Oliver Bierhoff vertritt den deutschen Fußball bestens. Zumindest außerhalb des Platzes.
Während der Rest der Truppe Carsten Ramelow in die Rostocker Innenstadt zum Einkaufen von Videospielen und -filmen schickt, beschäftigt sich Bierhoff lieber mit BWL-Literatur, liest die Financial Times oder studiert Aktienkurse.
So bildet sogar eine Fußballreise - genau wie spielerische Aufenthalte in Monaco, Mailand, Udinese, Ascoli und Salzburg. Der Handlungsreisende in Sachen Fußball beherrscht mehrere Sprachen und hat im Gegensatz zu Rudi Völler auch keine Probleme, englisch gestellte Fragen englisch zu beantworten.
„Ich werde nach der WM entscheiden“
Bierhoff spricht an diesem Dienstag im Presseraum des Rostocker Ostseestadions problemlos mit wissbegierigen US-Journalisten. Unverbindlich gibt der 33-Jährige den Amerikanern allgemeine Einschätzungen für die kommende Weltmeisterschaft.
Wichtigeres hatte er zuvor in kleiner Runde in seiner Muttersprache verkündet: er dankt ans aufhören! „Man sollte nicht zu lange spielen“, sagt er nachdenklich. Nach der WM wird Schluss sein mit der Nationalmannschaft. Das war bekannt; neu ist, das sein Karriere-Ende generell schon 2002 sein könnte. „Ich werde nach der WM vielleicht ganz aufhören.“
„Probleme auch mit dem Trainer“
Bislang hatte Bierhoff stets anders geplant. Doch die Entwicklung der letzten Monate war negativ. Erst beim AC Mailand überflüssig, nun beim international längst nicht mehr erstklassigen AS Monaco zweite Wahl. Von der Tribüne auf die Bank. Immerhin.
Der letzte Treffer, einer von erst vieren, datiert aus dem November 2001. Das frustriert. „Die haben für 45 Millionen einen aus dem Kongo gekauft und der muss spielen“, klagt Bierhoff bitter über die Konkurrenz durch den jungen Shabani Nonda. „Die letzten vier Spiele hatte ich Probleme. Auch mit dem Trainer.“
Der heißt Didier Deschamps und gibt Bierhoff keinerlei Anlass, den auslaufenden Vertrag zu verlängern. Auch wenn es sich ansonsten im Fürstentum gut leben lässt. „Aber wenn man immer auf hohem Niveau gespielt hat, kommt man schon in Schwierigkeiten, einfach nur mitzuschwimmen und im Niemandsland zu spielen.“ Oder gar nicht zu spielen.
Freifahrtsschein für die WM
„Es ist unbefriedigend für ihn und er hat sich das anders vorgestellt“, sagt Rudi Völler. Die gleichen Worte wählte der DFB-Teamchef schon, als Bierhoff beim AC Mailand zum Außenseiter wurde. Völler kann ihm als therapeutische Maßnahme wenigstens am Mittwoch einen Einsatz von Anfang an versprechen.
Die Bühne Nationalmannschaft bietet Bierhoff nach seinem Rücktritt als Kapitän erstmals wieder mehr Lust als Last. „Meine einzige Möglichkeit, mich zu präsentieren.“ Völler fordert Unterstützung. „Oliver muss entsprechend eingesetzt werden.“ Einen Platz in der Anfangself gegen die USA erhält der kopfballstarke Angreifer aber nur, weil die Konkurrenz - Miroslav Klose, Carsten Jancker und Alexander Zickler - verletzt ist.
Angesichts der deutschen Sturmmisere braucht sich der diplomierte Betriebswirt nicht um das WM-Ticket sorgen. Völler hat 18 der 22 WM-Plätze im DFB-Kader fest vergeben - einen an Bierhoff: „Er wird dazu gehören, unabhängig von seinen Einsätzen in Monaco.“
Keine Rückkehr in die Bundesliga
Was danach wird, darüber rätselt der frühere UNICEF-Botschafter noch. „Auch wenn es mir körperlich gut geht, mache ich noch maximal ein Jahr.“ Auszuschließen sei ein Wechsel in die Bundesliga. „Das reizt mich nicht.“ Im Ausland sucht er einen Verein „mit Ambitionen und Emotionen“. Nur suchen die auch einen, der das Tor trifft. Bierhoff kann eine Torquote wie jene in der Nationalelf - 32 Treffer in 60 Länderspielen - längst nicht mehr garantieren.
Ein Jahr Amerika zum Abschluss? „Das ist sicherlich interessant und wäre eine gute Schule.“ Nike ist Bierhoffs Ausrüster. Er plant sein weiteres Berufsleben im Sportmarketing und -sponsoring. „Ich könnte mir in den USA einiges abschauen, das wäre nicht uninteressant.“ Die Fußball-Saison in den USA geht allerdings von März bis Oktober. „Wie soll ich die Zeit überbrücken. Soll ich bis dahin ein halbes Jahr rumsitzen?“ Dann lieber gleich aufhören.