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Medien-Wirklichkeit : Ich sehe was, und das ist rund

Fußballbilder und die Wirklichkeit auf dem Platz Bild: dpa

Alles, was der Ball ist: Das Weltbild des Fußballs wird durch Techniker produziert. Es sind nicht dunkle Verschwörer, sondern Mitarbeiter einer Tochter des Rechtehändlers Infront. Was wir sehen, wenn wir im Fernsehen Fußball sehen - eine Stilkritik.

          Es gibt dann doch eine Welt in der Welt. Sie liegt in München, auf dem Messegelände am Stadtrand. Da sitzen hochqualifizierte Techniker im großen „Master Control Room“, sie schauen auf zahllose Monitore, sie bedienen Mischpulte und Computer, und das Ganze sieht so aus, als hätte sich die Nasa von Nam June Paik eine Installation entwerfen lassen. Hier wird das Weltbild produziert. Das Weltbild des Fußballs, die Bilder von den Spielen, die um die ganze Welt gehen, und es sind nicht dunkle Verschwörer am Werk, sondern Mitarbeiter der Firma „Host Broadcast Service“ (HBS), einer Tochter des Rechtehändlers Infront übrigens, an der Günter Netzer beteiligt ist.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im International Broadcast Center wird entschieden, was wir sehen, wenn wir im Fernsehen Fußball sehen. Hier werden die Bilder aus den Stadien empfangen, in denen bis zu 25 Kameras jeden Quadratzentimeter abdecken, und diese Bilder werden dann weitergegeben an 250 Sender auf fünf Kontinenten. Sechs Regisseure führen Weltregie, so heißt das tatsächlich, und das klingt dann doch fast wie in dem Film „Matrix“, wenn der Rebellenführer Morpheus sagt: „Die Matrix ist überall. Sie ist die Welt, die man uns übergestülpt hat.“ Die sechs Weltregisseure komponieren das Hauptmenü, das unsere Wahrnehmung des Spiels präformiert, so wie Windows zum Fenster zur virtuellen Welt geworden ist. Wer lange nicht mehr in einem Stadion war, der weiß deshalb oft gar nicht mehr, wie ein Fußballspiel „wirklich“ aussieht.

          Denn die Übertragung eines Spiels ist eben nicht dessen Dokumentation; sie ist seine Inszenierung, und der Unterschied zu einem Kinofilm liegt darin, daß die Montage der Bilder strengeren Regeln unterworfen ist. Zwischen Finnland und Feuerland, zwischen Australien und den Antillen sieht das Spiel gleich aus. Das ist, zum einen, das Geheimnis seines Erfolgs: die Standardisierung; und das bedeutet zum anderen, daß selbst unterschiedlich verlaufende Spiele sich auf dem Bildschirm entschieden stärker ähneln als im Stadion.

          Raumdeutungen

          Das Fernsehen hat das Fußballspiel grundlegend verändert. Genauer gesagt, es hat es verdoppelt: die zwei Körper des Königs Fußball. Der eine existiert im dreidimensionalen Raum des Stadions, der andere ist zweidimensional wie der Bildschirm. Was wir auf diesem Schirm sehen, das ist eben nicht das ganze Spiel. Es ist ein anderes Spiel, welches zugleich das reale Spiel nach seinen Bedürfnissen geformt hat. Spieler agieren heute nicht mehr „für die Galerie“, wie man früher abfällig sagte; sie spielen auch für die vielen Kameras, die all ihre Schritte verfolgen. Die Choreographie des Torjubels, das Bekenntnis auf dem T-Shirt, sie sind auf den Rängen ja gar nicht so genau zu sehen. Es sind Posen für die Kameras, und die Bilder, die diese Kameras liefern, können die Zuschauer mittlerweile auch in vielen Stadien auf den Videowänden sehen. Man kann deshalb auch nicht diese Form der Wiedergabe kritisieren, weil es zu ihr keine grundsätzliche Alternative gibt. Aber man kann sich die Inszenierung anschauen. Das ist dann Stil- statt Spielkritik.

          Und weil das so ist, gibt es natürlich längst deutsche Beschwerden über das Weltbild, welches die hiesigen Fernsehsender nahezu unverändert laufen lassen, sieht man mal von der Einblendung imaginärer Abseitslinien und Freistoßkreise ab. Nikolaus Brender, der Chefredakteur des ZDF, hat beklagt: „Es war zu häufig die Bildtotale zu sehen und zu selten die emotionale Nähe im Bild umgesetzt.“ Die „Bild“-Populisten behaupten unter Berufung auf anonyme Experten, die Bildtotale sei nur dazu da, die Werbebanden besser ins Bild zu rücken, und Heribert „Gutenabendallerseits“ Faßbender echauffiert sich schon übers Sponsorendiktat für Milliarden Zuschauer.

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