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Fußball Sage, du habest uns hier spielen gesehen

23.12.2003 ·  Daß sich die „Fußballersprache“ überwiegend aus immer wiederkehrenden Phrasen zusammensetzt, ist allseits bekannt. Dennoch steht die Literarizität des Fußballs außer Frage.

Von Andreas Rosenfelder
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Sätze über Fußball erheben selten den Anspruch, Niegesagtes mitzuteilen. Formulierungen wie "Dann war Rostock am Drücker" oder "Ihr werdet nie deutscher Meister" haben keine Urheber - als Allgemeingut darf sie jeder benutzen, auch ohne Trainerschein und Dauerkarte. Daß die Literarizität des Fußballs dennoch außer Frage steht, beweisen die Pressekonferenzen. So gab der ausgediente Pressesaal des Müngersdorfer Stadions jetzt die beste Kulisse für die von einem echten Schiedsrichter angepfiffene Lesung "Torwort" ab, veranstaltet von den Mitarbeitern verschiedener Fußballmagazine. An dieser Stelle prägte einst Klaus Hartmann, damals Präsident des 1. FC Köln, den Spruch "Zur Zeit leben wir in einem Rückschlag". Heute empfängt ein Pappkamerad von Rudi Völler die hundertfünfzig Besucher, die in Trikots vom FC Liverpool bis hinab zu Fortuna Köln auflaufen, mit einer Sprechblase: "Ja gut, ich sach ma: Herzlich Willkommen!"

Im Kontrast zu diesem unverfälschten Gruß erwies sich das Motiv des Abschieds, von Karl Heinz Bohrer als Kernstück der Moderne entdeckt, als wichtigster Anstoß spielfeldnahen Schreibens. Chaled Nahar, Autor im Fanzine "kölsch live", lobte in seinem hübschen Abgesang aufs alte Müngersdorfer Stadion den "Charme des Verfallenen". Auch Melanie Kaltenbach vom Aachener "In der Pratsch" feierte mit der alten Stadionuhr im Tivoli ein Symbol der Vergänglichkeit - und sagte ihm zugleich ein "unwürdiges Altenteil auf dem Schrottplatz der Moderne" voraus.

„Registrierte Schwenkfahnenartisten"

Fußballfreunde sind Nostalgiker. Das belegen die Elegien in einer Zeit, welche die Stadien zu Tempeln der Familienunterhaltung umgestaltet und den Fan nur noch als "offiziell registrierten Schwenkfahnenartisten" (Kaltenbach) für die Kameras benötigt. Die Lyrik des runderneuerten Fußballs, die sich nicht nur in Stadionnamen verfestigt, bekam vernichtende Rezensionen - am schönsten in einem von Dennis Alexander Meinerts verlesenen Beitrag aus dem Magazin "11 Freunde", wo die absurde Tierwelt pausenfüllender Vereinsmaskottchen wie "Chem-Cat" (Chemnitzer FC) oder "Grotifant" (KFC Uerdingen 05) aufmarschierte.

Der Verdacht gegen Rhetorik sitzt tief in einem Milieu, das seine Sternstunden der harten Erfahrung des sportlichen Existenzkampfes verdankt. In Köln bewegten sich die Lesenden, im wahren Leben oft Versicherungskaufmänner oder Stadtbeamte, im Kollektivuniversum des "grauen Textes" und verlasen oftmals fremde Texte, die ihnen aus der Seele sprachen. Stephan Hanson beispielsweise trug als leidgeprüfter Eintracht-Frankfurt-Fan eine Passage aus dem von Matthias Thoma und Michael Gabriel verfaßten Buch "Das Rostock-Trauma" über den unbewältigbaren Schock der verlorenen Meisterschaft von 1992 vor. Als er mit zitternder Stimme die Aufstellung der Frankfurter Eintracht am 16. Mai 1992 verlas, klang Peter Handkes großes Gedicht "Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg am 27. Januar 1968" an. Daß der Fußball die trojanischen Schlachtgesänge in die Gegenwart verlängert, bewies der Sporthistoriker Erik Eggers ("11 Freunde"). Er näherte sich dem Zusammenhang von Fußball und Katastrophe auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs an, wo deutsche und britische Soldaten in der Todeszone kickten. Die in jeder Fußballreportage aufgegriffene Kriegsmetaphorik besitzt also - der DFB nannte den Ersten Weltkrieg ein "großes Länderspiel" - eine durchaus buchstäbliche Vergangenheit.

Als entspanntes Gegenstück zu solchen Traumata las zum Schluß der Torhüter Lars Leese aus seiner Lebensgeschichte, im vergangenen Jahr unter dem Titel "Der Traumhüter" erschienen (F.A.Z. vom 4. Mai 2002). Mit großem Charme gab Leese, der bis zu seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr in der Oberliga spielte, Einblick in seine über Bayer Leverkusen zum britischen Erstligisten FC Barnsley führende Profikarriere. Und in der Diskussion zeigte er mit einem witzigen Kommentar zur Null-zu-sechs-Pleite seines Ex-Klubs gegen den FC Chelsea, daß selbst abgedroschenste Fußballphrasen beim richtigen Einsatz wie neu klingen: "Wir haben halt das Tor nicht gemacht."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 35
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