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Kommentatorenkritik Drei Arten, sinnfrei zu berichten

Unsere Fußballreporter sehen ihr eigenes Spiel (Steffen Simon). Ändern ständig ihre Meinung (Reinhold Beckmann). Oder sagen, was alle sehen (Béla Rethy). Einen aber wollen wir loben: Jürgen Klopp. Weil er Kerner nicht zuhört.

© WDR/Herby Sachs Vergrößern Stimmt die Blickrichtung? Steffen Simon

Man kann es machen wie Steffen Simon (Deutschland gegen Polen, ARD), den Kommentar komplett vom Spielgeschehen ablösen, ignorieren, was alle anderen wahrnehmen, und die eigene Stimmung durchhalten. Das ist die Selbstdenkertechnik, bekannt auch als der konstruktivistische Autopilot: „Ich sehe was, was du nicht siehst, und selbst wenn's gar nicht da ist.“ Das Spiel wird dadurch sagenhaft unverständlich.

Man kann es aber auch so machen wie Reinhold Beckmann (Brasilien gegen Kroatien, ARD). Immer, wenn die Brasilianer gerade einen Angriff vortragen, muß man dann etwas sagen wie „Kroatien kommt nicht ins Spiel“, um kurz darauf, wenn Kroatien seinerseits angegriffen hat, zu erklären „Die Kroaten lösen sich jetzt“ oder „Es läuft nicht rund bei den Brasilianern“.

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Man könnte das die Reportageform der sofortkorrigierten Gesamtdiagnose nennen. Oder eben die Adenauertechnik: „Was geht mich mein dummer Befund von vor zwei Minuten an?“ Das Spiel wird dadurch ungeheuer dynamisch.

ARD-Endspielkommentator Reinhold Beckmann © WDR/Axel Berger Vergrößern „Die Kroaten lösen sich jetzt”: Reinhold Beckmann

Kein Durchkommen

Schließlich kann man es auch noch so machen wie Béla Rethy (Schweden gegen Paraguay, ZDF). Der Ball bleibt in der Abwehr hängen - man sagt: „Kein Durchkommen.“ Ein freistehender Spieler bekommt den Ball - „Nunez, völlig frei.“ Trainer Lagerbäck spricht mit Wilhelmson: „Taktische Anweisungen an Wilhelmson.“ Persil ist - Persil. Was alle sehen, was sogar Steffen Simon gesehen hätte, wird dem Bild noch einmal als Ton hinterhergeschickt.

Nicht „Rahn müßte schießen“, sondern „Rahn hat geschossen“. Das ist die Technik der gehobenen Redundanzpflege, das ist der gesprochene Untertitel, Fernsehen für geschlossene Augen. Das Spiel wird sich dadurch äußerst ähnlich. Einwand: Ja, kann man es euch denn nie rechtmachen? Antwort: So tatsächlich nicht.

Eine Art, sinnvoll zu antworten

„Das ist ja eine Unverschämtheit.“ Mehr wußte selbst Johannes B. Kerner am späten Donnerstag abend nicht mehr zu flüstern, als Jürgen Klopp, erfolgreicher Trainer von Mainz 05 und nicht genug zu preisender Fernsehexperte bei der WM 06, auf eine der gewohnt end- und sinnlosen Fragen des Moderators in der ZDF-Arena am Potsdamer Platz - gut, daß er dort ist und nicht im Stadion! - antwortete: „Das weiß ich nicht, ich habe Ihnen nicht zugehört.“

Schon vor dem Spiel der Schweden gegen Paraguay hatte Klopp begeistert, als er die Frage, worauf denn die Deutschen bei ihren möglichen Achtelfinalgegnern achten sollten, mit dem Hinweis beschied, man möge das Spiel doch abwarten. Der frühzeitige Aufbruch der auf der Tribüne versammelten deutschen Nationalmannschaftsspitze bestätigte ihn. Nein, Klopps Auftritte sind keine Unverschämtheit. Daß er Kerner nicht zuhören mag, ist normal.

Quelle: kau. F.A.Z., 17.06.2006, Nr. 138 / Seite 49

 
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