekommenes Transportwesen, zu hohe Ticketpreise im Nahverkehr, geringe Löhne, Wohnungsnot, Preiswucher in den Metropolen. Die Polizei fiel durch überzogenen Einsatz von Tränengas, Gummigeschossen und Knüppeln auf, der Bürgerprotest eskalierte in Straßenschlachten. Staatspräsidentin Dilma Rousseff strengte eiligst einige Reformen an, doch es blieb bei oberflächlichen Korrekturen.

          Am kommenden Freitag findet im Küstenort Costa do Sauípe (Bundesstaat Bahia) die Gruppenauslosung für das WM-Endturnier statt. Auch da wollen die Bürger aufbegehren. „Wir sind gegen das Modell dieser Megasportveranstaltungen, die nur einigen korrupten Eliten im Lande, großen Konzernen und einer fragwürdigen Organisation wie der Fifa nutzen. Sie alle zusammen scheffeln auf unsere Kosten die Milliarden“, sagt Mehl.

          Masse und Macht: Brasilien kann sich auch ganz schön freuen
          Masse und Macht: Brasilien kann sich auch ganz schön freuen : Bild: dpa

          Die Aufgabe für das WM-Organisationsbüro der Brasilianer (Loc), welches für die Fifa das Turnier umsetzt, wird dadurch nicht leichter. Diese Woche krachte noch ein Kran auf die Tribüne des Stadions in São Paulo und beschädigte Teile der neuen Arena. Zwei Arbeiter kamen ums Leben. Der Zeitplan hängt hinterher. Auch an anderen WM-Orten gibt es Verzögerungen.

          Und dann die Proteste. Saint-Clair Milesi hat einen der schwierigsten Jobs. Er muss versuchen, die vielen Brandherde in der öffentlichen Wahrnehmung einzudämmen. Der PR-Chef des Loc ist fürs Schönreden zuständig. „Wir sind auf dem richtigen Weg. Die Dinge entwickeln sich gut. Die WM wird Brasilien voranbringen“, sagt der ehemalige Journalist.

          „Damit können wir doch sehr zufrieden sein“

          Die WM-Organisatoren sitzen draußen im Grünen, in Barra da Tiuja, im Westen Rios, wo die Reichen in den Hochhaustürmen ihre Penthousewohnungen mit Blick aufs Meer besitzen, eingebettet zwischen zwei Lagunen. Hier entsteht auch der Olympiapark für 2016. Der Moloch mit Staus, Abgasen, Gewusel und vielen Problemen ist einige Tunnel weit entfernt.

          Die Fahrt aus dem Zentrum dauert durch den stockenden Verkehr eine halbe Ewigkeit. Der Taxifahrer flucht, schimpft auf die unfähige Regierung, die schlechten Straßen und zeigt auf teure Bausünden in der Landschaft, die Hunderte Millionen verschlungen haben und korrupte Politiker zu verantworten hätten. Ein Desaster.

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