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WM-Serie: 1930 : WM-Premiere in Winterpullovern

Erstes WM-Tor im Schneeregen

So war das, als die WM laufen lernte. Der Peugeot-Automechaniker Lucien Laurent erzielte am 13. Juli 1930 im Schneeregen per Volleyschuß das erste Tor der WM-Geschichte. Die Mannschaft, deren Kapitän Alex Villaplane 14 Jahre später als Kollaborateur hingerichtet wurde, feierte ihren 4:1-Sieg gegen Mexiko in einem französischen Bordell in Montevideo. Noch mit über neunzig Jahren erinnerte sich Laurent, der vor wenigen Monaten mit 97 starb, an die kraftspendenden Details der Feier: „Es gab ein gigantisches Sauerkraut mit Speck und Würsten, dazu Champagner.“ Laurent hatte Glück, daß er sich mit den Kollegen Chantrel und Pinel gut verstand. Sonst stünde als erster WM-Torschütze vielleicht ein anderer in den Büchern. Die beiden erledigten die Presseberichte für die Heimat. In denen tauchte etwa der Mittelläufer Delmer nicht in den Spielberichten auf - weil sie ihn nicht leiden konnten. Mit gerade mal 19 Spielen war eine WM damals einem heutigen Confederations Cup vergleichbar. Nur daß noch keine Pressekonferenzen von Vorbereitungsturnieren live im Fernsehen liefen; sondern daß Spieler (jedenfalls solche, die lesen und schreiben konnten) die WM-Berichte selber verfaßten.

Abpfiff nach 84 Minuten

Damit weitgereiste Gäste nicht nach nur einer Partie schon draußen sein konnten, hatten die Uruguayer vom geplanten K.-o.-System abgesehen. Es gab vier Vorrundengruppen, aber weil nur 13 Teams da waren, fielen sie entsprechend übersichtlich aus. Von den Europäern qualifizierte sich nur Jugoslawien fürs Halbfinale. Die Franzosen verpaßten den Gruppensieg mit einem 0:1 gegen Argentinien - wobei der brasilianische Schiedsrichter das Spiel gleich nach dem Tor für den Favoriten abpfiff. Dabei waren erst 84 Minuten gespielt. Die Spieler mußten wieder aus der Kabine und die Zuschauer vom Platz geholt werden, um die Partie regulär zu beenden. Auch ein bolivianischer Schiedsrichter meinte es gut mit den Südamerikanern. Er verlegte einen Elfmeter gegen Argentinien nach raumgreifendem Nachmessen bis fast an die Strafraumgrenze - im neuerbauten Stadion war kein Elfmeterpunkt markiert. Der Mexikaner Rosas traf aber auch von dort.

Im Halbfinale kamen die Argentinier ohne höheren Beistand aus. Sie gewannen 6:1 gegen die Vereinigten Staaten. Der Ohnmacht seiner Elf schloß sich der Betreuer an, dem das Chloroformfläschchen kaputtging. Mit demselben Ergebnis besiegte Uruguay Jugoslawien (es war, wegen Ärgers mit den Kroaten, ein reines Serbenteam).

Einarmiger Spieler entscheidet Finale

Während das Endspiel vor rund 90.000 Zuschauern im Estadio Centenario das öffentliche Leben von Uruguay und Argentinien zum Stillstand brachte - es gab keine freien Boote mehr über den Rio de la Plata -, waren die europäischen Teams schon wieder auf der Schiffspassage in die Heimat, die von ihren Taten praktisch keine Notiz genommen hatte. In den meisten Ländern Europas erschienen von der WM nur dürre Ergebnismeldungen. Dabei waren die Uruguayer auch in Europa ein Begriff. Bei ihren olympischen Auftritten hatten sie eine neue Art von Fußball vorgeführt: Kombinationsspiel, Doppelpässe, Finten, Tricks.

Ihr großer Star war Jose Leandro Andrade, der im WM-Finale 1930 sein letztes großes Spiel bestritt. Bejubelt als erste „schwarze Perle“, war er nach den Olympischen Spielen 1924 monatelang in Paris geblieben und hatte sich als exotische Attraktion in den Show-Lokalen und Nachtklubs von Paris feiern lassen (später vergaß man ihn, er starb als Bettler mit 55 Jahren). Für die Entscheidung im Finale sorgte mit dem 4:2 in der 89. Minute ein anderer Spieler, der bestaunt wurde wie ein Weltwunder: Hector Castro hatte nach einem Unfall als Kind nur einen Arm.

Einen ausführlichen WM-Bericht veröffentlichte das deutsche Fachblatt „Kicker“ erst drei Wochen später. Noch lag eine Fußball-WM am entferntesten Rand des öffentlichen Interesses. Der Bericht hatte übrigens eine ebenso lange Schiffsreise hinter sich wie die Spieler. Der Autor John Langenus soll sich darin nicht sehr negativ über den Final-Schiedsrichter geäußert haben. Er war es nämlich selber.

Quelle: F.A.Z.

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