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Joachim Löw : Auf dem Klinsmann-Weg - mit starkem eigenen Profil

Angriffsfußball, Innovation, Reform, Neugier, Weiterbildung - Joachim Löw Bild: REUTERS

Für Joachim Löw als neuen Bundestrainer wird sich kaum etwas ändern. Für die Trainingsinhalte war er auch unter Klinsmann schon verantwortlich. Trotzdem darf man sich Löw nicht als Klinsmann-Kopie vorstellen.

          Unüberhörbar laut wird er nur an seinem Arbeitsplatz. Nicht, daß Joachim Löw die deutsche Fußball-Nationalmannschaft drillte oder wie ein Zuchtmeister brüllte, es ist sein metallklares, voluminöses südbadisches Organ, das er als Stimme der Ordnung im Gewusel der Gruppen- und Einzelübungen einsetzt. Löw versteht es, sich verständlich zu machen. Längst verstehen die besten deutschen Spieler auch diesen Trainer, der für Angriffsfußball, Innovation, Reform, Neugier, Weiterbildung steht und damit ganz im Sinne seines Mentors und Freundes Jürgen Klinsmann am steten Reifeprozeß der ersten Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) arbeitet.

          Roland Zorn

          Sportredakteur.

          Klinsmanns Partner seit zwei Jahren ist am Mittwoch zum Chef und Nachfolger des 41 Jahre alten Schwaben aufgestiegen. Er hat die Beförderung mit der ihm eigenen Selbstverständlichkeit und Gelassenheit gern angenommen, denn Löw, den alle Welt „Jogi“ nennt, muß im Grunde nur so weitermachen wie bisher.

          Eigenes Profil ohne jede eitle Zugabe

          Die Trainingsinhalte hat der von Klinsmann mit einem hohen Maß an Selbständigkeit ausgestattete 46 Jahre alte Fußball-Lehrer ohnehin schon bisher ausgearbeitet und in die Tat umsetzen lassen - neu ist für ihn die ab sofort viel genauer analysierte Außendarstellung seiner selbst, sind die Fragen nach der Autorität des neuen Bundestrainers. Da Löw aber zu den Menschen zählt, die in sich ruhen, zuhören und mit einer manchmal leidenschaftlich aufflammenden Intensität argumentieren können, wird er sein eigenes Profil ohne jede eitle Zugabe schnell sichtbar machen.

          Angriffsfußball, Innovation, Reform, Neugier, Weiterbildung - Joachim Löw Bilderstrecke

          Auch wenn bei seiner Inthronisierung immer wieder das Stichwort Kontinuität fiel und damit die Pflicht beschworen wurde, das Erbe seines erfolgreichen Vorgängers zu mehren, darf man sich Löw nicht als Klinsmann-Kopie vorstellen. Der neue Bundestrainer tritt anders als der extrovertierte Wahlkalifornier weniger missionarisch im Formulieren seiner Ziele auf. Was Löw will, bedarf nicht der Überhöhung. Der exzellente Analytiker komprimiert seine Wortbeiträge auf das für ihn Wesentliche. Das schließt nicht aus, daß er über seine Arbeit am taktischen und spielerischen Vorankommen des Weltmeisterschaftsdritten auch schon mal detailliert oder jugendlich-begeistert dozieren kann.

          Reizvollste Assistentenaufgabe im deutschen Fußball

          Wie Klinsmann ist auch Löw durch Auslandserfahrungen geprägt, die er als Trainer in der Türkei (Fenerbahce Istanbul) und Österreich (FC Tirol Innsbruck), aber auch in der Schweiz erwarb, wo er seine ersten vier von fünf nötigen Trainerscheinen erwarb. Daß er in Deutschland mit dem VfB Stuttgart einmal den DFB-Pokal (1997) gewann und ein Jahr darauf das Europapokalendspiel der Pokalsieger erreichte, ist in Erinnerung geblieben; Löws Erfolge jenseits der nationalen Grenzen dagegen, die österreichische Meisterschaft mit dem FC Tirol, Platz zwei im türkischen Championat mit Fenerbahce, verloren sich im Kleingedruckten.

          Als Klinsmann ihn 2004 zu seinem wichtigsten sportlichen Helfer ernannte, brauchte Löw nur Stunden, um die reizvollste Assistentenaufgabe im deutschen Fußball anzunehmen. Danach zeigte sich schnell, daß der schwarzhaarige Badener, mit ausdrücklicher Billigung seines Chefs, so viel wie noch kein erster Zuarbeiter des Bundestrainers aus seinem Job machte. Löw erwies sich ohne anbiedernden Gestus als loyaler und vor allem überaus kenntnisreicher Zweitchef - und gewann damit rasch an Kontur.

          Akribisch und ohne Angst vor Wiederholung

          Pressekonferenzen mit ihm waren auch deshalb so ergiebig, weil Löw seine Sicht der Dinge exzellent erläutern konnte und auch schwierigen Fragen nie aus dem Weg ging. Selbst in der Zeit, da das deutsche WM-Projekt und sein Leiter Klinsmann heftig kritisiert wurden, erlebte man Joachim Löw nie mißmutig oder gereizt. Seine natürliche Autorität kam auch bei den Spielern gut an, weil der Teamarbeiter Löw ihnen im Verbund mit seinen Kollegen aus dem Klinsmann-Stab zu immer wieder frischen und neuen Erkenntnissen über sich selbst verhalf. Löw ist anspruchsvoll und gründlich. Und deshalb feilt er akribisch und ohne Angst vor Wiederholung auch an vermeintlichen Selbstverständlichkeiten wie den technischen und taktischen Basiswerten der Profis.

          Joachim Löw bekennt sich wie Klinsmann zu jenem Offensivfußball, der die deutsche Mannschaft bei der WM über weite Strecken des Turniers ausgezeichnet hat. Attraktivität kombiniert mit Effektivität strebt dieser Bundestrainer an, der sich um den persönlichen Fortschritt jedes einzelnen Spielers kümmert.

          Weg der Jugend weitergehen

          „Jungen Spielern“, hat er in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gesagt, „muß man den Weg aufzeigen, sie erziehen, daß sie sich bewußt werden, worum es geht.“ (Siehe auch: Joachim Löw: „Wir haben einen Virus eingepflanzt“) Der mit einem Zweijahresvertrag bis zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz ausgestattete Bundestrainer wird den Weg der Jugend weitergehen.

          Da er anders als Klinsmann in Deutschland wohnt, Woche für Woche zu Gast ist in den Bundesligastadien und darüber hinaus ein verträglicher, im persönlichen Umgang überaus angenehmer Zeitgenosse ist, dürfte sein Verhältnis zu den Kollegen der Bundesliga weitgehend störungsfrei sein. So könnte Löw am Ende das ernten, was Klinsmann gegen viele Widerstände gesät hat: Der Titelgewinn, der Deutschland bei der WM noch soeben versagt blieb, soll bei der EM in zwei Jahren gefeiert werden. Dazu gehört viel Glück, aber auch ein überzeugendes Konzept - das zumindest besitzt Joachim Löw heute schon.

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